Ein in Latein beschriftetes Holzbesteck von Johann Heinrich H. ist das älteste Werk der Sammlung. Es entstand 1856 im Irrenhaus am Predigerplatz in Zürich, von wo es der Schnitzer 1867 mit nach Rheinau nahm.
Elke Baliarda , 15:12:2010
Predigerkirche Zürich, Stich nach Bluntschli, 1742
Projektiertes Irrenhaus im alten Spital beim Prediger. C. Escher
© Psychiatrie-Museum Bern
«Geisteskranke» vor der Kamera – was alte Fotografien aus der Zürcher Pflegeanstalt Rheinau verbergen und enthüllen
© Psychiatrie-Museum Bern
Um 1920 gehörte die Zürcher Pflegeanstalt Rheinau zu den grössten psychiatrischen Einrichtungen der Schweiz. Nun geben erstmals historische Fotografien auch aus anderen Anstalten Einblicke in das Leben «hinter Mauern». Sie sind überraschend und beklemmend.
Dorothee Vögeli (Text), Andrea Mittelholzer (Bildredaktion) 09.04.2022
Selbstbewusst blickt der Mann mit dem Federschmuck auf dem Kopf in die Kamera. Eine Art Bastrock und Strumpfbänder bedecken seine Nacktheit. Die exotisch wirkende Figur ist ein Patient der Irrenanstalt Waldau. Er posiert im Türrahmen einer sogenannten Varek-Zelle. So nannte man früher die Isolierzellen. Varek ist eigentlich Seegras.
Mit diesem Material waren die Isolierzellen der psychiatrischen Anstalten gefüllt. Zuvor mussten sich die Patientinnen und Patienten entkleiden. Der abgebildete Mann hat seine Kostümierung wohl selber gefertigt – um die eintönigen Stunden durchhalten zu können.
Neben dem Patienten steht ein Wärter mit Krawatte und blütenweisser, gebügelter Schürze. Er hält einen Vierkantschlüssel in der Hand. Mutig und stolz scheint er den «Wilden» dem Betrachter zu präsentieren. Katrin Luchsinger erinnert die Situation an Fotos der früheren Völkerschauen. Die Zürcher Kunsthistorikerin forscht seit vielen Jahren zur Wechselwirkung von Kunst und Psychiatrie um 1900.
Ein Patient in der offenen Tür einer Isolierzelle. Kantonale Irrenanstalt Waldau, Bern, Fotograf unbekannt, undatiert.
Werbung in eigener Sache
Katrin Luchsinger gab den Anstoss zum Buch «Hinter Mauern» und zur gleichnamigen Ausstellung. Zusammen mit Stefanie Hoch, Kuratorin am Kunstmuseum Thurgau, hat sie das Projekt realisiert. Der eben erschienene Fotoband zeigt erstmals eine Auswahl von Bildern aus zehn psychiatrischen Einrichtungen der Schweiz, die zwischen 1880 und 1935 entstanden sind.
Manche Psychiater setzten das neue Medium ein, um Diagnosen zu stellen. In den Klinik-Archiven sind deshalb Glas-Diapositive, Fotoabzüge und Fotoalben erhalten, die bis jetzt noch nie untersucht worden sind. Die Diapositive verwendeten die Psychiater in Vorträgen vor Fachkollegen oder zur Ausbildung des Pflegepersonals. Ein Teil der Abbildungen ist in psychiatrischen Lehrbüchern wiederzufinden.
Eine Ordensschwester spielt einem Kind Musik auf einem Grammophon vor. Vermutlich Heil- und Pflegeanstalt Marsens, Freiburg, «Musikalischer Idiot», Fotograf unbekannt, undatiert.
Patientinnen in der Luftkur. Pflegeanstalt Perreux, Neuenburg, Office de Photographie Neuchâtel Attinger, undatiert.
Befüllen von Güterloren am Bodensee. Heil- und Pflegeanstalt Münsterlingen, Fotograf Hermann Rorschach, um 1911.
