SHIFTER 7
“Ich glaube, Kim Taehyung hat es auf mich abgesehen”, wisperte Chaeyoung gerade verschwörerisch, während Eunsook den Veggieburger bezahlte und das Wechselgeld entgegen nahm. Eunsook warf dem kleinen Mädchen neben sich, dass die runde Sonnebrille auf die Nasenspitze geschoben hatte, einen befremdlichen Blick zu.
“So? Inwiefern?”, hakte sie etwas geistesabwesend nach und checkte den Screen ihres Handy’s - kurz vor fünf. Sie sollte sich beeilen…
“Naja, er ist immer so zuvorkommend und er… er starrt mich so an. Meine Instinkte sind nich’ so gut wie die von anderen, von Rehen oder so - aber selbst ICH merk das!”, schloss Chaeyoung und versuchte mit ihren kurzen Beinen in den schwarzen Dresstrousers mit Eunsook’s langen Beinen mitzuhalten. Ihr oversized Bandshirt in einem ausgeblichenen Schwarz wehte ihr hinterher, sie schob die Brille auf ihre Stirn und sich damit schlampig gebleichtes Haar aus der Stirn. Eunsook streckte die Arme etwas von sich; trotz ihres weißen Strick-Crop-Tops, das bis auf zwei zarte Riemen sehr ärmellos war, und der kurzen, hellen Jeansshorts schwitzte sie.
“Ich weiß ja nicht… Taehyungie ist doch nett zu jedem, oder?”, spottete Eunsook und musste bei dem Gedanken an den Labrador-Shifter unweigerlich grinsen. Offensichtlicher Taehyung, immer freundlicher Taehyung…
“Jaah, aber - er ist anders freundlich zu mir. Vielleicht versteht das ein Karnivor auch einfach nicht-”, fing Chaeyoung vorsichtig an und warf Eunsook einen Blick zu, doch diese schnaubte nur belustigt und hob die Brauen, “-aber… Taehyung ist ein Labrador, Sookie.”, schloss das blonde Mädchen gewichtig und Eunsook hatte das Gefühl, etwas Wesentliches zu übersehen. Nun sah sie verwirrt zu Chaeyoung runter; sie waren vor dem ausgemachten Treffpunkt mit Seokjin stehen geblieben und Chaeyoung hüpfte auf die niedrige Mauer und baumelte mit den Beinen, reckte die Nase in die Nachmittagssonne.
“Labradoren sind Jagdhunde. Rate mal, welche Tiere sie aus dem Wasser zerren, nachdem die abgeknallt wurden?”, half Chaeyoung Eunsook in einem spielerischen Singsang weiter doch bei dem Gedanken an das jähe Ende ihrer Leidensgenossen zog sie die Ellen an den Körper und wackelte hektisch mit den Armen. Ganz wie eine…
“Uhm. Ich nehme an, Enten?”, antwortete Eunsook vorsichtig, Chaeyoung wandte ihr das Gesicht zu, setzte ihre Brille wieder auf und die Größere konnte dabei zusehen, wie der Mund der Blondine immer breiter wurde und ihr schließlich ein waschechter Entenschnabel im Gesicht stand. Sie schnatterte und Eunsook lachte laut heraus; es wurde zu einem Keckern und eine Weile lachte jeder für sich - der Fuchs keckernd und die Ente schnatternd. Dann verschwand Chaeyoung’s Schnabl wieder und sie drehte den Kopf, ihre Beine wurden langsamer und schließlich hüpfte sie von der Mauer.
“War cool mit dir, Sook-Sook, aber ich verpiss mich lieber. Nichts für ungut, Hunde sind das eine - aber ein ganzer Löwe…”, kicherte Chaeyoung nervös und sie klopfte dem Fuchs im Vorbeigehen auf die Schulter, bevor sie in ihren Doc Martens davon watschelte.
