In Disarray 033 - Rolande Garros (tape only mix)
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In Disarray 033 - Rolande Garros (tape only mix)
Interview mit Mutandini Karl
Mutandini Karl alias Charlotte Simon betreibt gemeinsam mit Toben Piel und Benny Bascom das Frankfurter Tape-label MMODEMM. Im August veröffentlichten sie erstmals Stücke einer Kassette, „MDM D“ auch auf Vinyl. In Zukunft soll das Songmaterial der bereits herausgebrachten Kassetten ebenfalls im Schallplattenformat erscheinen, sowie Neuveröffentlichungen auf beiden Medien. Diese werden ab sofort vom Londoner Label Lobster Theremin vertrieben und sind somit in jedem gut sortierten Plattenladen europaweit zu finden. Darüber hinaus ist sie Teil des Experimental-Electro Duos Les Trucs, mit dem sie zwei Alben und zahlreiche Eps veröffentlichte und durch Europa und Japan tourte. Charlottes Erinnerungen an einen Konzertabend in Japan:
„Die Zuschauer waren immer total dankbar. Ab der ersten Sekunde des Konzerts standen alle im Konzertraum, viele in der ersten Reihe, und blieben bis zum Schluss. Später zeigten sie dir dann noch „guck‘ hier, ich habe eure Platte gekauft“ und wollten tausende Fotos mit dir schießen.“
2014 beschlossen sie, eine Konzert- und Aufnahmepause zu machen. Von da an widmete sich Charlotte ihren Solo-Projekten Mutandini Karl und Host Stewart; Toben trat unter seinem Pseudonym Rolande Garros auf. Zeitgleich begleiteten sie weiterhin unter dem Namen Les Trucs Musicals, Theaterstücke und Opern live mit ihrer Musik – meist erzeugt durch Synthesizer, Drum Machines, Sequenzer und diverse Effektgeräte. Zum Beispiel vertonten sie eine Lesung des Romans „Der Fuchs“ von Drehbuchautor Nis Momme Stockmann, der aktuell für den Leipziger Buchpreis nominiert ist. Außerdem inszenierten sie in Zusammenarbeit mit Schorsch Kamerun, Sänger der Goldenen Zitronen und Gründer des Golden Pudel Club, die Outdoor-Oper „Frankfurter Rendezvous“ am Schauspiel Frankfurt. Im Winter 2016/17 wollen Les Trucs ein neues Album aufnehmen und anschließend auf große Tour gehen.
Lukas: Hallo Charlotte! Ich weiß, du kommst ursprünglich aus Mainz. Warum bist du nach Frankfurt gezogen? Was hat dich an der Stadt gereizt?
Charlotte: Hallo! Ja, ich war schon immer eher lokal unterwegs und habe mir gerne eine eigene Szene aufgebaut. Außerdem wollte ich in der Gegend bleiben. Mainz ist aber ehrlich gesagt ein Kacknest. Das war es halt schon immer. Dann habe ich an der Städelschule in Frankfurt angefangen Bildende Kunst zu studieren und im Jahr 2008, hier, mit Toben die Band Les Trucs gegründet. Ich hatte irgendwie Bock auf eine größere Stadt. Ich mag Frankfurt, es ist mir sehr an‘s Herz gewachsen.
L: Wie hast du Toben kennengelernt? Soweit ich weiß, ist er einige Jahre älter als du.
C: Damals waren wir alle punk-hardcore Kids. Wir sind viel auf Konzerten gewesen, z.B. oft in Wiesbaden im Schlachthof. Bevorzugt bei der Band Oma Hans. Eine intellektuelle Deutschpunk Gruppe. Darüber haben wir uns kennengelernt. Toben hatte damals noch die Band namens Antitainment, die öfter aufgetreten sind.
L: Welches Instrument hat er damals gespielt?
C: Gitarre und Gesang.
L: Und wie sind Les Trucs entstanden?
C: Ja, ich hatte zwar einen Synthesizer, aber ich hab’ früher in meinen Bands eher Gitarre gespielt und gesungen. Die musikalischen Interessen haben sich dadurch überschnitten und ab 2007, 2008 hat elektronische Musik unsere Aufmerksamkeit geweckt. Wir hatten diverse Geräte, die wir zusammenschmeißen und Les Trucs gründen wollten. Unter anderem deswegen als Duo, weil wir die großen Bandkontexte loswerden wollten. Zum Beispiel wurde der Schlagzeuger durch eine Drum Machine ersetzt. Alles sollte einfacher werden.
L: Hattet ihr das Gefühl, dass die Zusammenarbeit auf lange Zeit mit Les Trucs funktionieren würde? Es hätte doch sein können, dass einer von euch wieder aussteigt.
