»Wir sind die Liebermanns«: Die Geschichte einer Familie
by Regina Scheer
anders erzogen
Marianne Liebermann war anders erzogen worden. Daß sie als Ehefrau und Mutter in einem jüdischen Haus eine wichtige, vielleicht die wichtigste Person war, wußte sie auch so. Sie war ohne Klavierunterricht und Poesiealben aufgewachsen, ohne Theateraufführungen und literarische Abende, für sie war die Religion eine ernste Angelegenheit. An Bildung genügte ihr, was ihre früh verstorbene Mutter ihr beigebracht hatte, was sie aus den heiligen Büchern wußte und was ihren Haushalt und das Geschäft betraf.
Unglück der Könige
In seinem Haus verkehrten bekannte Persönlichkeiten, der Arzt Ludwig Traube, der Physiker von Helmholtz, der Bildhauer Reinhold Begas, auch der alt gewordene Arzt und Politiker Johann Jacoby, der im November 1848 als Abgeordneter der Nationalversammlung dem König Friedrich Wilhelm IV. zugerufen hatte: »Das ist das Unglück der Könige, daß sie die Wahrheit nicht hören wollen!« Jacoby war der bekannteste deutsche Demokrat des 19. Jahrhunderts und daß Adolph mit ihm verkehrte, zeigt seine unabhängige Gesinnung, trotz des großbürgerlichen Lebensstils.
Antisemitismus
Noch haben sie das Wort Auschwitz nie gehört. Erst einmal werden sie andere Wörter lernen müssen. Weltkrieg. Gasmaske. Inflation. Emigration. Judensau. Nein, das werden sie gekannt haben. So vornehm ihre Häuser waren, so dicke Mauern gab es nicht, da waren genug Ritzen, durch die das Wort Judensau kroch.
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