BULLDOGGEN-NEUNTE!
An der Neunten des guten, alten Ludwig van kann abgelesen werden, dass wir noch gar nicht so lange im Klassik-Zirkel dabei sind. Das beethovensche Flaggschiff hat ja irgendwie jeder schon einmal live erleben dürfen, die Experten sich mehr-, wenn nicht dutzendfach. Für uns war es das dritte Mal, wobei die ersten beiden Konzerte in die Hose gingen: die altehrfürchtige Royal Albert Hall ist einfach viel zu riesig für ein klassisches, unverstärktes Konzert dieser Art – selten so einen bescheidenen Sound gehört. Beim zweiten Mal ging es in die ebenso altehrfürchtige Laeizshalle und auch dort rohrkrepierte das Werk an der dumpfen Akustik. Ok, vielleicht saßen wir unten im Parkett nicht so günstig, aber was solls. Nun also dritter Anlauf, diesmal Elbphilharmonie, die Vorfreude war entsprechend groß…
Noch ist die Liste der sinfonischen Werke, über die ich etwas schreiben kann, weil ich sie schon so gut kenne, noch nicht so lang, aber Beethovens Neunte gehört dazu. Ich habe wirklich viele unterschiedliche Einspielungen gehört, wie zum Beispiel Karajan, Solti, Thielemann, Bernstein, Blomstedt, Herreweghe, Kempe, undsoweiter. So viel kann ich vorwegnehmen: keine war schneller als die von Dirigent Matthias Pintscher in der Elphi!
Bevor es allerdings dazu kam, sang der tolle Arnold Schoenberg Chor das von seinem Namensgeber komponierte Chorwerk „Friede auf Erden“, berauschender 10 Minuten a capella Gesang, den Pintscher direkt in die sphärischen ersten Töne der Neunten lenkt. Das Mahler Chamber Orchestra ist alles andere als „Kammer“: 60 Musiker (durch ihren Chef angestachelt) brettern los wie ein 100-köpfiges Orchester – das macht mir natürlich Spaß! Aber noch einmal zurückgespult, denn ein wichtiges Detail gilt es noch zu betrachten und zwar Pintschers „Erscheinen“ im Großen Saal: ein bisschen wie ein aufgeladener Boxer stampfte er in denselben, konzentrierter, fast starrer Blick, dem möchtest Du Dich jetzt nicht in den Weg stellen! Als musikalische Assoziation meldete sich Guns n Roses mit „Get In The Ring, Motherfucker“ in meinem Hinterkopf. Und so wie er die ersten beiden Sätze dirigierte, entstanden immer wieder andere Bilder bei dieser so anderen Beethoven-Interpretation. Pintscher spornte seine Musiker mit martialischen, fast animalischen Gesten an, ich wartete immer auf den Moment, dass jemand vom Elphi-Backstage-Personal ihm einen Eimer mit rohem Fleisch reinbrachte. Die Musik wurde so wild, neu, rau, Sebastian meinte: fast revolutionär. In meinem Hinterkopf sang Iggy Pop „Raw Power“! So wurden diese ersten beiden Sätze zum rasenden Erlebnis - gut gebrüllt, Maestro!
Der langsame dritte Satz wurde leider etwas problematisch, denn hier eierte Pintscher für meinen Geschmack etwas rum, konnte sich auf keine Linie einigen und das große Gefühl wollte sich somit nicht einstellen. Im vierten Satz mit dem großen Chor und den vier Gesangssolisten kehrte der Maestro zum Aggro-Modus der ersten beiden Sätze zurück, was alle Musiker, Soloisten und Chorsänger sichtlich an ihre Grenzen brachte, aber: alle schafften es, die große Neunte Sinfonie fehlerfrei über die Bühne zu bringen – echte Wahnsinnsleistung bei dem Tempo und der geforderten Intensität!
So wurde es ein wahrlich erstmalig wunderschöner Abend mit der Neunten, bei aller Faszination für den pintscherschen Bulldoggen-Ansatz, eines muss der Dirigent sich gefallen lassen: der große Zauber kann sich bei dieser Herangehensweise nicht einstellen, die Überwältigung ist dem Testosteron gewichen – schade! Mal sehen, wie es die anderen im Juni in der Elphi (Ennoch zu Guttenberg) und im Dezember im Leipziger Gewand (Andris Nelsons) machen – es bleibt spannend mit der Neunten!
Cheers
Marcus