C: Nein, wir waren in der Hinsicht ziemlich konsequent. Ich habe nicht mehr viel für das Studium gemacht und Toben hat seine Arbeit gekündigt. Der Fokus lag ausschließlich auf Les Trucs. Nach der Gründung der Band sind wir erst einmal drei Monate auf Tour gefahren und haben schnell eine Platte rausgebracht. Das ging vor allem deswegen so schnell, weil wir so viel Bock darauf hatten. Das haben wir sieben Jahre gemacht. Jetzt pausieren Les Trucs (wir) eben, weil wir an anderen Projekten arbeiten.
L: Ihr veröffentlicht keine Platten mehr, nichtsdestotrotz seid ihr Teil von Kunst-, Theater- und Musikprojekten, z.B. begleitet ihr Theaterstücke live mit eurer Musik.
C: Genau, bei diesen Projekten arbeiten wir nach wie vor als Duo Les Trucs mit.
L: Ist das musikalisch etwas komplett Anderes für euch?
C: Das kommt immer auf den Kontext an. Das Schöne an Performance-, Theaterjobs oder speziellen eigenen Arbeiten ist, dass man sich von seinem persönlichen musikalischen Stil lösen kann. Letztens haben wir z.B. für die Aktion „Neues Urbanes Rauschen“ zum „Thema Stadt im Wandel“ Ambient-stücke geschrieben. Die haben wir an verschiedenen öffentlichen Plätzen in Frankfurt live präsentiert und die „Besucher“ konnten uns wie auf einem Spaziergang folgen. Bei Theaterjobs kann man wiederum die totale Popnummer fahren, die man als Band auf der Bühne niemals gespielt hätte. Es hat Spaß gemacht, sich auszuprobieren. Die eineinhalb Jahre Pause waren vor allem deswegen gut. Wir wollen aber im Winter wieder anfangen. Das wird, glaube ich, ein ganz anderes Les Trucs werden.
L: Wurde das Projekt „Neues Urbanes Rauschen“ bei dem ihr an unterschiedlichen Plätzen in Frankfurt als Les Trucs gespielt habt, von Schorsch Kamerun (Gründer des Golden Pudel Clubs, Hamburg) geleitet? Ich hatte gelesen, dass es eine Zusammenarbeit zwischen euch gab.
C: Nein, das Projekt mit ihm war am Schauspiel Frankfurt. Das Stück hieß „Frankfurter Rendezvous“ und war eine Art Outdoor-Oper. Die Zuschauer saßen im Foyer und haben hinunter auf den Willy-Brandt-Platz geschaut. Dort fand die komplette Aufführung statt und wir haben sie live mit Musik begleitet. Der Sound wurde über Kopfhörer übertragen.
L: Wie kam die Zusammenarbeit mit Schorsch Kamerun zustande? Wie habt ihr ihn kennengelernt?
C: Wir haben als Les Trucs zusammen mit den Goldenen Zitronen gespielt. Drei, vier Konzerte, im Jahr 2012.
L: Hatten sie euch damals angeschrieben?
C: Wie war das noch mal? Ich glaube, Ted Geier von den Goldenen Zitronen hat damals mit seiner Gruppe „Schwabinggrad Ballet“ im „Institut für vergleichende Irrelevanz“ in Frankfurt aufgelegt. Das ist ein politisches Kollektiv aus Hamburg, das Performancekunst, Tanz und Musik als Ausdrucksmittel – z.B. auf Demonstrationen – einsetzt. Auf die Weise haben wir Ted kennengelernt. Er hat uns anschließend eingeladen, bei den Goldenen Zitronen als Vorband mitzuspielen. Darüber sind wir mit Schorsch in Kontakt gekommen und da er Theaterregisseur ist, hat sich das Projekt „Frankfurter Rendezvous“ ergeben.
L: Momentan erlebt Hamburgs Club-Szene eine schwierige Zeit. Der goldene Pudel ist abgebrannt. Tauscht ihr euch mit den Hamburger Künstlern zurzeit aus? Oder beschränkt sich der Kontakt ausschließlich auf die Projekte, an denen man gemeinsam arbeitet?
C: Doch, total! Wir stehen mit vielen Personen weiterhin in Kontakt, vor allem mit denjenigen, die in netten Clubs arbeiten oder gute Acts promoten. Insbesondere tauschen wir uns über Künstler aus, die wir interessant finden und gerne in die eigene Stadt holen wollen. Deshalb ist der Kontakt konstant. Sie besuchen uns und laden uns (wieder) ein.