Missmutig schnaubte Eunsook und sah böse zur Sonne hoch, die unerlässlich auf s ie herab brutzelte. Sie wollte gerade selbst auf der Mauer Platz nehmen, als ihr Nacken juckte und mit einem Rollen ihrer Schulter wandte sie sich um - Seokjin kam auf sie zu. Er trug ein dunkelblaues Flannel mit rotem Karomuster, das ihm auf einer Seite der Bluejeans bereits auf der Hose linste und ziemlich läpsch auf den wahnsinnig breiten Schultern lag.Ein Ärmel war hochgekrämpelt, der andere hatte sich gelöst und rutschte bis auf die große Hand. Wahrscheinlich musste er Oberteile zwei Nummern größer kaufen, damit sie überhaupt auf seine Form passten - dafür verschwanden aber seine Finger. Was überhaupt nicht schlimm war, im Gegenteil: sah man die Krallen nicht, waren sie vielleicht gar nicht da.
Anscheinend hatte er frisch geduscht denn das blond gesträhnte, goldene Haar war wellig und fiel ihm wirr ins Gesicht und er fuhr sich hindurch und blinzelte dann mit zusammengekniffnen Augen zu ihr herüber, bevor er abfällig die Brauen hochzog. Er ging immer langsamer und schlenderte dann in aller Ruhe einen Halbkreis um sie herum, gab ihr einen Up and Down. Sein Blick blieb an ihren Birkenstocks hängen. Wie sehr Eunsook Katzen manchmal hasste!
Mit stoischem Gesicht streckte sie den Arm aus und hielt ihm die kleine Papiertüte hin. Seine Nasenflügel weiteten sich und die Andeutung eines Lächelns fand seine Mundwinkel, es reichte bis zu den braunen Augen. Langsam nahm er sie entgegen und deutete mit dem KInn auf sie.
“Kim Eunsook - frierst du eigentlich nicht?”
Er wartete nicht auf eine Antwort sondern ging voraus und sie beeilte sich, mit ihm Schritt zu halten. Obwohl er normal zu gehen schien, war er erstaunlich schnell.
“Frieren liegt eher nicht in meiner Natur”, murmelte sie schnippisch und horte sein belustigtes Schnauben.
“Mir kann es nie warm genug sein!”, sagte Seokjin laut und ließ sich ab und zu von anderen Dorm Bewohnern grüßen. Eunsook fiel natürlich auf, dass Seokjin auf Grüße stets antwortete, sie aber selbst eher selten aussprach. Man ging ihm aus dem Weg, nicht anders herum. Und sie erntete als emsiger Schützling, der hintendrein strakste, schräge Seitenblicke.
Ich find’s ja auch komisch!, würde sie am Liebsten laut herausrufen. Ein Löwe und ein Polarfuchs, wo gab’s denn sowas! Sie hatte ja schon oft von ungleichen Paaren gehört, aber sie konnte immer noch nicht fassen, dass ihr Mentor und die Bezugsperson für ihre Universitätszeit der König der verdammten Savanne sein sollte…
“Ich woh’n ganz oben mit meinem Mitbewohner… Er mag’s auch warm, also wunder dich nicht, wenn du reinkommst”, schmatzte Seokjin, der den Veggieburger ausgepackt hatte und ihn im Gehen verschlang. Er steuerte auf den Fahrstuhl zu, davor standen zwei Schüler - sie waren aus Eunsook’s Jahrgang, das Mädchen kannte sie.
“Jin-Hyung, hey hey~”, sagte der eine gespielt draufgängerisch und grinste; Grübchen bohrten sich in seine Wangen und fuhr sich durch die wirren, braunen Haare.
“Jooheonie, Changkyunnie - nett, dass ihr Platz macht”, grinste Seokjin denn die beiden stellten sich instinktiv auf Seite, sodass sie den nächsten Fahrstuhl wohl erwischen würden. Der zweite Kerl, mit einem längeren Gesicht und schmalen Augen, lächelte verkniffen und linste zu Eunsook herüber. Überrascht zog er die Brauen hoch.
“Und Eunsook, richtig? Wohnst du hier?”, fragte Im Changkyun etwas verwirrt, nun wurden auch Lee Jooheon’s Augen groß. Sie schüttelte mit zusammengepressten Lippen den Kopf und verschränkte die Arme, sah Seokjin von der Seite an. Als allgemeines Schweigen, nur unterbrochen vom DING des Fahrstuhls, sich auf das Gespräch legte, blinzelte Seokjin ruckartig und linste zu Eunsook herunter. Mit zuckenden Brauen und heißen Wangen erwiderte sie seinen eindringlichen Blick, auch wenn ihre Kopfhaut und ihre Nase dabei furchtbar kribbelten.
