Glashütte zur DDR-Zeit
Es könnte ja durchaus sein, dass es jemand aus dem Kreis meiner geschätzten Leserinnen und Leser während der Sommer- oder Herbstmonate ins schöne Sachsen und dort nach Glashütte verschlägt. Wer des Weges ist und überdies Spaß an Uhrengeschichte hat, sollte sich zwei Stunden Zeit nehmen, um die Ausstellung „Glashütte zur DDR-Zeit“ im deutschen Uhrenmuseum zu besuchen.
Deutsches Uhrenmuseum Glashütte
Faltblatt zur Sonderausstellung “Glashütte zur DDR-Zeit”
Sie ist noch bis zum 1. November 2015 täglich von 10.00 bis 17.00 Uhr zu besichtigen. Mit dieser Ausstellung würdigt, so Direktor Reinhard Reichel, das von ihm geleitete Museum „25 Jahre nach der Wiedervereinigung die Leistungen der damaligen Glashütter Konstrukteure, Uhrmacher, Werkzeugmacher und Feinmechaniker. Diesen Personen ist es gelungen, trotz der oftmals schwierigen Umstände jener Zeit, die Tradition der Uhrmacherei während der DDR-Zeit zu erhalten.“ Retrospektiv sei dazu gesagt, dass am 1. Juni 1951 mit Gründung des Volkseigenen Betriebs Glashütter Uhrenbetriebe, kurz VEB GUB genannt, nach den Wirren des Zweiten Weltkriegs, dem Bombardement und der Deportation wichtige Maschinen ein neuer Abschnitt in der Historie der Glashütter Uhrenindustrie begann.
Uhrenproduktion in den VEB GUB
Lehrlingsausbildung in den VEB GUB
Der GUB produzierte zahlreiche Produkte für den alltäglichen Gebrauch sowie für wissenschaftliche, militärische und industrielle Zwecke. Dazu gehörten Armbanduhren, Marinechronometer, Sondermaschinen, Wand- und Schaltuhren.
GUB Armbanduhren zu DDR-Zeiten
GUB Armbanduhren aus den 1970-er Jahren
Werbung für Glashütter Uhren zur DDR-Zeit
Teilezuführer für die automatisierte Produktion
Einige der Erzeugnisse nahmen ihren Weg auch in den Westen. Zu den bedeutenden Kunden gehörte das Versandhaus Quelle, welches „MeisterAnker“-Uhren beim GUB in Auftrag gab.
MeisterAnker Armbanduhr des GUB
Die Vielfalt des Fertigungsspektrums des seinerzeit größten Arbeitgebers dieser Region lässt sich im Deutschen Uhrenmuseum in der Tat hautnah erleben. Interessant für Sammler von Armbanduhren aus der damaligen Epoche sind neben dem von 1955 bis 1961 gefertigten Chronographenkaliber 64
DDR-Chronographen mit dem GUB-Kaliber 64, gefertigt von 1955 bis 1961
auch die Automatikwerke, deren Geschichte bei Glashütter Uhrenbetrieb im Jahr 1960 begann. Infolge der politischen Situation brauchte es damals eine eigenständige Kaliberfamilie. Diese gelangte nach längerer Entwicklungsphase ab 1966 unter der Bezeichnung 67.1 und 68.1 in die Gehäuse.
Die Automatikkaliber 67.1 und 68.1 der Glashütter Uhrenbetriebe
Die 12½-linigen (Durchmesser 28 mm), beidseitig aufziehenden Werke, intern Universal-Automatik genannt, unterschieden sich nur durch das Vorhandensein einer Datumsanzeige. Vom Datums-Kaliber 67.1 entstanden bis 1967 insgesamt 190.360 Exemplare, das eher puristische 68.1 brachte es hingegen nur auf 55.360 Stück. Von Anbeginn stand im Glashütte Uhrenbetrieb fest, dass die relativ hoch bauende Universal-Automatik (Höhe 5,55 bzw. 5,05 mm) den Trends der 1960-er Jahre nur bedingt genügen konnte. Deshalb beschäftigten sich die Glashütter Uhrmacher gleichzeitig mit der Entwicklung einer flacheren Spezial-Automatik. Um dieses Ziel zu erreichen, mussten alle Funktionsgruppen (Gehwerk mit Hemmung, Antrieb mit dem Selbstaufzug) in einer Ebene zwischen der Platine und der typischen Glashütter ¾-Räderbrücke untergebracht werden.
