Bravo. Es hat etwas gedauert, aber ein gewisser Herr Adorno wurde nun also offiziell eingemeindet. Da helfen auch ein paar pseudo-feministische Stümpereien nichts mehr. Dank Gemeinschaftsarbeit von Adorno-Archiv, Suhrkamp und Volker Weiß hat er nun zwischen nordischem Krimi und Populärwissenschaft Asyl gefunden. - ‘Doch warum eigentlich?’, fragt man und schaut sich ein paar Artikel an: Na klar, das Buch liest sich “wie ein Kommentar zum Aufstieg der AfD”, “wie ein direkter Kommentar zu Methode und Ideologie der Rechten seit 2015″, womit es “überraschend aktuell”, ja “aktuell wie nie” ist. Schließlich “schärft er den Blick für ein Phänomen, das heute selten beim Namen genannt wird“ - wer redet und schreibt schon aktuell vom Rechtsextremismus, eben.
Aber Mensch, da saß der staubige Teddy so lange in der Vitrine .. Es kamen ja immer mal Studenten vorbei, aber die gingen auch recht schnell wieder. Diese Themen, dieser Stil, so altbacken. Manchmal muss man doppelt lesen. Und überhaupt, die Zeiten haben sich eben geändert. .. Aber nun hat man ihn so schön und hip angemalt, und da bleibt man auch gern mal länger stehen. Dazu ein Info-Text, ein bisschen Multi-Media. Macht richtig Laune. Und Vielfalt gibt’s auch gleich dazu: Denn hier sieht man “nur einen von vielen Adornos”. Im bunten Adorno-Land, kann man dabei viel entdecken - unter anderem auch das “Einhorn der Kritischen Theorie”, dieses ‘Nichtidentische’ nämlich. Ihr wisst schon, keiner hat’s gesehen und irgendwie ist es magisch.
Das Niveau solcher Ergüsse verlangt konsequenterweise einen Lach- oder Zwinker-Smiley, und es fragt sich, wann die Journaille auch noch dazu übergeht. Doch bevor sich die dauerinfantilen Neuhippies daran machen, wagen sie sich also erstmal ein wenig ins Adorno-Land - eigentlich eine schöne Metapher: Durch ein fremdes geistiges Gebiet, das man mit der eigenen, bunten Brille nur als Wunderland wahrnehmen kann, schlendern die postmodernen Lumpenproletarier so unverbindlich umher, wie es ihrem Kurztakt-Hirn eben angemessen ist - freilich keine Lumpen sammelnd, sondern nur den nächsten glitzernden Schrott für die ganz persönliche ‘trashcan of ideology’ (Zizek).
Doch was ist das nun, was nimmt man inhaltlich mit von ‘diesem’ Adorno?
z.B.: "Den Nationalismus betrachtet er als «Versuch der Selbstbehauptung inmitten der Integration». Wer dächte dabei nicht an die Länder, die sich von der Europäischen Union abwenden?” Oder: Wer denkt bei Neonazis nicht an Polen, eben. (In diesem Sinne: Wollen die arabischen Staaten nicht auch einfach nur Israel ‘integrieren’?) Wer das nicht tut? Kann kein Deutscher sein.
Oder: “Die Philosophie nimmt er ausdrücklich in die Pflicht. Kontemplation verändere nicht die Welt. Zuschauer, die nur kritisieren, hält er für feige, man müsse sich engagieren.” Laptop zu und ab zur nächsten Demo, immer schön ‘Engagement’ zeigen und hier nicht ‘feige’ rumphilosophieren - hat der Teddy gesagt. Dafür muss man auch nicht seine blöden Wälzer da lesen, in solchen Vorträgen kommt man ja viel “unmittelbarer als in den sagenumwobenen Hauptwerken“ an den dialektischen Adorno heran. Das wissen gerade die Journalisten ganz genau, die Sätze mit “Es wäre in seinem Sinne..” einleiten oder mit “..eine seiner aufregendsten Thesen..” ausschmücken. Immerhin sind sie dabei so ehrlich, wie Bauchredner des Affekts es eben sind: Man freut sich so, dass bei den ganzen ‘Highlights’ im Text “die materialistischen Erklärungen zur ‘Konzentrationstendenz des Kapitals’ in den Hintergrund rücken”. Freilich, denn wer Materialismus sagt, sagt Zeitkern, und dann wird es mit Vorträgen über damals aktuelle politische Bewegungen etwas schwierig mit dem ‘aktuell wie nie’. Und vom Kapital fangen wir erst gar nicht an..