Erhalten geblieben sind auch Schnappschüsse. Sie dokumentieren die «Normalität» des Anstaltslebens. Dazu gehörten bescheidene Abwechslungen wie Tanzanlässe, Wanderzirkusse oder Theateraufführungen. Besonders schön setzt Hermann Rorschach solches in einem privaten Fotoalbum in Szene. Mit seinem Tintenklecks-Test ist der in den Anstalten Münsterlingen, Waldau und Herisau tätige Psychiater berühmt geworden.
Auch Aufnahmen aus der Zürcher Pflegeanstalt Rheinau sind im Fotoband versammelt. Mit über 1000 Patienten war «die Rheinau» um 1920 eine der grössten psychiatrischen Einrichtungen der Schweiz. Die Abteilungen waren nach Geschlechtern getrennt und in «ruhige» und «unruhige» Stationen aufgeteilt. Die meisten Patienten und Patientinnen wohnten bis zum Tod in den Gemäuern des ehemaligen Klosters auf einer Insel im Rhein.
Sonnen der Bettdecken am Rheinufer. Pflegeanstalt Rheinau, Fotograf Friedrich Ris, um 1910.
Zur Anstalt gehörte ein grosser landwirtschaftlicher Betrieb. Die Selbstversorgung erforderte die Mitarbeit der Patientinnen und Patienten. Auf den Fotografien des späteren Klinikdirektors Karl Gehry sind sie beim Heurechen oder bei der Ernte zu sehen. Arbeitende Patienten waren damals aber auch in den anderen Schweizer Kliniken ein beliebtes Sujet, um der Öffentlichkeit die sich modernisierenden Behandlungsansätze vor Augen zu führen.
Die «Arbeitstherapie» hatte der Psychiater Eugen Bleuler, Direktor der Pflegeanstalt Rheinau und der Klinik Burghölzli in Zürich, ins Spiel gebracht. Er sah darin ein probates Mittel, um das Denken der Patienten in «geordnete Bahnen» zu lenken. Für Karl Gehry gehörte das künstlerische Schaffen dazu. Aber auch das Lockern und Zupfen von Varek und Rosshaar, mit dem Matratzen gefüllt wurden.
1910 setzte Gehry Patientinnen einer «unruhigen» Abteilung einprägsam ins Bild: Die Füsse der arbeitenden Frauen versinken in Rosshaar-Ballen. Bewacht werden sie von einer Wärterin. An deren Gürtel hängt ein grosser Schlüsselbund.
Patientinnen beim Rosshaar-Zupfen. Pflegeanstalt Rheinau, Fotograf Karl Gehry, um 1910.
Auch als Kommunikationsmittel gegen aussen nutzten die Klinikdirektoren die Fotografie. Es ging ihnen darum, der Öffentlichkeit ein positives Bild des Lebens «hinter Mauern» zu vermitteln und Vorurteile gegenüber der Psychiatrie abzubauen. Zur Imagewerbung beauftragten die Anstalten professionelle Studios, die saubere und helle Innenräume fotografierten.
Überfüllte Abteilungen mit chaotischen Szenen fehlen gänzlich. Lediglich eine Zwangsmassnahme hat Eingang ins Buch gefunden: Zu sehen ist ein Mann in einem Deckelbad. Nur sein Kopf ragt aus dem Wasser. Mit dieser Methode versuchte man die Patienten zu beruhigen.
Dass es in den Anstalten längst nicht immer geordnet oder gar fröhlich zu- und herging, belegt Eugen Bleuler im Jahresbericht der Pflegeanstalt Rheinau von 1896: «Wie soll ein Kranker Ruhe und Ordnung gewöhnt werden, wenn neben ihm der grösste Teil des Tages ein ganzes oder ein halbes Dutzend Mitpatienten ihm die Ohren voll gellen, sich raufen, Speisen herumwerfen?», schreibt er. Und: «Wie soll er sanftmütig und freundlich werden, wenn er beständig bereit sein muss, sich gegen Misshandlungen anderer zu wehren?»