“Sag bloß unser Fuchs ist schüchtern! Das ist mein Schützling, kennt ihr sie?”, fragte Seokjin amüsiert und musterte über seinen abgerundeten Nasenrücken, wie Eunsook ihren Dutt öffnete und das lange Haar über die Schultern strich - sodass es ihr auch ins Gesicht fiel. Und etwaige Ohrenspitzen vorerst besser bedeckte.
“Wir sind imselben Jahrgang”, antwortete Eunsook stattdessen, um auch etwas zu sagen und die Jungen nickten. Die Türen des Fahrstuhls öffneten sich und Seokjin lächelte die Jungen an und hob die Hand zum Gruß, Eunsook folgte ihm artig. Sie sah gerade noch, wie Jooheon’s aufgesetzte Lächeln entgleiste und er ihr neugierig hinterhersah, dann drehte er sich zu Changkyun um und die beiden brachen in albernes Gegacker aus. Neugierige, lechzende Hyänen!
“Geh nicht so streng mit ihnen ins Gericht”, schmunzelte Seokjin, der ihre innere Unruhe natürlich spürte. Eine Welle der Ruhe schwappte von ihm auf die rüber, allerdings hatte diese Welle nicht dasselbe Gefühl wie beispielsweise Jisuk’s beruhigende Pflanzenfresser Pheromone. Es war die erzwungende Ruhe, das Ende der Diskussion. Er drückte ihre Wut herunter und sie konnte nicht anders, als sich sofort ruhig zu fühlen - der Grund dafür wollte sie allerdings wieder aufwühlen.
“Wir haben eine Menge zu tun”, murmelte Seokjin zusammenhangslos zu dem Gespräch, aber Eunsook verstand ihn sofort und kam nicht ohnehin, ihm zuzustimmen. Die Türen öffneten sich und sie betraten das oberste Stockwerk, damit sie sich in die Höhle des Löwen begeben konnte.
+
Youngjae schlürfte so laut an seinem Milkshake, dass Jisuk darüber hinaus beinahe ihre Aufregung vergaß. Erschrocken blinzelte sie zu dem Jungen herüber, der es irgendwie schaffte, Dahyun über sein Schlürfen hinweg noch zu verstehen. Dahyun äffte gerade einen ihrer Dozenten nach und machte dabei so ein ulkiges Gesicht, dass Youngjae sich verschluckte und laut lachen musste. So richtig laut, Choi Youngjae Lachen halt.
“Ihr seid unmöglich”, murmelte Jisuk und beugte sich nach vorn um ihre Ellen auf dem Tisch abzustützen und sich das wirre, honigfarbene Haar ins Gesich fallen zu lassen. Ihre Haare hatten sich mal wieder nicht bändigen lassen, sie hätte nicht duschen sollen. Oder sich die Haare glätten sollen. Oder sich im Bett verkriechen und niemals nie herauskommen sollen!
“Nee, nicht ich - der Prof! Spinnt doch, von wegen seit wann Pinguine denn so laut wären - hallo? Der war doch noch nie am Nordpol!” “Leben da nicht die Eisbären…?”, hakte Youngjae belustigt nach und drehte seinen Strohhalm im Becher herum, kratzte die Reste zusammen. Dahyun bekam ein blankes Gesicht und legte in Gedanken den Kopf schief, dann zuckte sie nonchalant die Schultern und warf sich das schwarze Haar über die Schulter. Auf beiden Seiten zeigte sich bereit jeweils ein blonder Streifen, ganz der Felsenpinguin.
