Michel de Certeaus performativer Raum
Was Erwin Panofski im vorigen Post mit der räumlichen Perspektive als mathematisch rationalen dreidimensionalen Raum beschrieb, erhält durch Michel de Certaus räumliche Praktiken eine andersartige Wahrnehmung des Raums.
Für ihn ist “der Raum” mehr abstrakter gedacht. Er ist vor allem das Resultat der von ihm richtunggebenden Aktivitäten. Der Raum ist die Ambiguität einer Realisierung. - Worum gehts nochmal?
Während die Realität vollkommen unabhängig von der Existenz oder Wahrnehmung lebendiger Instanzen ist, entsteht ein Raum vorrangig in den Gedanken der Menschen. Durch peformative Akte letztendlich entsteht dann das, was wir Raum nennen. De Certeau nennt bspw. die Straße, welche in der Realität einfach nur mit ihren rationalen Eigenschaften existiert. Erst durch die Gehenden wird die Straße zu einem Raum.
Das führt de Certeau zu einem interessanten Unterschied zwischen modernen und altertümlichen Karten. Während heutzutage fast ausschließlich mathematisch rationale Karten genutzt werden, wurde die Welt früher mit Wegbeschreibungen erfasst. Eine Karte von einem Pilgerpfad bestand aus der Beschreibung linearer chronologisch sortierter Richtungsanweisungen und Vorkommnissen. “Gehe gradeaus bis zum Tor des Sankt Paulus und biege nach dem nächsten Kloster rechts ab.
Genau hier äußert sich die Performation des Raumes. Die Menschen erschaffen den Raum, indem sie sich darin bewegen. Und sie erinnern sich auch in dieser Weise an den Raum. Für das fotografische Gedächtnis der Vogelperspektivischen Anschauung müssen die Menschen erst gebildet werden.
Während frühe Karten vor dem Aufkommen des wissenschaftlichen Diskurses (also älter als 1500) vermehrt Ereignisse zeigten, wie einen Sturm, ein Gefecht oder einen Rastplatz, rationalisieren sich die Karten im Laufe der Renaissance immer mehr zu detaillierten geografischen Darstellungen.