private Gedanken: Natur
Neulich auf dem Weg zur Bibliothek. Samstag Vormittag. Es war noch einer der Tage, an denen es sehr kalt war. Ich überquere eine Brücke über einen kleinen Kanal und da sehe ich, wie an diesem auf einem Vorpsrung ein paar recht große Vögel - Kormorane, wie ich später in Erfahrung bringe - herumstehen: In Reih und Glied, als würden sie auf einen Befehl warten und doch weniger stramm als eigenwillig - der eine schaut dort hin, der andere tätschelt da ein wenig herum. Sie trockneten wohl ihr Gefieder in der Sonne, das vom Tauchgang nass geworden ist. Ihr Anblick ließ mich ein Moment dort verweilen, bildete diese Szenerie doch einen solchen Bruch zum ganzen Drumherum, zu meinen Gedanken ob der Tagesplanung in der Bibliothek wie zu den ganzen Autos, die da gleich daneben vorbeirasten. Als “das von böse gewordener Zivilisation noch nicht Verwüstete” (Felix Riedel) standen sie da als Antithese mitten in der Großstadt. Dieses Bild stärkte sich vor allem, als ich mich von den Vögeln abwandte und ein paar Meter weiter eine Gruppe sah, die mitten auf dem Platz ‘zusammen’ ‘Sport’ machte - die also unterm wachsamen Blick des ‘Instructors’ Übungen für die ‘Fitness’ absolvierte. - Ich schaute noch aufs Handy: 2°C laut Wetter-App.
So eine Gegenüberstellung ‘Zivilisation/Kultur - Natur’ ist natürlich zweifelhaft, das Verhältnis nur dialektisch zu denken. Eine Möglichkeit, so eine Art geistiger Flucht ins Refugium der Natur anzutreten, in denen alles noch unverdorben und ‘echt’ ist, kann so freilich keine Option sein. Die allgegenwärtigen Tierbilder und -videos, die auch in diesem Sinne die Timelines aufhübschen, sind so verstellt von gesellschaftlicher Vermittlung wie sie nur den Weg in die reflexionslose Infantilisierung anbieten. - So bietet sich also auch beim oben beschrieben Erlebnis weder eine Art Genugtuung ob des 'natürlichen' Lichtblicks dort an, noch die Resignation ob der immer mehr zurückgedrängten ‘natürlichen’ Ordnung. Und doch war es ja nicht die Niedlichkeit der Vögel, die den Kontrast so hervohob, nicht ihre 'lustige’ Reaktion, genauso wenig wie etwas, worin man ‘Mutter Natur’ als überzeitliches Harmoniezentrum halluzinieren könnte, sondern ihr simples und an sich recht unspektakuläres natürliches Verhalten. Der Stachel hier, er sitzt dort, wo Natur für einen Impuls sorgt, der auf sie als ‘erinnerte’ zielt:
“Natur an sich ist weder gut, wie die alte, noch edel, wie die neue Romantikes will. Als Vorbild und Ziel bedeutet sie den Widergeist, die Lüge und Bestialität, erst als erkannte wird sie zum Drang des Daseins nach seinem Frieden, zu jenem Bewußtsein, das von Beginn an den unbeirrbaren Widerstand gegen Führer und Kollektiv begeistet hat. Der herrschenden Praxis und ihren unentrinnbaren Alternativen ist nicht die Natur gefährlich, mit der sie vielmehr zusammenfällt, sondern daß Natur erinnert wird.” (Horkheimer/Adorno)
In dem Moment, in dem ich die Vögel dort sah, stellten sie nicht Fernes, Vergangenes oder Fremdes dar, sondern etwas, das an die ‘eigene’, innere Natur erinnert: Darauf zu reflektieren ist vielleicht gemeint mit dem “Eingedenken der Natur im Subjekt”, mit der “Natur, die in ihrer Entfremdung vernehmbar wird” (Horkheimer/Adorno). Und dies deutet zugleich auf das, was erst sein soll: Die Vögel standen da in der Sonne und präsentieren geradezu das "[S]ein, sonst nichts, ohne alle weitere Bestimmung und Erfüllung" und gemahnten so an das, was an die Stelle von "Prozeß, Tun, Erfüllen" treten könnte - also das, was einen am kalten Samstag Vormittag in die Bibliothek treibt. Und manchmal bedarf es so einem Impuls, einer Erfahrung, dass man wieder gewahr wird, welch gesellschaftliche Vermittlung sich im täglichen Ablauf verbirgt, die sich durch dessen automatisierte Handhabung allzu leicht verdrängen lässt.
Die konkrete Situation hier, mit der Sportgruppe gleich daneben, deutet zudem noch einmal in aller Schärfe auf das Verhältnis von Mensch und Natur: “Als Beherrschende treibt sie ihn in die Mimesis, wo er sie beherrscht, errichtet er ein Regime über sich selbst, das brutaler wird als Natur es je vermochte.” (nochmals Felix Riedel) - Und so musste ich unweigerlich an eine Notiz von Horkheimer denken, als ich weiter zur Bibliothekt lief. Er schrieb zu einem Bild von Pietro Longhi aus dem 18. Jh., auf dem ein eingeschifftes Nashorn von Europäern begafft wird: “Wie weise wirkt das dumme Tier auf dem Bild vor den törichten Menschen, die zu jener Zeit gerade ihre eigenen Gattungsgenossen folterten”. Nun sind wir im 21. Jh., die Verhältnisse anders, die unmittelbare Gewalt von damals verwandelt. - Und wie weise, dachte ich, sahen so die dummen Vogel aus, die dort einfach in der Sonne standen, vor den törichten Menschen, die an diesem Morgen in der klirrenden Kälte freiwillig ihre Körper folterten.