“Aaach, wie auch immer! Mich gibt’s hier und ich bin laut, wo ich will - so!” “Es sei denn, ein Eisbär ist in der Nähe”, stichelte Youngjae und wich ihrer Hand aus, als sie ihm einen Klaps auf den Oberarm geben wollte. “YAH! Ich hab keine Angst - vor Allem nicht vor Yugyeom. Der ist der sanfteste Riese überhaupt!” “Weswegen du auch immer ganz schnell weg willst, wenn er in der Nähe ist…” “D-Das liegt an seiner krassen Raubtierwirkung?! Er hat das manchmal voll nicht unter Kontrolle”, rief Dahyun anklagend aus.
Jisuk massierte sich mit den Fingerspitzen, die aus den Ärmeln ihres engen, schwarzen Turtlenecks herausschauten, die Schläfen. Sie wusste, warum sie sich vor dem Treffen mit Jinyoung Sunbaenim mit ihren Klassenkameraden hatte treffen wollen - Youngjae und Dahyun waren witzig. Sie waren immer am Quatschen, man war stets beschäftigt. Der emsige Pinguin und der gesellige Otter, ein wahres Traumpaar (nicht, dass die beiden das bereits kapiert hatten…). Aber inzwischen bereute sie die Entscheidung fast, denn sie wurde zunehmend unruhiger und hatte Mühe, ihrem Gezanke zu folgen.
Zu entwirrte die Schenkel in dem knielangen Faltenrock in Erdtönen und erhob sich rasch, dabei stieß sie aus Versehen gegen den Tisch und stieß Youngjae’s leeren Becher um. Die beiden zuckten zusammen und Jisuk’s spürte die Hitze in den Wangen und ihre Kopfhaut und den Steiß jucken - aber weder Ohren noch Schwanz waren jetzt besonders hilfreich, insbesondere der Schwanz führte gern mal ein schusseliges Eigenleben!
“Ups - ‘tschuldigung!”, kicherte sie nervös und griff nach ihrer kleinen Ledertasche und winkte ihnen rasch zu, zeigte auf ihre Armbanduhr, “ich- ich glaub, ich muss los!”
“Sei nicht so nervös, Jisukie!”, rief Dahyun ihr nach und winkte, Youngjae nickte bekräftigend und gab ihr einen thumbs up: “Genau! Hab einfach ‘n bisschen Spaß~”
Das hörte sich so zweideutig an, dass Dahyun wieder loskicherte. Jisuk verdrehte die Augen und hastete an den kleinen, runden Tischen und Stühlen des Außenbereichs der Campus Suite entlang und steuerte die Aula an. Das große Gebäude war am Ende des Parkes und wäre es nicht Sommer, sodass das Licht golden und satt auf den kleinen See und die raschelnden Bäume fiel, wäre sie wahrscheinlich nicht allein hingegangen. Natürlich war das hier das Universitätsgelände - doch sie war nicht nur eine Frau, sondern auch ein Pflanzenfresser. Ein relativ großer (auch, wenn das Kälbchen noch nicht ganz ausgewachsen war), aber man sollte es im Zweifelsfall nicht drauf ankommen lassen. Es passierte selten, dass Pflanzenfresser angegriffen oder sogar getötet und gefressen wurden - aber es kam in dieser verrückten Welt durchaus vor…
Mit klopfendem Herzen ging sie an dem Brunnen vorbei und überlegte kurz, eine Münze zu werfen. Aber sie war bereits in Sichtweite des Einganges und woltle nicht, dass sie jemand (vor allem ihr Sunbaenim) dabei beobachtete. Nervös strich sie sich über den Bauch und richtete den Rock, der ihr auf der Taille saß; sie war erleichtert darüber, dieses Outfit zu tragen und nicht das süße Sommerkleid, das Yunhee und Eunsook gestern aus ihrem Schrank gefischt hatten. Immerhin war das hier kein Date! Zumindest nicht wriklich, oder?
Auf die Ferne sah sie auch ohne Brille, dass sich eine der breiten Doppeltüren öffnete und jemand heraustrat - es war unverkennbar Park Jinyoung. Ihr Herz klopfte aufgeregt, am Liebsten hätte sie das verräterische Ding kurzzeitig ausgestellt. Oder zumindest runtergedreht. Rasch fuhr sie sich ein letztes Mal durch’s Haar und strich es über beide Schultern bevor sie ein Lächeln aufsetzte und zu ihm ging.
