Das Thema digitaler "Shadow Libraries" spielte in der Nachbereitung des Workshops "Komplizen" der Berliner Gazette sowohl wie hier im Tumblr wie auch im LIBREAS.Weblog in Gestalt des Memory of the World-Projekts wenigstens eine Nebenrolle.Was dabei in jedem Fall fehlte, war die entsprechende Benennung, wobei sie während des Workshops, sofern die Erinnerung nicht ganz trügt, nicht fiel. Umso wichtiger ist es, sie hier zu fixieren.
Die Benennung hat interessanterweise noch eine zweite Traditionslinie, wie Brett Spencer in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Information & Culture aufzeigt. In seinem Aufsatz mit dem Titel Rise of the Shadow Libraries: America’s Quest to Save Its Information and Culture from Nuclear Destruction during the Cold War (in:Information & Culture: A Journal of History. Volume 49, Number 2, 2014. S. 145-176. DOI: 10.1353/lac.2014.0010) zeichnet er die Bemühung der USA in der Hochphase des Kalten Kriegs nach, das Kulturgut der westlichen Welt für eine Zeit nach dem Atomschlag verfügbar zu halten.
Da Atomkriege uns heute nicht mehr so sehr als Thema bewegen (wie sie vielleicht sollten, die Sprengköpfe sind ja immer noch leicht aktivierbar), kann man die Benennung offenbar ruhigen Gewissens in einen anderen, nicht minder politischen Zusammenhang transferieren. Hier wird Kultur allerdings nicht gerettet, um das bestehende politische System zu sichern bzw. ein Kulturmuster rekonstruierbar zu halten, sondern aus Gründen der Subversion besonders der wissenschaftlichen Publikationsindustrie und der damit verbundenen Zugangshegemonie der westlichen Welt. Die Schattenbibliotheken, also heute digitale Sammlungen von Publikationen, die von Aktivisten im Netz hinterlegt und vielleicht auch gepflegt werden, wären natürlich auch ein zentraler Aspekt für den laufenden LIBREAS-Call-for-Papers: Bibliotheken __ abseits / ausserhalb der Bibliothek. Bedauerlicherweise haben wir diesen Aspekt auch dort nicht sonderlich prominent hineingeschrieben. Relevant für diesen Themenschwerpunkt ist er aber zweifellos.
Auf der re:publica Anfang Mai gab es einen Vortrag des Informationsrechtsexperten Balász Bodo. Da wir schon einmal bei Versäumnissen sind, müssen wir auch diesbezüglich einräumen, diese Präsentation übersehen zu haben. Allerdings deuten die derzeit eher geringen Abrufzahlen der bei Youtube bereitgestellten Aufzeichnung der Veranstaltung darauf hin, dass wir nicht die einzigen sind. (Oder dass das Thema selbst eher im Schatten vegetiert.) Wäre sie nach dem Übersehen vor Ort im digitalen Speichergrund von Googles Videoplattform betrachten will, kann es nun tun. Und auch die Seite zum Vortrag ist unter re-publica.de nach wie vor auffindbar: Shadow libraries - pirate archivists.
(bk, 28.05.2014)