Den «Wahnsinn» visualisieren
Es ist das grosse Verdienst dieses eindrücklichen Fotobands mit seinen erhellenden Texten, dass er die beschönigenden Aussparungen sorgfältig in den zeithistorischen Kontext einbettet. Auch die zu medizinischen Zwecken eingesetzte Porträtfotografie der «Geisteskranken». Ab Mitte des 19. Jahrhunderts begann die Psychiatrie, den «Wahnsinn» zu visualisieren. Es war der Versuch, psychisches Leiden als körperliche Krankheit ins Bild zu setzen. Der geschulte Blick könne in der Fotografie einen Seelenzustand erkennen, glaubte man damals.
Im Fundus der Irrenanstalt Waldau, dem heutigen Psychiatrie-Museum Bern, hat Katrin Luchsinger 40 Bildnisse von Patienten gefunden, die in einer während 28 Jahren fest installierten Aufnahmesituation posieren mussten. Die Patientinnen und Patienten sassen stets vor einer dunklen Wand. Von der Umgebung wurde höchstens die Ecke einer Stuhllehne preisgegeben. Der Fotograf stellte sich jeweils sehr dicht vor die Aufzunehmenden, bückte sich auf ihre Augenhöhe und nahm ihr Gesicht frontal und ausgeleuchtet auf. Die Bildlegende gab den Namen und die Diagnose der Betroffenen an.
Einen Blick «hinter Mauern» zu werfen, lohnt sich. Nur schon wegen Marie von Ries-Imchanitzky. Die stets schwarz gekleidete Psychiaterin fotografierte und setzte sich auch selber ins Bild. Ries-Imchanitzky stammte aus der heutigen Ukraine und studierte wegen der Unruhen im russischen Zarenreich in Bern. In der Klinik Waldau betreute sie unter anderen Adolf Wölfli bis zu seinem Tod. Erst viel später wurde dessen bildnerisches und dichterisches Werk einem breiteren Publikum bekannt.
Die Ärztin Marie von Ries-Imchanitzky (links) fotografiert eine Gruppe von Pflegenden mit Selbstauslöser. Irrenanstalt Waldau, um 1920.
Adolf Wölfli mit einer Papiertrompete. Irrenanstalt Waldau, Fotografin vermutlich Marie von Ries-Imchanitzky, um 1920.
Eine Pflegerin. Irrenanstalt Waldau, Fotografin Marie von Ries-Imchanitzky, um 1920.
Die Ausstellung «Hinter Mauern» ist derzeit in Heidelberg und später im Kunstmuseum Thurgau sowie im Psychiatrie-Museum Bern zu sehen. Im Kanton Zürich würde sich die Klosterinsel Rheinau als Ausstellungsort anbieten. Das dort geplante Museum steckt aber immer noch in der Warteschlaufe. Immerhin hat nun der Regierungsrat in Aussicht gestellt, dass er den Projektkredit in wenigen Monaten zuhanden des Kantonsrates verabschieden will.
Hinter Mauern. Fotografien in psychiatrischen Einrichtungen 1880 bis 1935. Herausgegeben von Stefanie Hoch, Katrin Luchsinger, Kunstmuseum Thurgau. Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2022. 130 S., 66 S/W-Abbildungen, 35 farbige Abbildungen, Fr. 49.–.
Bis 31. 7. 22 Ausstellung in der Sammlung Prinzhorn in Heidelberg, ab 2. 10. 22 im Kunstmuseum Thurgau (Warth), ab 26. 5. 23 im Psychiatrie-Museum Bern.