L: Habt ihr euch bereits Gedanken gemacht, auf welchem Label das nächste Les Trucs-Album bzw. die EP erscheinen könnte? Kommt dafür euer Label MMODEMM in Frage?
C: Nein, obwohl Les Trucs anders klingen wird als auf früheren Releases, wird es vermutlich kein Sound sein, der zu unserem Label MMODEMM passt. Vor allem deswegen nicht, weil wir mit Text und Gesang arbeiten werden. Die Low-fi-outsider housemusik (lacht), die über MMODEMM veröffentlicht wird, ist dagegen überwiegend instrumental. Wie wir exakt klingen werden, wissen wir – ehrlich gesagt – noch nicht genau. Ich glaube, das neue Album könnte sich nach einer Mixtur aus 70er Jahre Klängen, Ambientsounds und vielen Sequenzerspielereien anhören. Was die Auswahl eines Labels angeht, haben wir noch nichts Konkretes geplant. „Buback Tonträger“ in Hamburg oder das Label „Monika Enterprise“ von Gutrun Gut (Mania D /Einstürzende Neubauten) könnten wir uns zum Beispiel gut vorstellen. Eventuell verknüpfen wir das Erscheinen unseres Albums auch mit einer dazu passend inszenierten Bühnenshow. Wir haben seit Längerem Lust unser eigenes Musical, Theaterstück oder Oper zu entwickeln. Stell dir das ungefähr so vor: 10.000 nackte Chorsänger auf einem von Jonathan* erbauten Konstrukt singen Les Trucs Lieder. Und dabei wäre es cool, wie Emerson, Lake & Palmer 1973 mit einer super großen Crew, riesigen Trucks und ausreichend Pyrotechnik von Stadt zu Stadt zu fahren. Mal sehen, darüber beginnen wir im Winter nachzudenken...
* Ehemaliger Student der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule, arbeitet in den Bereichen Skulptur und Zeichnung
L: Okay! (lacht) Bis jetzt habt ihr keinen Zeitpunkt festgelegt, wann ihr euer Album aufnehmt. Habt ihr denn bereits genügend Ideen für Stücke gesammelt, dass ihr sagen würdet...
C: Nee, wir haben bis jetzt null Material. Wir kommen schlichtweg nicht dazu. Die Arbeit für das Label und an den Solo-Projekten nimmt aktuell zu viel Zeit ein. Wir wissen nur, dass wir mit Les Trucs weitermachen wollen. Immer, wenn wir live auftreten oder Events veranstalten, denken wir, ach, wäre es cool mit Les Trucs Songs aufzunehmen und auf Tour zu gehen. Es ist bisher nur in unseren Köpfen ...
L: Wenn du sagst, viele Projekte nehmen aktuell so viel Zeit ein, dass du eigene, dir wichtige, Projekte hintenanstellen musst; wird dir die Arbeit am Theater, die Organisation des Labels, das Veranstalten von Parties und das Mitwirken an diversen Nebenprojekten manchmal zu viel? Wünschst du dir mehr Zeit für andere Beschäftigungen?
C: Ja, total! Darunter leidet vor allem die eigene Musik. Ich muss natürlich schauen, dass ich genug Geld verdiene, um über die Runde zu kommen. Deshalb nehme ich oft Auftragsarbeiten an, die sehr zeitaufwändig sind. Damit verdiene ich meist mehr Geld als mit eigenen Projekten. Das ist schade. Andererseits habe ich zwischen großen Auftragsarbeiten häufig zwei, drei Monate komplett frei. Diese Zeit versuche ich zu nutzen, um an eigenen Projekten zu arbeiten. Allerdings bin ich nicht sehr gut organisiert und deshalb ist es teilweise ein ganz schönes Hick-Hack. (lacht)
L: Du hast eben erzählt, dass du früher sehr viel Deutsch-Punkrock gehört hast. Hörst du nach wie vor deutschsprachige Musik? Sind dir Texte von Songs grundsätzlich wichtig?
C: Äh, ich bin ehrlich gesagt ein wenig textfremd. Ich konnte zum Beispiel früher in meiner Punker-Zeit nie Texte mitsingen. Grundsätzlich finde ich deutsche Songs und Texte, die starke Emotionen beim Hörer auslösen sollen, ziemlich schrecklich.
L: Lebt Punk-Musik nicht hauptsächlich vom Text?
