Interview mit Silke Markefka und Dr. Veit Ziegelmaier, Teil 2/2
Dr. Veit Ziegelmaier (VZ): Ähnlich und doch anders als bei deinen “Lüstern” verwendest du auch bei den “Archiven” eine sehr reduzierte, tonale Farbigkeit. Und doch erscheint in einem Bild ein blaues Segment, das als primus inter pares aus der Reihe fällt und den Blick auf sich zieht. Ich nehme an, das ist ein absichtlicher Kunstgriff, der neugierig machen soll?
Silke Markefka (SM): Das Bild ist von 2005 und da ich in Serien male, wirkt ein Bild auf das andere ein. Also habe ich eventuell einen blauen Buch- oder Schallplattenrücken aus einem anderen Bild dieser Serie hier mit hereingenommen, den Pinsel eben einfach in eine andere Farbe getaucht. In Archiven sucht man ja meist etwas. Man sucht das eine, besondere Stück, das man gerade braucht, das Aufschluss gibt. Man könnte sagen, dass hier auch eine Referenz auf das Motiv der blauen Blume aus der Romantik mit anklingt...
VZ: Kommen wir zu deinem Werk aus der Serie "Von Vorhängen". Wieder ist es eine stark abstrahierte Wiedergabe einer konkreten Vorlage. Geht es dir hier in erster Linie um die Darstellung von Stofflichkeit und Struktur?
SM: Gaze, Spitze und auch Halskrausen, etwa in den Bildern von van Dyck, Rubens und Velázquez - um nur einige zu nennen -, üben eine große Faszination auf mich aus. Vor diesem Hintergrund habe ich mich immer wieder gefragt, wie man das im 21. Jahrhundert in die Malerei bringt. Dieses Thema beschäftigt mich schon lange. Es gibt eine frühe Serie "Umhalsen", in der ich mich damit bereits auseinandersetze. Diese Halbtransparenz oder dieser Hauch von Stoff - weil mich das als Thema der Malerei beschäftigt hat, bin ich zu den Vorhängen gekommen. Denn die kann ich ins Bild bringen, ohne weiteres Beiwerk, eben ohne Hals, Kopf, Körper. Das Bild als Vorhang - den Vorhang als Bild.
VZ: Das Motiv finde ich als solches sehr spannend. Der Vorhang trennt zwei Bereiche voneinander ab, ohne sie faktisch wie eine Mauer zu teilen. Im übertragenen Sinne hat das etwas metaphysisches oder transzendentes an sich. Etwas ist da, in unmittelbarer Nähe, aber zugleich wie durch einen Sichtschutz abgetrennt. Spielen solche Überlegungen für dich eine Rolle bei der Motivsuche?
SM: Ja, diese vorgeblichen Durchsichtigkeiten interessieren mich. Es lässt viel Platz für eigene Interpretationen und Empfindungen.
VZ: Der Maler Francis Bacon hat sich ja auch immer wieder mit dem Motiv des Vorhangs in seinen Werken auseinandergesetzt. Für ihn war der Vorhang eine Metapher für einen verklärenden Schleier, der sich langsam über die Dinge gelegt hat und den man wegreißen müsse, um sich dem Wahrheitsgehalt, der Brutalität des Faktischen, wie er es ausdrückte, anzunähern. Sind deine Vorhänge in gewisser Weise auch als eine Art Schleier des Vergessens zu interpretieren?
SM: Nein, darum geht es mir nicht - es geht tatsächlich um den Vorhang. Was dahinter ist muss ja nicht unbedingt spannend sein, was davor ist auch nicht - zumindest in meinen Bildern bleibt das offen. Rückzug, Intimität, Sehnsucht und auch das Versprechen eines Blickes hinaus, wenn man ihn zur Seite zieht - das steckt natürlich alles im Motiv des Vorhangs. Aber die Vorhänge selbst zeigen nicht das Davor und kaum das Dahinter, sondern eben das, was wie ein Hauch dazwischen hängt.
VZ: Ich assoziiere deine Vorhangbilder auch im erweiterten Sinne mit Erinnerung. Dabei denke ich an die Bühne und das Theater, wo nach einer unmittelbaren Aufführung der letzte gefallene Vorhang die gerade noch dagewesenen Geschehnisse verhüllt und uns um eine Erfahrung reicher zurücklässt. Kommen dir beim Malen ähnliche Assoziationen oder Gedanken in den Sinn?
SM: Nein, da denke ich vor allem an den Vorhang, den ich jeweils malen will. Es geht um meine Vorstellung von einem Vorhang, den ich gesehen habe und der jetzt quasi in der Erinnerung hängt, und die Frage, wie ich ihn aufs Bild bringe. Es hat also schon etwas mit Erinnerung zu tun. Um die Theatralik eines Final Curtains geht es mir aber eher nicht.
VZ: Kostbare Lüster und prächtig geraffte Vorhänge - mich erinnert das an die Welt der Oper oder des Theaters. Ein verbindendes Element zwischen beiden Werkserien ist aber auch die verheißungsvolle Darstellung von Licht vor einem dunklen Hintergrund. Und wie auch bei den “Archiven” haftet dem Dargestellten etwas Geheimnisvolles an. Ich glaube, anders als bei Francis Bacon, willst du diese Geheimnisse eher bewusst bewahren, als sie zu lüften?
SM: Nun, diese Geheimnisse sind ja in meinen Bildern gerade eben die Lüster oder Vorhänge. Sie selbst stehen für das, worum es geht. Um Oper und Theater geht es mir nicht direkt, auch wenn vielleicht einige Motive daraus anklingen. Meine Sujets zeigen mehr den verblassenden Glanz verheißungsvoller Gesellschaftsanlässe oder besonderer Augenblicke. Dieses Verlangen nach Repräsentation, dieser Versuch, herausgehoben zu sein, etwas Besonderes zu sein oder darzustellen. Es ist dieses Festhaltenwollen von Zeit und Augenblick, diese unerfüllbare Sehnsucht, das, was eigentlich nicht sichtbar ist. Und dieses Repräsentative hole ich selbst ins Bild, mache es mit sichtbar, als Abglanz, als uneingelöstes Versprechen, Vergänglichkeit, Taumel - und aber eben auch als Licht.
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