Psychiatrie in Zürich: Nie gezeigte Fotos von «Geisteskranken»
Grundriss der Spittals-Gebaüden, ca 1800
Ausschnitt aus dem Murerplan von 1576. Das Predigerkloster mit Spital und Kirchhof
Die Zentralbibliothek, die neben der Predigerkirche steht, ist wohl jedem Studierenden in Zürich ein Begriff. So mancher ist schon durch die Spitalgasse zum Zähringerplatz geeilt, um sich noch einen der beliebten Lernplätze zu ergattern. Jedoch wissen nicht viele, dass dort, wo heute die ZB steht, also auf dem Gebiet zwischen Seilergraben, Hirschenplatz und Zähringerplatz mitsamt der Predigerkirche, einst ein Spital stand. Das erste Spital in Zürich. Ein Spital, das seinen Ursprung noch vor dem Jahre 1204 hatte und über viele Jahrhunderte fortbestand.
Das erste Zürcher Spital – Medizinhistorisches Zürich
Die Psychiatrische Universitätsklinik entstand aus dem "Irrenhaus", das zwischen 1812 und 1817 für rund zwanzig Kranke innerhalb des alten Spitals am Predigerplatz gebaut wurde. Nach dem Bezug des neuen Kantonsspitals in den 1840er-Jahren wandelte sich das Spital zu einer Versorgungsanstalt, die sowohl Geisteskranke als auch chronisch körperlich Kranke beherbergte. Allerdings war 1851 nur etwa ein Zwölftel der 1218 im Kanton Zürich gezählten Geisteskranken im alten Spital am Predigerplatz untergebracht. Die meisten "Irren" lebten nach wie vor in der eigenen Familie oder bei Privaten. Während andere Kantone bereits Anstalten nach ausländischen Vorbildern errichtet hatten, kamen die Diskussionen über den Bau neuer Irrenanstalten in Zürich erst Ende der 1850er-Jahre in Gang.
In den Augen bürgerlicher Ärzte und Gesundheitspolitiker machten die Zustände im alten Spital, aber auch die Fortschritte der Psychiatrie eine Reform der "Irrenpflege" unumgänglich. Ein Dorn im Auge war ihnen vor allem die "fehlerhafte Organisation" des Spitals. Die Räumlichkeiten würden, so der Arzt August Zinn, keine "zweckmässige Sonderung" der Kranken nach Geschlecht, Verpflegungsklassen und Krankheiten erlauben; zudem hätten die Spitalärzte kaum Entscheidungsbefugnisse. Auch Regierungsrat Zehnder forderte 1857 vor der kantonalen Gemeinnützigen Gesellschaft den Bau einer "neuen, zweckmässig organisierten Irrenanstalt". Auf sein Betreiben empfahl die Spitalpflege der Zürcher Regierung zwei Jahre später die Errichtung einer kombinierten Heil- und Pflegeanstalt für 200-240 Kranke. 1861 erwarb der Kanton das künftige Anstaltsgelände in Zürich-Lengg und zwei Jahre später lagen ein Bauprogramm und Baupläne vor. Im Januar 1864 beschloss der Grosse Rat den Bau der neuen Irrenanstalt. Den Namen Burghölzli erhielt sie von der nahegelegenen Stephansburg und dem bewaldeten Hügel, auf dem dieses Wohn- und Wirtshaus stand. Parallel zur Planung des Burghölzlis begannen Regierung und Parlament, die Pflegeplätze des Spitals in das 1862 säkularisierte Kloster Rheinau zu verlegen. 1867 konnte die umgebaute Pflegeanstalt Rheinau mit 451 Kranken, einem Arzt und 29 Wärterinnen und Wärter bezogen werden. Drei Jahre später, im Juli 1870, fand die Eröffnung der Irrenheilanstalt Burghölzli statt, die im Gegensatz zur abgelegenen Rheinau auf einem Hügel in der Nähe der Stadt gelegen war. Ende 1870 beherbergte das Burghölzli 121 Kranke, die von zwei Ärzten und 20 Wärterinnen und Wärter betreut wurden. Kantonale Verordnungen regelten die Organisation der beiden Anstalten sowie die Aufnahme- und Einweisungsmodalitäten, wobei Letztere mit der Zeit durch zivil- und strafrechtliche Bestimmungen ergänzt wurden.
