Heroin in Ostberlin

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Heroin in Ostberlin
Anna Haifisch, Chez Schnabel, Spector Books, 2022
Warm und grau
Bisher hielt ich mich in Stendal vornehmlich in der schmucken Stadtmitte auf, da sich dort sowohl meine Unterkunft, die Redaktion sowie viele Einkaufsmöglichkeiten befinden. Außer auf kurzen Streifzügen am Stadtsee oder beruflichen Einsätzen in der etwas peripher gelegenen Fachhochschule, gab es bisher kaum einen Grund, die städtischen Randgebiete aufzusuchen.
Eines Tages jedoch, verspürte ich den Drang nach einem Tapetenwechsel. Ich ließ also die historische Altstadt links liegen und begab mich in eine Plattenbausiedlung. In deren Antlitz glaubte ich, gelegentlich eine verquere Ästhetik ausmachen zu können und versuchte, diese bildlich festzuhalten. Der Grauschleier auf den Fotos wurde nicht nachträglich hinzugefügt. Er hing tatsächlich in der Luft.
Zufällig fand an diesem Tag auch gerade ein Flohmarkt in besagtem Stadtteil statt. Nie zuvor hatte ich so viel DDR-Memorabilien auf einem Haufen gesehen. Disco-Schlager tönte über die Wiese, die Menschen waren entspannt. Es war nicht unbedingt schön, aber auf jeden Fall authentisch. Dagegen wirkt der Schanzenflohmarkt in Hamburg wie ein Jahrmarkt, ein Schaulaufen der Eitelkeiten mit einem gekünstelt wirkendem Interesse an Nostalgie, weil es gerade hip ist, sich einen Holztisch im Shabby-Look in die Küche zu stellen. In Stendal hingegen, so war mein persönlicher Eindruck, greift man zum abgewetzten Secondhand-Tisch, weil ein neuer zu kostspielig wäre.