Wieder ein Zufallsfund: Ho Van
Und erneut Danke für diese Freundlichkeit
In den Großstädten habe ich mir angewöhnt, kein Taxi oder den Bus zu nehmen, sondern bin (fast) auschließlich zu Fuß unterwegs. Man bekommt viel mehr mit von den interessanten kleinen Dingen am Wegesrand, man riecht die Stadt viel besser (was bei den Garküchen sehr interessant ist) und man macht Zufallsfunde.
So wie hier, kaum 100 Meter entfernt vom Tempel der Literatur. Ein kleines Tor, das mit bunten Laternen behängt ist, die vom Stil herbrecht ungewöhnlich sind. Darüber steht Hô Van. Van - See? Auf meinem Stadtplan ist gar kein See eingezeichnet...
Hinter dem Tor herrscht buntes Treiben, bei einer sehr entspannten Stimmung. Es gibt viel mehr von diesen wirklich schönen Lampignons,
und außerdem einen mit bunten Bändern behängten Wunschbaum. Nebenan ist ein kleinervVerkaufstand, an dem ich zunächst nach diesen Bändern frage.
Der junge Vietnamese dort erklärt mir, dass die drei Farben eine bestimmte Bedeutung haben. Gelb steht allgemein für das neue Jahr, rot für das Glück und blau für Fruchtbarkeit und solche Dinge. Außerdem stehen verschiedene Wörter auf den Bändern - wie Gesundheit, Kinder, Geld, Freundschaft, Glück und Ähnliches.
Es handelt sich um ein Projekt des Tempels der Literatur, das jeweils zum Tet-Fest stattfindet. Man kann die Bänder und andere Dinge hier für kleines Geld kaufen, alle Erlöse kommen einigen Dörfern zu Gute, deren Bewohner diese schönen Sachen anfertigen und für dieses Projekt zur Verfügung stellen. Eine gute Sache!
Die Glücksbänder kann man entweder an den Baum binden oder um sein Handgelenk, die Wirkung sei die selbe. Dann also das Handgelenk, Glück und Freundschaft für das kommende Jahr des Schweines. Das „blaue“ Thema dürfte sich wohl erledigt haben.
Der junge Verkäufer ist neugierig, wie alle Vietnamesen - im guten Sinn. Er fragt, woher ich komme und so weiter. Ich antworte (wieder einmal), dass es meine erste Reise nach Vietnam sei und wie sehr ich das Land lieb gewonnen habe. Stimmt ja auch. „Oh, that‘s nice! Welcome to my country!“ kommt es zurück. „my name is Truong“.
Beim Weggehen entdecke ich noch ein kleines Buch, das mich interessiert. Es sei aus Reispapier gefertigt, in Handarbeit, mit einigen Pflanzenfasern zur Stabilisierung darin, erklärt Truong. Es kostet 120.000 Dong (knapp 5 Euro). Da ich mein Bares im Portemonnaie noch für weitere Museumseintritte und die Mittagssuppe in der einer Garküche benötige, frage ich nach einer Kreditkartenzahlung.
Das geht leider nicht - ist aber kein Problem. In der Nähe habe ich eine „ATM - Cashmachine“ gesehen und will eben mal dorthin gehen. „I‘ ll be back soon“. Als der Junge das hört, stutzt er kurz und sagt dann: „No, Sir, but I can offer to you“.
Was will er mir denn anbieten? Nein, er meint nicht anbieten, sondern schenken. Nimmt das Büchlein aus der Verpackung, schreibt hinten etwas hinein, sucht eine Papiertüte als Umverpackung, legt ein Glücksband dazu und gibt es mir strahlend.
Ich schaue hinten hinein, und da steht: Truong Hóng Puc Friend Vietnam“
Also, ich weiß nicht ob das an mir liegt oder ob die Menschen hier einfach wirklich so von Grund auf freundlich sind. Aber wenn das so weiter geht, dann bleibe ich wirklich noch hier... Thank you so very much, my new friend!
Mitten in diesem kleinen Park liegt der Van-See. Auf dem Wasser treiben einige große künstliche Blüten, die Abends beleuchtet werden, wirklich sehr schön gemacht sind die. Ich weiss jetzt schon, wo ich morgen am frühen Abend hingehe, bevor später der Sylvesterzauber an „meinem“ See, nahe dem Homestay, losbricht.