Die Zürcher Anstaltsgründungen standen im Zeichen eines Anstaltsbooms in der Schweiz, der in den 1860er-Jahren einsetzte und um die Jahrhundertwende seinen Höhepunkt erreichte. Das institutionelle Setting der Zürcher Psychiatrie stellte aber insofern eine Ausnahme dar, als hier gleichzeitig zwei komplementär aufeinander bezogene Anstalten geplant und realisiert wurden. Beide Anstalten hatten bald mit Kapazitätsproblemen zu kämpfen, überstieg die Nachfrage doch bereits in den 1870er-Jahren das vorhandene Platzangebot. Anders als ursprünglich geplant, konnte die Rheinau dem Burghölzli nur einen Teil der chronisch Kranken abnehmen, wodurch sich die Abteilungen der Irrenheilanstalt Burghölzli zunehmend mit "unheilbaren" Patientinnen und Patienten füllten.
1883 wurde auf Antrag August Forels das auf dem Burghölzlihügel gelegene frühere Wirtshaus Stephansburg in das Areal einbezogen. Darin wurden jahrzehntelang 25 alte pflegebedürftige Frauen untergebracht. Vom Juli 1921 an war die Stephansburg die erste Kinderstation der Klinik. Seit dem 1. Dezember 1944 ist sie eine offene Abteilung des Burghölzlis, die hauptsächlich Familienpfleglinge, Jugendliche und Rekonvaleszenten aufnimmt, von denen ein Teil einem Erwerb in der Stadt nachgehen kann. Die anhaltende Überfüllung der Anstalten machte nach der Jahrhundertwende wiederholt Aus- und Umbauten notwendig, wobei die Bauvorhaben die jeweils aktuellen Behandlungskonzepte reflektierten. 1903 und 1909 wurde das Burghölzli um zwei Pavillons erweitert, die über Wachsäle, Isolierzimmer und Dauerbäder verfügten. Zwischen 1930 und 1934 sowie 1947 erfolgten weitere grössere Ausbauten.
Trotz Erweiterungen wurde das Konzept des Einheitsbaus immer wieder infrage gestellt. Bereits vor der Eröffnung des Burghölzli wandte sich der Arzt Wilhelm Griesinger, der an der Planung des Burghölzlis beteiligt gewesen war, gegen das Konzept der Einheitsanstalt. Stattdessen forderte er ein differenziertes Versorgungssystem, das nebst einem kleinen, für akute Krankheitsfälle eingerichteten "Stadtasyl" grössere "ländliche Asyle" für Langzeitpatienten umfassen sollte. Psychisch kranke Menschen seien nahe an ihrem Wohnort und, wenn immer möglich, ambulant zu behandeln. Die Idee psychiatrischer "Stadtasyle" konnte er allerdings weder in Zürich noch später in Berlin verwirklichen. Eugen Bleuler, unter dem das Burghölzli zu einer Ikone der modernen Psychiatrie aufstieg, prägte den Begriff Schizophrenie und entwickelte die Arbeitstherapie. Patienten sollten so schrittweise wieder in die Gesellschaft eingebunden werden. Kein Wunder also, dass Bleuler an Griesingers Vision anknüpfte und die psychiatrische Poliklinik initiierte. 1913 wurde sie im Stadtzentrum von Zürich eröffnet. Was aber Bleuler und die nachfolgenden Klinikdirektoren weit stärker beschäftigte als ambulante Strukturen, war die permanente Platznot.