Er hatte gerade sein Handy gecheckt und sah nun auf und sich suchend um. Als sein Blick sie fand wurde das glatte, ausdruckslose Gesicht etwas weicher und er lächelte. Seine Augen waren schön, wenn er lächelte - verdammt, warum dachte sie das?
“Hallo”, hauchte sie etwas atemlos und lächelte, er grinste einige Sekunden zu ihr herunter bevor er antwortete: “Hallo, Jisuk! Schön, dich zu sehen”, sagte er und seine tiefe, ruhige Stimme sorgte dafür, dass sie wieder Luft holen konnte. Und ihr gleichzeitig das Herz in den Hals hüpfte. Ach, verdammt!
“Schön, dass du’s einrichten konntest. Sunbaenim”, hängte sie rasch mit einer angedeuteten Verbeugung an die saloppe Antwort. Er lachte ein überraschtes, leises Lachen und machte eine wegwerfende Handbewegung: “Oppa reicht, bin ja nur zwei Jahre älter. Sollen wir ein Stück gehen? Hast du schon was gegessen?”, fragte er und während sie wieder auf den Brunnen zusteuerten, linste er zu ihr herunter. Er war ein gutes Stück größer als sie, was schwer war; sie gehörte genau wie Eunsook zu den größeren Vertretern. Aber Jinyoung war groß und er hatte breite Schultern und er hielt sich mit einer Anmut und Würde, die ihr den Atem verschlug. Sie war endlos neugierig, welches Tier wohl in ihm schlummerte…
“Ehm, ja ich hab mich vorher noch mit Studienkollegen getroffen und was gegessen…” Zumindest hatte sie es versucht. Dass sie nicht essen konnte, weil in ihrem Bauch schon Schmetterlinge waren, musste sie ihm ja nicht auf die hübsche Nase binden, oder?
“Das freut mich für dich! Ich könnte allerdings schon was essen”, gab Jinyoung leise zu und ruckte den Kopf leidend zur Seite, Jisuk musste lachen und er sah wieder zu ihr herunter. Aufmerksam musterten die großen, dunklen Augen sie; verlegen schlug sie die Augen nieder und spürte ihre Kopfhaut erneut kribbeln.
“Du bist sehr besänftigend, kann das sein?”, fragte er plötzlich, sie blinzelte irritiert und sah fragend zu ihm hoch. “Ne?” Jinyoung’s Lippen zuckten kurz belustigt, er leckte sich darüber. “Erlebst du dich in unterschiedlichen Situationen oft als beschwichtigend? Als unparteiisch, als Streitschlichter?”, stellte er seine Frage etwas deutlicher. Jisuk ließ ihren Blick über das glitzernde Wasser des See’s schweifen, musterte die wilden Sommerblumen, die sich im Gras wogen und dachte nach.
“Mh, ja, ich denke schon? Ich beende einen Streit eher, als dass ich einen anfange. Und ich beende den Streit ganz sicher nicht-” “-mit Gewalt”, murmelte Jinyoung und nickte, sie lächelte schief. Nein, mit Gewalt hatte sie gewiss nichts am Hut. Zumindest meistens. Sie ließ ihren Blick wieder schweifen, als Jinyoung plötzlich den Arm ausstreckte und sie so zwang, stehen zu bleiben. Rasch trat er vor sie und als sie gerade erschrocken fragen wollte, was das werden sollte - und ihr Herz dabei verräterrisch erfreut hüpfte - ging er in die Hocke und griff nach den offenen Schnürsenkeln ihrer Oxford Dressschuhe.
“Ah- du musst nicht- ich kann auch- eh, danke”, schloss sie etwas atemlos, während er sorgfältig einen Knoten machte. Sie betrachtete seinen Kopf, das dichte, dunkle Haar. Es war dunkelbraun, vielleicht auch hier und da schwarz. Vielleicht auch rot? Nein, das war kein Haar - moment mal, nun meinte sie, es zu riechen, war das-
“Du blutest!”, japste sie erschrocken und konnte ihre Finger nicht zurückhalten; die Fingerspitzen berührten vorsichtig seinen Schopf und warmes, klebriges Blut blieb an ihren Fingern zurück. Plötzlich zuckte Jinyoung zurück und sein Schopf gewann an Farbe; das Haar wurde rostbraun und dann heller, bevor er tief einatmete und es wieder dunkel wurde. Langsam sah er zu ihr auf und griff sich dann selbst ins Haar, sah missmutig auf seine Finger hinunter.