C: Ja, auf jeden Fall, aber ich mochte immer eher die Punk-Bands abseits vom Mainstream, die ein wenig spezieller waren. Mit poetischen Texten und verrückten Shows, z.B. dadaistischen Perfomances. Ich selbst bin gar kein Text-Typ. Als Mutandini Karl (Solo-Projekt) schreibe ich zwar Texte, das sind aber meist assoziative Gedankenfetzen. In meiner Musik geht es mehr darum, dass meine Stimme als Klangkörper funktioniert. Meistens „singe“ ich seltsame Schlagworte oder kurze Hooklines (Refrains). Es soll in erster Linie gut klingen und sich passend in die Musik einfügen. Der Text-Typ ist viel eher Toben. Er hat das meiste Material für Les Trucs geschrieben und das finde ziemlich gut. Die Aufgabe überlasse ich ihm gerne.
L: Toben ist gerade von seiner letzten Japan-Tour zurück. Mit seinem electro-wave Projekt Rolande Garros ist er in den Städten Osaka, Tokyo und Kyoto aufgetreten. 2014 habt ihr mit Les Trucs ebenfalls mehrere Konzerte in Japan gespielt. Wie ist die Verbindung entstanden? Habt ihr Kontakt zu Clubs, Promotern oder Musikern dort?
C: Ja, wir kennen die Band „Sajjanu“ aus Tokio. 2012 haben wir sie eingeladen, mit uns eine Europa-Tour zu spielen. Die machen total die wahnsinnige progressive Rockmusik. Alle sind unheimlich gute Instrumentalisten, die gerne viel und schnell auf ihren Geräten herumspielen. Im Jahr 2014 haben sie uns schließlich gefragt, ob wir sie auf einer Tour durch Japan begleiten möchten. Der Kontakt ist seitdem nicht abgerissen. Eine weitere Person, die uns sehr geholfen hat, mit Clubs, Veranstaltern und Künstlern in Kontakt zu kommen, ist Ryoma Sasaki. Ihm gehört der Plattenladen „Club Metro“ in Kyoto, der ausschließlich nachts geöffnet hat. Er hat zum Beispiel im März auf der Modem-Party im Konfuzius Franz aufgelegt. Über ihn oder Personen, die wir auf Tour kennengelernt haben, werden japanische Musiker nach wie vor auf uns aufmerksam und es landen immer mal wieder Demo-Tapes (für MMODEMM) bei uns. Viele Leute dort sind natürlich daran interessiert in Europa aufzutreten, so wie wir es umgekehrt genauso sind. Es ist schön, dass da ein Austausch zustande gekommen ist.
L: Ein ähnlicher musikalischer Austausch findet zwischen japanischen Musikern und der Kraut-Band „Guru Guru“ statt, die letztes Jahr bei einer Veranstaltung von uns zu Gast waren. Zum Beispiel tourt Mani Neumeier, Gründungsmitglied und Schlagzeuger, jeden Frühling dort mit seiner Zweit-Band „Acid Mothers Guru Guru“. Was glaubst du, ist der Grund für das große Interesse in Japan an originellen Künstlern aus Deutschland wie Guru Guru und euch?
C: Ich glaube, das liegt vor allem daran, dass viele Japaner total offen gegenüber experimenteller Musik sind. Die Zuschauer waren immer total dankbar. Ab der ersten Sekunde des Konzerts standen alle im Konzertraum, viele in der ersten Reihe, und blieben bis zum Schluss. Später zeigten sie dir dann noch „guck‘ hier, ich habe eure Platte gekauft“ und wollten tausende Fotos mit dir schießen. Sie sind viel interessierter an unserer Musik als die Leute hier und wissen sehr genau darüber Bescheid, was aktuell innerhalb einer Musikszene passiert. Obwohl sie ja genauso übersättigt sind wie wir. Auf den Straßen dort läuft die ganze Zeit Musik und alles ist total laut.
L: Kann man dort die komplette Nacht durchfeiern oder gibt es strikte Regelungen, die vorschreiben, dass ein Club zu einer bestimmten Uhrzeit schließen muss?
C: Nee, (lacht) wir haben keine Nacht durchgefeiert...was gut war, sonst hätten wir die Tour nicht durchgehalten. Die Clubs schließen dort oft früh und der Terminplan an Konzertabenden ist oft eng getaktet. Lustigerweise ist selbst im kleinsten Schuppen der Tontechniker optimal vorbereitet und der Sound sehr gut. Alles ist perfekt organisiert. Die Veranstaltungen waren auf jeden Fall immer früher zu Ende als in Deutschland. Ich kann mir vorstellen, dass es dort strenge Auflagen gibt, die den Clubbesitzern vorschreiben, wann Veranstaltungen enden müssen.
L: Das war’s schon. Vielen Dank, Charlotte, für das Interview!
Photos: Arisa Purkpong
Text: Lukas Kretzschmar
issu de la première sortie du nouveau label allemand MMODEMM
> https://soundcloud.com/mmodemm