Manfred Bleuler, der Sohn Eugen Bleulers, sprach nach dem Zweiten Weltkrieg von unhaltbaren Zuständen. Obwohl Matratzen für Schwerstkranke auf dem Boden ausgelegt wurden, konnte das Burghölzli nicht mehr alle Patienten aufnehmen. Er warnte vor Epidemien und zunehmender Gewalttätigkeit. Doch der Kantonsrat bewilligte den Kredit für eine neue Klinik zu spät: Am 6. März 1971 kam es in der maroden Anstalt zu einer Brandkatastrophe. 28 Patienten verloren ihr Leben, 15 weitere wurden verletzt Der Grund für die hohe Opferzahl lag darin, dass sich der Brand in einer Aufbruchsphase ereignete. 1968 waren die Umgebungsmauern abgebrochen und deshalb kurz zuvor zwei geschlossene Abteilungen eröffnet worden. Die Feuerwehr konnte wegen der verschlossenen Türen und Fenstern die eingesperrten Menschen nicht rechtzeitig erreichen. Zufälligerweise hielt der Psychiatriepfleger Willi Keller wenige Monate vor der Brandkatastrophe den Alltag in den geschlossenen Männerabteilungen in einer Fotodokumentation fest. Ab den 1950er-Jahren veränderte sich die Psychiatrie in schnellem Tempo. Zum einen durch das Aufkommen von Psychotherapie und Sozialpsychiatrie. Sie betonen die Bedeutung der Umwelt für die Entwicklung psychischer Störungen. Zum zweiten durch das Aufkommen medikamentöser Therapien, welche von körperlichen Bedingungen psychischer Störungen ausgehen. 1953 wurde im Burghölzli zum ersten Mal das Neuroleptikum Reserpin (Serpasil) klinisch geprüft und im folgenden Jahr Chlorpromazin (Largactil) eingeführt. 1958 wurden die ersten Kranken mit Antidepressiva behandelt. Aus der Erhöhung der Zahl von Erstaufnahmen und Wiederaufnahmen der folgenden Jahre lässt sich ablesen, wie sehr diese neuen Behandlungen den Krankheitsverlauf beeinflusst haben. Hospitalisationszeiten wurden verkürzt, gleichzeitig aber die Zahl der Rehospitalisationen erhöht. Der Grund lag darin, dass mit Psychopharmaka behandelte Patienten zwar früher aus der Klinik austraten, aber auch schneller wieder eintraten, weil eine medikamentöse Behandlung noch keine Methode zur Lebensbewältigung vermittelt.
Auch die Einführung der Invalidenrente hat die Betreuungssituation grundlegend geändert. So konnten ab den 1960er-Jahren psychisch Behinderte in betreuten Wohnungen oder Wohngemeinschaften leben, was zuvor für viele schon aus finanziellen Gründen undenkbar war. Zudem konnten dank neuer Finanzierungsmodelle der Invalidenversicherung komplementäre therapeutische Einrichtungen und berufliche Eingliederungsmassnahmen gefördert werden. Ab den 1970er-Jahren prägte die Tätigkeit von Ambros Uchtenhagen für mehr zwei Jahrzehnte die PUK. Er baute 1970 zusammen mit engagierten Mitarbeitenden ein Ambulatorium, eine Tages- und eine Nachtklinik sowie die erste Drogenberatungsstelle der Schweiz auf. Innert kurzer Zeit kamen weitere sozialpsychiatrische Angebote hinzu. Bei seinem Rücktritt 1995 verfügte der Sozialpsychiatrische Dienst über ein weit gefächertes, ausdifferenziertes Angebot für chronisch Kranke, psychiatrische Alterskranke und Drogenkranke. Wissenschaftlich trat Uchtenhagen vor allem im Rahmen der Suchtforschung hervor, so zum Beispiel durch die Evaluation von Methadon- und Heroin-Abgaben in der Schweiz. Als weitere Spezialisierung bildet sich in den 1990er-Jahren die Alterspsychiatrie heraus. 1996 wurde deshalb das Gerontopsychiatrische Zentrum Hegibach eröffnet, das später in einer eigenen Kllinik für Alterspsychiatrie aufging.
Psychiatrische Universitätsklinik Zürich PUK, 1857-2021 (Fonds)









