Konzepte für den Gegenwartsdiskurs. Heute: Post Open Source Software (POSS)
von Ben Kaden (@bkaden)
In einem kleinen Beitrag gestern im Fu-PusH-Weblog tauchte ich ein wenig in die Welt der Lexpionage, also dem Aufspüren neuer Wörter ein, was eine der heitersten Facetten der Diskursbeobachtung darstellt und zugleich dank der Sprachschöpfungskraft (oder, wie Mikhail Epstein womöglich sagen würden: semiurgischen Potenz) wunderbarerweise unabschließbar scheint. (vgl. Kaden 2014a)
Die Entwicklung der menschlichen Kultur schöpft immer neue Phänomene, die natürlich ihre Bezeichnung brauchen. Linguistic Capitalism und Post-Internet sind entsprechende Beispiele, die bereits in diesem Tumblr gespiegelt wurden. Der Post-Digital-Scholarship gelang sogar der Schritt aus dem Tumblr in die Berliner Gazette (Kaden 2014b). In wenigen Wochen gibt es in Lüneburg eine Konferenz, die das Konzept in aller Breite entfalten wird.
Ebenfalls in diesen Zusammenhang gehört ein Konzept, dass im September 2012 auf Twitter erstbenannt wurde (https://twitter.com/monkchips/status/247584170967175169) und die Entwicklung von Software im Zeiten von Github beschreibt: Post-Open-Source-Software (POSS). Jeremy Malcolm beschrieb gestern in einem Artikel über die Idee der Creative Commons, was damit bezeichnet wird:
„the phenomenon of so-called POSS (Post Open Source Software), whereby developers simply commit their code to openly available code repositories like Github, and express their disdain for copyright law by deliberately refraining from choosing a license. Unfortunately, this practice casts the reuse of the code into a legal grey zone. Code that is not clearly licensed can be confusing for would-be users, because the default assumption is that most copying and reuse will be infringing if the author hasn't permitted it.” (Malcolm, 2014)
Es handelt sich also der Idee nach um bewusst lizenzlosen Programmcode, was der Twitterer James Governor (@monkchips) initial als „fuck the license and governance” kumulierte. Der Gedanke, überhaupt einen Anspruch auf Anerkennung der Programmierleistung im Sinne einer Werkschöpfung zu erheben, wird danach gänzlich verworfen. Das ist sehr radikales Commons-Verständnis, dem sogar CC Zero noch zu sehr die alten Muster der Lizenzierung und Copyrightability spiegelt. Luis Villa verwies darauf, dass ähnliche Ideen auch im Bereich von Musik und Kunst zu entdecken sind:
„The pushback against licensing isn’t specific to software, either – at least some sharing musicians are deliberately spurning Creative Commons (via Lucas) and Nina Paley has been obliquely making the same point about the licensing of her art as well.” (Villa, 2013)
Allerdings ist die Nicht-Lizenzierung nicht automatisch mit einer Protest- oder Widerstandseinstellung gleichzusetzen. Donny Berkholz verweist in einer Analyse aktueller Lizenzierungspraktiken im Open-Source-Bereich in einem Nebensatz auch auf ein „lack of licensing education“. (Berkholz, 2013)
Kontextualisiert liest sich die Aussage jedoch folgendermaßen:
„Regardless of whether this trend is due to a true rejection of the permissive culture, as Luis Villa suggests, or whether it’s a function of lack of licensing education, the shift from 50% unlicensed single-developer projects to below 25% unlicensed projects with 15 or more contributors cannot be ignored.” (Berkholz, 2013)
Unabhängig davon, ob hier willentlich oder versehentlich nicht-lizenziert wird, zeigt sich, dass die Idee der Lizenzierung im, wenn man so will, Mindset eines großen Teils besonders der auf Github aktiven Open-Source-Programmierer keine primäre Antriebskraft darstellt. Und allein dieses Einstellungsmuster unterläuft bereits die ansonsten dominante Idee einer umfassenden Verwertungskultur.
Richard Fontana, der das POSS-Phänomen ebenfalls intensiv beobachtet und analysiert hat, gelangt allerdings zu einer anderen Einsicht:
„The picture one gets when looking at these cases is not so much that explicit licensing is not occurring, but rather that it is occurring publicly, later than project launch and at the point at which the project begins to attract significant interest.”
Dort wo Code relevant wird und auf eine Nutzung (oder Nutzerbarkeit) zustrebt, wird auch wieder die Lizenzfrage gestellt. Wo und wie POSS-Phänomene wirklich substantiell sind, bleibt also schwer zu beurteilen und dass der Status der Nicht-Lizenziertheit im Rahmen der existierenden Urheberrechts- bzw. Copyright-Regime vor allem Verwirrung stiftet (Radcliff, 2013), erhöht die Komplexität der Angelegenheit zusätzlich in nicht unwesentlichem Umfang. Sollte freilich hinter den POSS-Codes auf Github tatsächlich eine anarchistische „fuck-the-license“-Programmiererzelle stecken, dann könnte genau diese Verwirrung, nun ja, Programm sein.
(Berlin, 24.10.2014)
Quellen:
Danny Berkholz (2013) The size of open-source communities and its impact upon activity, licensing, and hosting. In: Donnie Berkholz's Story of Data. 22.04.2013. http://redmonk.com/dberkholz/2013/04/22/the-size-of-open-source-communities-and-its-impact-upon-activity-licensing-and-hosting/ Richard Fontana (2013) Post open source software, licensing and GitHub. In: opensource.com. 13.08.2013. http://opensource.com/law/13/8/github-poss-licensing Ben Kaden (2014a) Das Vermaschen der Worte: Über Lexpionage und die Frage der passenden Benennung. In: Fu-PusH Weblog. 23.10.2014. https://blogs.hu-berlin.de/fupush/2014/10/lexpionage/
Ben Kaden (2014b) Wissenschaft nach dem Internet: Was ist eigentlich Post-Digital-Scholarship? In: Berliner Gazette. 18.09.2014. http://berlinergazette.de/post-digital-scholarship/
Jeremy Malcolm (2014) Where Copyright Fails, Open Licenses Help Creators Build Towards a Future of Free Culture. In: Electronic Frontier Foundation, eff.org. 23.10.2014. https://www.eff.org/deeplinks/2014/10/where-copyright-fails-open-licenses-help-creators-build-towards-future-free-culture
Mark Radcliffe (2013) Unlicensed FOSS: Major Mistake for Developers. In: Law & Life: Silicon Valley. 01.01.2013. http://lawandlifesiliconvalley.com/blog/?p=708 Luis Villa (2013) Pushing back against licensing and the permission culture. In: Luis Villa, lu.is/blog. 28.01.2013. http://lu.is/blog/2013/01/27/taking-post-open-source-seriously-as-a-statement-about-copyright-law/