Glashütte Original “Spezimatic”, Modell ca. 1970
1964 trat die 12½-linige „Spezimatic” ans Licht der Öffentlichkeit. Wiederum gab es zwei unterschiedliche Ausführungen: Kaliber 06-25 (alte Bezeichnung 74), Höhe 4,4 mm,
GUB Kaliber 74
und 06-26 (alt 75) mit Fensterdatum und einer Höhe von 4,9 mm.
Als vergoldete Sonderversion von 06-26 präsentierte sich zudem das Kaliber 06-66. Letzteres wurde ausschließlich in massivgoldenen Gehäusen verwendet. Für den Aufzug sorgte, wie schon bei der Universal-Automatik, ein beidseitig wirkender Schwermetallrotor. Die Polarisierung der Rotorbewegungen erledigte -lange vor der Wende- ein Wendehebel mit Wenderad. Die Datumsschaltung erfolgte beim 06-26 zwischen 23 Uhr und 2 Uhr auf “halbschnelle” Weise. Bei der Konstruktion hatten die Techniker großen Wert auf Servicefreundlichkeit und Langlebigkeit gelegt. Die Laborerprobung ging von einer Grenznutzung von mindestens 20 Jahren aus. Die Ganggenauigkeit lag im Bereich zwischen -30 und + 50 Sekunden/Tag, was angesichts der konventionellen Unruhfrequenz von 2,5 Hz (18.000 Halbschwingungen/Stunde) durchaus normal erscheint.
GUB Rücker- und Stoßsicherungssystem
Ab 1967 verwendete der GUB aus Gründen der Stoß- und Schlagfestigkeit neuartige, nach DIN konstruierte Gehäuse. Damit ausgestattete Armbanduhren trugen in der unteren Zifferblatthälfte die Zusatzsignatur “Bison”. Von der Gesamtproduktion (06-25: 1.864.492 Werke, 06-26: 1.858.466 Werke) gingen als begehrte Devisenbringer mehr als ein Drittel in den Export. Mitunter erreichte die Exportquote satte 50 Prozent.
GUB “Spezimatic”
1978 stellte der GUB die Fertigung der „Spezimatic” endgültig ein. Von besonderer Qualität waren die jährlich 2.000 bis 3.000 offizielle geprüften Chronometer. Sie erreichten eine tägliche Präzision von -2 bis +3 Sekunden. 1978 (bis 1985) trat die 11½-linige „Spezichron” (Durchmesser 25,6 mm) in die Fußstapfen der bewährten „Spezimatik”. Bei ihr war die Unruhfrequenz zur Steigerung der Ganggenauigkeit auf zeitgemäße 28.800 Halbschwingungen/Stunde (4 Hz) heraufgesetzt worden. Verfügbar waren hier die Kaliber 11-26 (rund 291.000 Uhren) und 11-27 (Datums- und Wochentagsindikation, Höhe 6 mm, rund 72.000 Uhren). Dann lösten selbst im abgeschiedenen Glashütte lautlos schwingende Quarze vorübergehend die tickende Mechanik ab.
In der 1980-er Jahren beherrschten Quarzuhren das Geschehen in den Glashütter Uhrenbetrieben
Für 6,50 Euro gibt es übrigens einen kleinen Begleitband zur Ausstellung “Glashütte zur DDR-Zeit” in deutscher und englischer Sprache