Rund um den See gibt es weitere Produkte diese Dörfer zu sehen, deren Bewohner als Künstler tätig sind. Vieles ist aus Papier gemacht,
anderes aus Bambusflechtwerk herhestellt. Wie diese kleinen Hütten, als Sonnenschutz, für ein Picknick im Garten.
Überall dazwischen hängen diese runden Hinweise auf das Gesamtprojekt. Nur kann mir hier leider niemand sagen, wie die Dörfer heissen und wo sie zu finden sind. Wenn ich zurück im Homestay bin, dann muss ich unbedingt Nu danach fragen. Am Neujahrstag (oder vielleicht besser erst am 06.01.) den Scooter leihen und mich auf die Suche danach machen. Ein schöner Plan für meinen letzten Tag in Vietnam!
Und dann gibt es hier noch viele Kalligraphen, bei denen man sich kunstvoll gestaltete Wünsche auf große Papierrollen schreiben lassen kann. Einer der Männer sticht durch sein Aussehen heraus, neugierig bleibe ich an seinem Stand stehen. Er redet viel mehr mit seinen Besuchern als das er schreibt.
Uralt muss der Mann sein, er hat eine wirklich faszinierende Ausstrahlung. Als er mein Interesse bemerkt, schickt er jemanden, der mir einen Flyer gibt. Und das ist nun wirklich der Kanller:
Cung Khāc Lūóc ist sein Name, über 90 Jahre alt - und lebendes vietnamesisches Kulturgut. Er ist der letzte lebende Vietnamese, der die alten Schriftzeichen, welche vor der Umstellung auf eine den lateinischen Buchstaben angepasste Schrift verwendet wurden, noch wirklich beherrscht.
Er habe einen sehr speziellen Umgang mit andeen Menschen, steht das außerdem. So verbinde er asiatische Weisheit mit altem westlichen Wissen, unter anderenm mathematische Ansätze des Pythagoras. Diese beziehe er in die Struktur seiner Schrift mit ein, was sie einmalig mache. Viele Menschen reissen sich darum, seine Kalligraphien zu bekommen. Er redet aber immer erst lange Zeit mit den „Kunden“, was diese bereits als große Bereicherung empfinden. Und dann, manchmal - aber längst nicht immer - schreibt er etwas für sie auf.
Und es gibt auch noch eine Erklärung für die große Zahl der Kalligraphen, die hier versammelt sind. „Xin chū“ wird diese uralte Tradition genannt, welche auf den Tempel der Wissenschaften zurück geht. Die dort tätigen Schriftgelehrten wurden in den Tagen vor dem chinesischen Neujahrsfest ausgesandt, um dem „normalen Volk“ die Kunst des Schreibens näher zu bringen. Hier, am Van-See.
Professor Cung ist dieses Jahr, erstamls seit einigen Jahren, auch wieder dabei, trotz seines hohen Alters. Um zu verhindern, dass die klassische vietnamesische Schrift in Vergessenheit gerät.
Was für ein Glück also, um das Neujahrsfest hier in Hanoi zu sein. Obwohl dies als absolutes „not to do“ im Reiseführe steht! Und was für ein Glück, zufällig diesen Platz gefunden zu haben...
Diesen Blog widme ich Ina und Tom. Weil eine Baum voll mit guten Wünschen auch bei ihnen stehen könnte.
P.S.: Hier, am Ho Van, bei Cung Khāc Lūóc, lerne ich ein französisches Ehepaar kennen, das seit 7 Jahren in Vietnam lebt. Sie war Zahnärztin in Paris und hat dort alles verkauft, um nach Veitnam zu ziehen. Madame prakiziert nun als Naturheilerin und ist mit dem “anderen Leben” hoch zufrieden. Monsieur ist Fotograf... und er gibt mir einen Tipp. In der kaiserkichen Zitadelle soll es nämlich einen Bunker geben, in dem - während des Vietnamkrieges - das “Politbüro” versammelt war. Offiziell zugänglich sei der Bunker zwar nicht. Aber seine Tür sei auch nicht verrschlossen. Das klingt doch sehr interessant.........