Stendaler Schauergeschichten (2)
Bislang nahm ich immer an, dass man der Gravitation der Erde nicht entkommen könnte, solange man sich auf ihr bewegte. Seit ich den Weg hinab ins Licht genommen hatte, wusste ich es besser. Ich fiel; in keine bestimme Richtung jedoch, sondern in alle Richtungen gleichzeitig. Aus jeder Ecke des Raums griff eine Hand nach mir, es gab ein wildes Gezerre um meinen Körper. Ihre dürren grauen Finger gruben sich in mein Fleisch und wühlten nach etwas, das ich ihnen sofort überlassen hätte, wenn ich denn gewusst hätte, was es war.
Dann ein dumpfer Knall. Die Pranken ließen von mir und ich glaubte zu spüren, wie ich wieder Teil des Irdischen war. Oben und unten schienen klar definiert und so richtete ich mich auf und blickte mich um. Ich war dort angekommen, wo mich das Licht hingeleitet hatte. Ein Tunnel, dessen Höhe meine Körpergröße nur um zwei Handbreiten überstieg und der nur so breit war, dass sich vier Personen mit etwas Mühe nebeneinander hätten stellen können. Die Wände waren in rechteckigen Kacheln gehalten, die den Gang mit einem verschmutzen Elfenbeinfarbton zierten. Am oberen Ende der linken Wand war alle paar Meter eine Neonröhre angebracht, die gerade so viel Licht spendete, dass man wusste, wo man hintrat, bis man den Schein der nächsten Lampe erreicht hatte.
Die Luft hier unten war modrig und von einer unangenehmen Kälte geprägt, von der ich mir nicht sicher war, ob sie sich mit einem Thermometer hätte objektiv bestätigen lassen. Gelegentlich erinnerte mich ein unregelmäßiges Tropfgeräusch daran, dass mein Gehör noch funktionierte. Es war das einzige, was zu hören war.
Ich machte die ersten Schritte und mein Blick fiel erstmals auf den Fluchtpunkt der Wände – also dahin, wo man für gewöhnlich das Ende des Tunnels, seinen Endpunkt, den Ausgang erwartet hätte. Wie diese vage Formulierung schon erahnen lässt, war das Ende nicht zu sehen. Der am weitesten entfernte Punkt, den mein Sehnerv mir als codierte Information ins Gehirn übertrug, glich einer Miniatur dessen, was ich in dem mich unmittelbar umgebenden Umfeld sah: von schwachem Licht bestrahlte, aufeinanderzulaufende Wände.
Nach einer Weile des Gehens blickte ich mich um. Hinter mir mutete der Tunnel genauso unendlich an wie zu meiner Front. Wie weit war ich schon gelaufen? Wie viele Leuchtstoffröhren zu meiner Linken hatte ich passiert? Kam ich überhaupt voran oder war ich wie ein Hamster im Laufrad, ein Sportler auf einem Laufband, der sich bis zur körperlichen Erschöpfung läuft und dem es gar nicht darum geht, von der Stelle zu kommen?
Es mochten noch einige Minuten des stillen Wanderns vergangen sein, bis ich das erste Mal glaubte, dass der Tunnel schmaler geworden sei. Zunächst nahm ich an, dass die Sinne mir einen Streich spielten – schließlich waren ihre Eindrücke nun seit Längerem gleichförmig und ohne jede Abwechslung – mit der Zeit war ich mir aber meiner Theorie sicher. Ich hob die Arme und breitete sie nach links und rechts aus. Auf beiden Seiten berührten meine Finger die Wand. Der Gang wurde definitiv schmaler.
Plötzlich erlosch das Licht. Das heißt, es erlosch von Röhre zu Röhre gleich einem Dominoeffekt. Zunächst hatte ich es gar nicht bemerkt, weil es hinter mir anfing auszugehen und sich die Dunkelheit hinter meinem Rücken an mich heranschlich. Dann aber nahm ich eine leichte Veränderung der Helligkeit wahr. Instinktiv drehte ich mich um, und sah die schwarze Welle auf mich zurollen. Dann ging auch über mir das Licht aus, ich drehte mich erneut und sah, wie sich das Erlischen fortsetzte, bis auch in der größtmöglichen Entfernung ein letzter heller Punkt verschwand.
Alles war schwarz. Müßig zu erwähnen, dass ich weder meine Hand vor Augen noch irgendetwas anderen zu sehen in der Lage war. Erneut breitete ich die Arme aus und ertastete mir so den Weg. Dann begann ich zu laufen, ohne zu wissen, was vor mir lag. Die kleinste Unebenheit auf dem Boden hätte mich zu Fall bringen können. Weil ich nach wenigen Minuten völlig außer Atem war, hielt ich an. Als das Pulsieren des Blutes im Kopf nachließ und wieder Stille herrschte, bemerkte ich, dass das Tröpfeln nicht mehr erklang. Ich nahm dies als hinreichenden Beweis dafür, dass ich ein gutes Stück vorangekommen war und fühlte eine Erleichterung.
In der gleichen Sekunde dieser Erkenntnis flackerte das Licht für den Bruchteil einer Sekunde auf. Nicht vereinzelt, sondern im gesamten Tunnel. Auch diesmal war es keine Sinnestäuschung, da sich das Schauspiel kurz darauf wiederholte. Ich nahm mir vor, gezielt auf den kurzen Moment der Helligkeit zu warten, um bei seinem Eintreten zu schauen, ob sich eine Ende der Unterführung abzeichnete. Doch dem war offenbar nicht so. Stattdessen machte ich – als die Beleuchtung das nächste Mal für einen kaum messbaren Augenblick einstellte – in der Ferne eine Gestalt aus. Mit jedem stroboskopartigen Anspringen des Lichts schien sie, ein paar Schritte näher zu kommen, obwohl sie sich im Moment der Belichtung nicht bewegte. Ich wartete ab, schätze, wann sie mich erreichen würde. Vielleicht noch zehn Lichtblitze, dann stünde sie womöglich direkt vor mir. Ich korrigierte die Zahl nach unten, als ich bemerkte, dass sich die Distanzen, die die Gestalt in den Phasen der Dunkelheit zurücklegte, offenbar vergrößerten. Noch fünf Lichtintervalle und ihre undefinierter, dunkler Umriss hätte mich ganz sicher erreicht.
Doch sie erschien nicht. Das heißt, vielmehr stoppte der ständige Wechsel von Licht und Schwärze. Es blieb dunkel. Bedeutete das, dass sie schon längst vor mir stand, ohne dass ich es bemerkt hätte? Ich bewegte meine Hände vor mich, um einen etwaigen Körper zu ertasten. Ging ein paar Schritt mit ausgestreckten Armen vorwärts, in der Ahnung, jeden Moment etwas zu erfühlen.
Doch da war nichts. Stattdessen hörte ich in der Ferne wieder ein Tropfgeräusch. Dann ging das Licht an und – noch viel wichtiger – es blieb an. Alle Neonröhren waren wieder angeschaltet. Seit einer gefühlten Ewigkeit, konnten meine Augen wieder in aller Ruhe Reize wahrnehmen, ohne dass sie befürchten mussten, ihnen würde nach wenigen Millisekunden wieder das Licht geraubt.
Zu meiner Verwunderung war der endlose Gang vor mir verschwunden. Ich stand direkt vor einem Aufgang, einer maroden Steintreppe, von deren Spitze frische Luft zu mir hinabzog. Ohne zu wissen, was mich an ihrem Ende erwarten würde, setzte ich den rechten Fuß auf die erste Stufe.