Mathematik und emotionale Intelligenz
Pi mal Daumen von Alina Bronsky, 2024 bei KiWi; Hörbuch bei DAV, gelesen von Fabian Busch
Für mich funktioniert Humor immer sehr gut, wenn er einerseits durch das Aufeinandertreffen von Kontrasten entsteht und andererseits durch eine nüchterne, nicht der Norm entsprechende Betrachtung der Welt. So auch hier, wo Oscar, der autistisch gezeichnet ist (eine konkrete Diagnose wird nicht genannt), von seinen ersten Erfahrungen im Mathestudium und seiner Begegnung mit der 53-jährigen Moni erzählt. Diese hat zwar schon genug für zwei Menschen zu tun, versucht aber dennoch, sich endlich den Traum eines Mathematikstudiums zu erfüllen. Oscar berichtet und interagiert schonungslos, oft ohne jegliches Taktgefühl, und betrachtet Moni schnell als “sein Projekt” – eine Hilfsbedürftige, der er mit seiner Unterstützung etwas Gutes tut. Natürlich bemerkt er dabei lange nicht, dass es eigentlich Moni, mit ihren Käsestullen und Zimtschnecken, mit ihrer Fürsorge und chaotischen Familie, ist, die ihm das Leben erleichtert und bereichert.
Aus dieser Figurenschilderung lässt sich schon ablesen, dass der Roman auf Stereotypen aufbaut. Oscar emotional ungelenk, Moni so aufopferungsvoll, dass sie sich selbst vergisst und natürlich gekleidet in Leoprint und Pink. Gerade in Richtung Neurodivergenz lässt sich sicher einiges kritisieren, vielleicht auch als problematisch herausarbeiten, aber dafür bin ich nicht die richtige Person. Stimmen von Betroffenen würden mich brennend interessieren. Was ich allerdings neu und interessant finde, ist, dass Oscar aus reichen Verhältnissen kommt und dieses Privileg kaum reflektiert. Meist versteht er nicht, wieso Moni z. B. vier Jobs macht, wenn sie diese doch viel zu sehr vom Studium ablenken. So wird Oscars Position als Person auf dem Spektrum, die in unserer Gesellschaft weniger Privilegien hat, ausgewogen.
Trotz aller Klischees funktioniert die Story auf einem rein narrativen Level. Es ist witzig, wie weltfremd Oscar dem Universitätskosmos und seinen Mitmenschen begegnet und es geht ans Herz, wenn er endlich realisiert, wie sehr er sich an Moni gewöhnt hat und ihre Anwesenheit schätzt. Überrumpelt haben mich hingegen die abrupten Szenenwechsel. Ich habe mir sagen lassen, dass das typisch für die Autorin ist und diese Erzählweise passt auch zu Oscars nüchterner Art, aber mir haben trotzdem die tiefere Auseinandersetzung mit Konfliktsituationen und ihre emotionalen Nachwirkungen gefehlt. So habe ich mich tatsächlich manchmal gefragt, ob im Hörbuch etwas gekürzt wurde (wurde es nicht, das Hörbuch wird aber ganz hervorragend von Fabian Busch gelesen).
Eine Kleinigkeit, die mich wahnsinnig gemacht hat, am Rande: Oscar ist Veganer (isst am liebsten Reis mit Erbsen und Tofu). Das wird zu Beginn anhand seiner Essgewohnheiten etabliert. Trotzdem nimmt er Monis angebotene Snacks wie Käsebrote und Zimtschnecken immer ohne Nachfragen entgegen und isst sie. Fand ich persönlich ärgerlich, weil Buchcharaktere, die sich vegan ernähren, rar sind und wenn sie dann endlich mal vorkommen, hier doch gedankenlos alles verspeisen. Ich weiß nicht, ob das etwas über Oscars Flexibilität (keine Eigenschaft, die er sonst besitzt) aussagen soll oder unbedacht geschrieben und lektoriert wurde.
Spannend ist übrigens auch die Mathematikkomponente und mitschwingend eine Kritik am Hochschulsystem und den zu hohen Anforderungen. Schön werden im Roman verschiedene Welten und ihre Probleme angerissen: Während Moni nicht weiß, wie sie eine Mensakarte bekommt, auflädt und damit ihr Essen bezahlt, hardern Oscar und die anderen Studierenden mit Leistungsdruck und Zeitmanagement. Trotzdem wird eine Lanze für höhere Mathematik gebrochen und einige Komponenten davon beschrieben, die mein Verständnis überschritten haben, an denen ich aber trotzdem Oscars und Monis Leidenschaft und Faszination nachempfinden konnte. Außerdem geben sie einen kleinen Ausblick auf den etwas unerwarteten Epilog des Romans.
Alles in allem gute Unterhaltung mit liebevollen Charakteren, über deren gelungene Repräsentation ich aber nicht zu urteilen vermag.