Das Ende der Illusionen: Politik, Ökonomie und Kultur in der Spätmoderne (edition suhrkamp)
Wenn man eine in der Soziologie und der politischen Debatte vertraute Begrifflichkeit verwenden will, könnte man die Spätmoderne in einem ersten Zugriff als eine Gesellschaft des radikalisierten Individualismus umschreiben. Sie treibt gewissermaßen jenen Individualismus, welcher der Moderne von Anfang an eigen war, auf die Spitze.
Plakativ gesagt, erweist sich die Spätmoderne damit als eine äußerst ambitionierte Gesellschaftsform, in der nicht mehr der Durchschnitt genügt, sondern von den Individuen, Dingen, Ereignissen, Orten und Kollektiven erwartet wird, dass sie diesen Durchschnitt hinter sich lassen. Erst die Singularisierung des Sozialen verspricht Befriedigung, Prestige und Identifikationskraft, erst sie macht die Menschen und die Welt aus Sicht der spätmodernen Kultur wertvoll.
Hinzu kommt, dass jedoch auch in der neuen Mittelklasse die Frustration bei jenen groß ist, die den eigenen ambitionierten Maßstäben nicht zu genügen vermögen: Der singularistische Lebensstil enthält ein systematisch begründetes hohes Enttäuschungspotenzial.
Die einzelne Stadt ist zum kulturellen Gut geworden, das Aufmerksamkeit und Wert beansprucht. Dies ist in der Tat neu: In der Industriegesellschaft sollten die Städte im Wesentlichen Funktionen des Arbeitens und Wohnens erfüllen, in der Spätmoderne hingegen werden Berlin und Seattle, Amsterdam und Singapur, Sao Paulo und Melbourne, Kapstadt und Freiburg kulturell gedacht, das heißt entlang von Eigenschaften wie Attraktivität und Authentizität, Interessantheit und Lebensqualität bewertet.
Die Debatte in den USA, Großbritannien und Frankreich nimmt ihn zunehmend wahr, während man sich in Deutschland bisher um die Einsicht in diese Auseinanderentwicklung eher herumgedrückt hat und dem Mythos der umfassenden Mittelschicht beziehungsweise dessen Krise weitgehend treu geblieben ist. Es gibt aber keine »Krise der Mittelschicht«, weil es die Mittelschicht gar nicht mehr gibt. Man sollte das undifferenzierte Reden von »der Mittelschicht« aufgeben und stattdessen die Spaltung der Mittelklasse in die beiden genannten Segmente beziehungsweise neuen Klassen zu Kenntnis nehmen: in die neue Mittelklasse und die alte! Diese teilen zwar noch einige formale Merkmale - so ein im Verhältnis zur Oberklasse und zur neuen Unterklasse mittleres Einkommen sowie ein Interesse an Statusinvestition -, aber ihre Lebensrealitäten sind sehr verschieden.
Die spätmoderne Kultur verspricht dem Individuum subjektive Erfüllung in einer Weise wie keine zuvor und suggeriert ihm, ein Recht auf dessen Realisierung zu besitzen, und lässt doch immer wieder diese subjektive Erfülltheit als ein Phantasma scheinen, dem das reale eigene Leben - außer vielleicht in bestimmten, herausgehobenen Momenten - kaum je genügt.
Bemerkenswert ist dabei, dass der Populismus tatsächlich (anders als viele etablierte Linke oder Konservative) den Zusammenhang aller drei Krisenmomente wahrnimmt und darauf Antworten formuliert: Die sozioökonomische Krise des Neoliberalismus soll so durch eine nationale Regulierung der Wirtschaft beantwortet werden, die soziokulturelle Krise des Linksliberalismus durch eine Stärkung nationaler Identität und einen Kampf gegen Kosmopoliten und Migranten, die demokratiepraktische Krise der »Postdemokratie« durch eine illiberale Demokratie, die auf eine Identität zwischen Politik und Volk setzt. Vor dem Hintergrund der sich polarisierenden Klassenstruktur der Spätmoderne, in der neuen Mittelklasse, alte Mittelklasse und prekäre Klasse einander gegenüberstehen, gibt der Populismus damit den Deklassierungs- und Entwertungsängsten und dem antiliberalen Ressentiment von Teilen der kleinstädtisch-ländlichen traditionellen Mittelklasse und (einheimischen) prekären Klasse einen Resonanzraum.
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