“Ich bin etwas zu früh dran dieses Jahr…”, murmelte er geistesabwesend und linste dann zu ihr auf, grinste schief. Eine Mischung aus Bitterkeit und Entschuldigung. Und obwohl sie über ihm lehnte und ohne Vorwarnung seinen Kopf angefasst hatte, war er noch nicht aufgehüpft oder hatte Abstand gesucht - so ein stolzer Mensch.
“Was… ist mit dir?”, fragte sie leise, unsicher, wie sie fragen sollte, und betrachtete ihre blutigen Fingerspitzen. Hob sie zur Nase und roch daran - ein Pflanzenfresser, so wie sie. Sie meinte, ihn schnauben zu hören, doch als sie ihn wieder ansah richtete er sich auf und holte gerade ein Taschentuch aus der Jackentasche seines Jackets. Anstatt es ihr einfach zu geben, griff er nach ihrem Handgelenk und ließ die Handfläche in seine Finger gleiten, hielt sie sanft und sicher, während er die Finger reinigte.
Jisuk spürte ihr Herz emsig pochen, sie spürte die Hitze, die von seinem Körper ausging und seinen Atem auf den Brauen, dem Gesicht. Sie musterte verstohlen seine Wimpern, seine sanft geschwungenen, vollen Brauen, die dunklen Augen. Das Rinnsaal an Blut lief gerade an einem der großen Ohren vorbei und sie streckte die freie Hand danach aus - rasch stieß er mit einem Handgelenk ihres beiseite und warf ihr, als sie einen erschrockenen Laut von sich gab, einen entschuldigenden Blick zu.
“Es tut mir Leid - auch, dass du das mitkriegen muss. Das muss sehr verstörend sein”, mutmaßte er, seelenruhig für diese merkwürdige Situation und Jisuk blieb stumm. Jinyoung steckte das blutige Taschentuch in seine Jackettasche, nachdem er sich einmal an der Seite seines Gesichtes entlanggefahren war und seinen Kopf abgetupft hatte.
Dann wandte er sich wieder zum Gehen und da Jisuk’s eines Handgelenk noch in seinen Fingern lag, zog er sie schwach mit sich. Sie ließ es zu und sah ihn besorgt von der Seite an. Er wirkte hölzern, verschlossener. Zwar ruhig, aber auch verunsichert.
“Jinyoung-Oppa…”, begann sie leise, er stieß Luft durch die Nase aus und sah sie nicht an, als er wieder sprach. “Eigentlich möchte ich das nicht von dir verlangen.... Aber vielleicht ist das gut für unsere Bindung, wenn du es mit erlebst. Für unser Mentor und Schüler Verhältnis, versteht sich…”, schloss er, zunehmend verlegen und seine Ohren wurden rot. Fasziniert beobachtete Jisuk diesen Zug der Verlegenheit von dem selbstsicheren, stolzen Mann und dann glitt ihre Hand ganz selbstverständlich in seine.
“Zeig es mir”, sagte sie bestimmt und versuchte nun nicht mehr, ihren Schwanz zurück zu halten. Jinyoung warf einen belustigten Blick über die Schulter, als die Spitze des Kälberschwanzes gegen seine Kniekehle schlug, da er aufgeregt von links nach rechts baumelte. “Zeig mir, warum du blutest”, befahl Jisuk beinahe und der Tonfall ließ Jinyoung lachen. Kurz sah er zu ihr herunter und sein Gesicht war nackt; es war das nackte, unsichere aber aufgeregte Gesicht eines jungen Mannes, der die Hand einer jungen Frau hielt. Dann wurde sein Lächeln etwas besonnener und er nickte einmal ruckartig.
“In Ordnung, Jisuk-ah, ich zeig’s dir. Aber sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt!”














