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/ Peter Ruehle
Abstrahierte Wirklichkeiten
Das Grundprinzip der Malerei ist die Auseinandersetzung mit Farbe und Form im Rahmen einer harmonischen oder spannungsreichen Komposition, die das Bildgefüge zusammenhält. Dies gilt gleichermaßen für die abstrakte wie auch figurative Kunst. Und auch die Alten Meister handelten danach.
Betrachten wir beispielsweise das Gemälde “Die Heilige Familie” des italienischen Renaissance-Meisters Andrea del Sarto, welches um 1514 gefertigt wurde und sich heute in der Alten Pinakothek in München befindet. Das als Auftragswerk entstandene Bild zeigt eine Szene des Heilsgeschehens: die prophetische Begegnung von Maria und dem Christusknaben mit dem jungen Johannes dem Täufer und seiner Mutter Elisabeth, flankiert von einem Engel im Hintergrund. Über das Bildthema hinaus feiert Del Sarto in der Gewandung Mariens eine prächtige Farbkomposition aus nuancierten Blau-, Gelb-, Rot- und Violetttönen.
Andrea del Sarto, “Die Heilige Familie”, um 1514
Detail
In der malerischen Umsetzung vermitteln die einzelnen Partien mit den farblich abgesetzten Zwischentönen und dem Spiel aus Licht und Schatten einen vortrefflichen Eindruck von der Plastizität der Figur und der Stofflichkeit des Gewands samt seiner Faltenwürfe. Doch fokussiert man den Blick nur auf den Bereich der Kleidung, entfalten die zueinander in Relation gesetzten Farbbereiche ein geradezu koloristisches Eigenleben, das fast schon einem abstrakten Bildaufbau gleichkommt.
Bei seiner Darstellung bedient sich del Sarto des ursprünglich von Leonardo da Vinci in die Malerei eingebrachten “Sfumato”-Effekts. Dabei handelt es sich um eine Mal-Technik, die das Wiedergegebene hinter einem leicht nebeligen Dunst erscheinen lässt. Die Konturen der Figuren werden somit nicht scharfkantig abgegrenzt, sondern ein Stück weit “aufgeweicht”, was den dargestellten Personen trotz ihrer ruhenden Haltung eine gewisse Lebendigkeit verleiht. Gleichzeitig wird das Geschehen und damit die Heilige Familie durch den malerischen Schleier von der unmittelbaren Realität unseres Lebensbereichs distanzierend entrückt.
Sean Scully, “Land, Sea, Sky”, 1999
Die Wirklichkeit als Vorbild für einen ästhetischen Transformierungsprozess zeigt sich auch in den Fotografien von Sean Scully. Das Werk “Land, Sea, Sky” von 1999 lenkt den Blick von einer mit Gräsern bewachsenen Klippe auf das weite Meer und den darüber liegenden Himmel. Schon der Titel weist schlagwortartig diese drei Teilbereiche als solche aus und tatsächlich geht es bei dieser Fotografie nicht um eine topografische Wiedergabe einer eindeutig bestimmbaren Landschaft, sondern um die Sichtweise des Künstlers auf einen Ausschnitt der Welt. Weniger der versonnene Blick in die Ferne steht hier im Vordergrund, als vielmehr ein abstrahierendes Kompositionsprinzip aus drei querlagernden, jeweils farbig strukturierten Streifen, die sich im zweidimensionalen Bild direkt übereinander schieben. Die Aufteilung der einzelnen Bildelemente orientiert sich dabei am klassischen Proportionsschema des Goldenen Schnitts, dessen Maßverhältnisse einen harmonisch, in sich ruhenden Bildaufbau erzeugen.
Sean Scully, “Cut Ground, 7.5.08″, 2008
Eine ausgewogene Komposition aus Farbfeldern und Streifen bestimmt auch das Aquarell “Cut Ground, 7.5.08″ von Sean Scully. Der Titel der abstrakten Bildfindung legt u. a. Assoziationen zur von Menschenhand geprägten Natur nahe und lässt an Äcker und Querschnitte durch Sedimentschichten denken. Doch auch ohne dass Scully hier in seiner Arbeit auf konkrete Vorlagen verweist, wie etwa Luftaufnahmen von bewirtschafteten Feldern, entfaltet seine Bildfindung und sein Umgang mit Farbe eine fast schon “organische” Wirkung und ist damit selbst ein Stück weit den Prinzipien der Natur verpflichtet.
Felder aus der Vogelperspektive
Sedimentschichten im Gestein
So ist Scullys Farbkomposition im Grunde symmetrisch angelegt, ohne jedoch dabei streng spiegelbildlich zu sein. Sie erlaubt mit schöner Regelmäßigkeit Unregelmäßigkeiten, ganz so wie sie in der Natur vorkommen. Denn auch unser eigenes Erscheinungsbild ist symmetrisch angelegt, ohne dass wir tatsächlich aus zwei identischen Hälften bestehen. Die einzelnen Farbfelder des Bilds sind zudem nicht streng voneinander abgezirkelt, sondern haben, wie organisch gewachsene Strukturen, ihre individuell unterschiedlichen Konturen. Durch den flüssigen Farbauftrag der Aquarelltechnik fließen sie an den Kanten ineinander und überlappen sich dort mit unterschiedlicher Deckkraft. Assoziativ gewinnt man den Eindruck, die Farbfelder würden sich auf natürliche Weise ausweiten, als würden sie pulsieren oder atmen.
Die zu einer Gesamtfläche verdichtete Komposition nimmt den unteren Teil des Papiers ein, ohne dabei bis zu den Rändern zu reichen. Mit seiner “organischen” Struktur ist das Gebilde somit in einen weißen imaginären Bildraum eingebettet, der sich prinzipiell weiter ins Unendliche fortsetzen ließe, ähnlich wie auch unser Planet von den Weiten des Kosmos umgeben wird.
Peter Ruehle, “Amsterdam” (aus der Serie “alphaville”), 2010
Detail
Vergleichbar dazu bettet auch Peter Ruehle seinen Landstrich mit der Stadtsilhouette Amsterdams in weiße Leere, die in der Vorstellung des Betrachters zu Gewässer und Himmel ergänzt werden. Letztlich isoliert Ruehle jedoch das Stadtbild aus seiner natürlichen Verortung und modifiziert und verfremdet es nach seinen eigenen Vorstellungen. Von der Weite betrachtet wirkt die im Verhältnis zum Bildraum als Miniatur wiedergegebene Metropole wie ein farbiger Streifen, der die Mitte des Bilds markiert. Somit ist auch Ruehles Werk eine Form von abstrahierter Wirklichkeit.
Sehen Sie sich unsere aktuellen Werke von Sean Scully und Peter Ruehle zum Thema abstrahierte Wirklichkeit an...
--- Bildquellen (in der angezeigten Reihenfolge): 1. http://archiv.monopol-magazin.de/img/appointments/tn_270_357_muenchen-muesum-alte-pinakothek-andrea-del-sarto-1.jpg 2. https://c2.staticflickr.com/4/3841/14403364350_eba3d06451.jpg 3. http://si.wsj.net/public/resources/images/BN-FJ426_1104sc_H_20141104150747.jpg 4. Galerie Klüser, München 5. http://www.southafrica.diplo.de/contentblob/3309534/Galeriebild_gross/1694524/Feld_Vogelperspektive.jpg 6. https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/34/Fault_limestone.jpg 7. Peter Ruehle 8. Peter Ruehle