Aber gut, eine Adorno-Renaissance steht ja nun auch nicht bevor. Denn seien wir mal ehrlich, er bringt natürlich “keine fundamental neuen Erkenntnisse“. Man freut sich einfach, dass es der alte Herr doch mal auf unser heutiges Niveau geschafft hat. Er gibt eben eine nette “Einladung zum Weiterdenken“, eine Art kleines geistiges Sprungbrett für uns Freidenksportler, bevors zum nächsten geht. - Und so ist auch klar: Übermorgen wird alles vergessen sein. Adorno sitzt wieder in der Vitrine. Die nächste muss gestylt werden. Eventuell wird er irgendwann wieder so bunt daherkommen, vielleicht auch nochmal als männlicher, rassistischer (’Neger’) oder homophober Adorno auftreten.
Aktuell aber kann es noch passieren, dass bunte Neudeutsche in tiefsinniger Pose den Buchdeckel schließen und sich fragen: “Kann man es zuversichtlicher, kraftvoller, aktueller sagen?” Mit ‘es’ meint man das, was man vorher schon wusste. Mit dem Rest meint man, dass man eh nur liest, was man lesen will. Der durchschnitts-deutsche Feingeist hätte sicher einmal anders auf solch einen Vortrag reagiert - etwa, wäre er 1992 veröffentlich worden. Das ist nun kein Argument für eine politisch-taktische Veröffentlichung unter anderen Vorzeichen, sondern ein Hinweis darauf, dass der Text nur so Erfolg haben kann, da die Zeit ihm seiner negativen Kraft für heutige Verhältnisse weitestgehend beraubt hat. (Was etwas über diese, nicht über Adorno sagt.) Bei unserem neudeutschen Leser wird es daher kaum zur “Stichflamme” kommen, die die Konturen des Ganzen erhellt, und das schablonenhaft Rezipierte so nur als weiterer Leuchtstab dienen, den die gesamtdeutsche Lichterkette ‘gegen rechts’ in den Himmel streckt.
“Mitschnitten seiner Vorträge und Vorlesungen stand Adorno kritisch gegenüber. [...] Das Adorno-Archiv setzt sich seit Jahren darüber hinweg und hält ihn damit noch 50 Jahre nach seinem Tod lebendig. Ein erfüllteres Nachleben kann sich ein Autor kaum wünschen.” Den Wunsch eines Autors erfüllen, indem man sich gegen ihn wendet - das muss diese Dialektik sein. Eine solche mit dem Namen Adorno in Verbindung zu bringen, ist wahrlich eine Leistung des Archivs, das in der Taxidermie sicher besser aufgehoben wäre.
Es folgt Adornos Vorbemerkung zu ‘Kultur und Culture’ (1958). Etwas Ähnliches - zumindest soweit ich das sehe - vermisst man im neuen Buch: Bei dem künstlich auf 50 Seiten gestreckten Text und einem 30 Seiten umfassenden Nachwort war wohl einfach kein Platz mehr für solche Ausführungen.
„Wo ein Text genaue Belege zu geben hätte, bleiben dergleichen Vorträge notwendig bei der dogmatischen Behauptung von Resultaten stehen. Er [der Redner, Adorno] kann also für das hier Gedruckte die Verantwortung nicht übernehmen und betrachtet es lediglich als Erinnerungsstütze für die, welche bei seiner Improvisation zugegen waren und welche die behandelten Fragen selbständig weiterdenken möchten auf Grund der bescheidenen Anregungen, die er ihnen übermittelte. Darin, dass allerorten die Tendenz besteht, die freie Rede, wie man das so nennt, auf Band aufzunehmen und dann zu verbreiten, sieht er selbst ein Symptom jener Verhaltensweise der verwalteten Welt, welche noch das ephemere Wort, das seine Wahrheit an der eigenen Vergänglichkeit hat, festnagelt, um den Redenden darauf zu vereidigen. Die Bandaufnahme ist etwas wie der Fingerabdruck des lebendigen Geistes. Indem der Autor von der liebenswürdigen Bereitschaft der Kursleitung Gebrauch macht, all das unumwunden auszusprechen, hofft er, wenigstens einigen der Mißdeutungen vorzubeugen, denen er sonst unweigerlich sich aussetzt.“
https://www.nzz.ch/feuilleton/was-theodor-w-adorno-1967-ueber-den-rechtsradikalismus-sagte-ld.1499266?mktcid=nled&mktcval=107_2019-08-05&kid=nl107_2019-8-4
https://m.tagesspiegel.de/kultur/adorno-zum-50-todestag-die-vernunft-der-verrueckten/24588444.html
https://www.sueddeutsche.de/kultur/aspekte-des-neuen-rechtsradikalismus-adorno-rezension-suhrkamp-1.4531555
https://www.spiegel.de/kultur/literatur/aspekte-des-neuen-rechtsradikalismus-von-theodor-w-adorno-a-1280586.html