Dezember 2015 bis September 2016
Spontanheilung
Kann es echte Freundschaften geben zwischen Computer und Mensch? Jedenfalls war es für mich schon immer etwas Besonderes, mein silbergraues DELL-Notebook inspiron 1520. Nicht nur, dass es mein erstes Notebook überhaupt war. Es hatte mich zudem durch viele Highlights und Abgründe meines Lebens begleitet, war auch im grauen Alltag stets zuverlässig, und ich habe mit ihm u. a. meine Diplom- und Doktorarbeiten verfasst. Es diente mir später als Speichermedium für umfangreiche biologische Daten bei meiner wissenschaftlichen Tätigkeit in der Ökosystemforschung; oft habe ich im Freiland und bei jedem Wetter mit ihm gearbeitet, es war wie ein guter Freund und Partner, einfach immer dabei, es funktionierte, war nie müde und jederzeit “ansprechbar”.
Vor ein paar Monaten dann der Schock: Mein DELL fuhr zwar noch hoch, wie die blau flackernde LED rechts neben der Tastatur mir signalisierte. Aber der Bildschirm blieb dunkel. Nur das blaue DELL-Logo erschien zu Beginn des Bootvorgangs; aber beim Ladeversuch von Windows 10 Pro erlosch der Bildschirm sofort wieder. Es hatte etwas Endgültiges.
Es folgten mehrere, eher hilflose Versuche der Diagnose und Therapie; ich schaltete das Notebook ein und aus, fuhr es mehrmals hoch und wieder runter, es nützte alles nix. Mir fiel auf, dass beim Start das blaue DELL-Logo merkwürdig gepunktet und unaufgelöst aussah, maß dem aber keine Bedeutung zu. Irgendwie gelang es mir, während des Startvorgangs durch Drücken der F8-Taste das Notebook im abgesicherten Modus zu starten. Dann sah ich die Bescherung im Gerätemanager: Offensichtlich hatte sich die dedizierte Grafikkarte NVIDIA Geforce 8600M GT endgültig verabschiedet. Jeder Versuch des Windows-Betriebssystems, die Grafiktreiber beim Start zu laden, führten zum Absturz mit kurzzeitigem blue screen und anschließend schwarzem Monitor.
Dann habe ich die scheinbar funktionslose NVIDIA-Grafikkarte im Gerätemanager erst einmal deaktiviert und deren Grafiktreiber deinstalliert. Fortan funktionierte die Anzeige zwar mit dem DELL-OnBoard-Grafikchip, aber nur mit 800 x 600 dpi Auflösung (vorher: 1440 x 900 dpi), also sehr schwach aufgelöst und für meine Ansprüche viel zu langsam.
OK, die Diagnose war gestellt, nun begann die Therapie. Zuerst versuchte ich, neue Grafiktreiber von der NVIDIA-Seite zu installieren; das führte aber nur zu Fehlermeldungen. Danach suchte ich im Internet nach ähnlichen Problemen mit dieser Grafikkarte und wurde auch fündig. Es sollte sich angeblich um ein bekanntes thermisches Problem handeln, wodurch der Kontakt zwischen dem NVIDIA-Grafikchip und dem Sockel auf dem Mainboard zerstört würde. Auch Therapievorschläge fand ich im Internet, wobei der abstruseste Heilungsvorschlag darin bestand, das mainboard des Notebooks auszubauen und für 20 min bei 75°C im Backofen zu rösten. Danach sollte der Kontakt zwischen Grafikchip und Mainboard angeblich wieder hergestellt sein.
Diese Prozedur ersparte ich mir (und meinem Notebook) dann aber doch, und brachte den Computer zu einem Computerfachmann. Dort lag mein Notebook ein paar Wochen herum, bis mich der “Fachmann” anrief und bedauerte, mir mit diesem speziellen Problem nicht helfen zu können. Die Reparatur würde sich nicht lohnen. Er riet mir zum Kauf eines neuen Notebooks. Meinen guten Freund sollte ich also im Stich lassen? Niemals …
Mir war aber nach weiteren erfolglosen Heilungsversuchen (u. a. komplette Neuinstallation des Betriebssystems) dann doch irgendwann klar, dass ich mir einen neuen Computer zulegen und ich mich von meinem DELL verabschieden musste; mein geliebtes Notebook wurde also einbalsamiert und in einer Schrankschublade beigesetzt. Den Akku hatte ich zuvor ausgebaut, und die Festplatte diente in der Folgezeit als externer Massenspeicher für mein neues LENOVO-Notebook (es erschien mir wie die letzte Organspende eines sehr guten Freundes).
Im Urlaub kam ich irgendwann auf die Idee, mir meinen DELL (dessen einsame Existenz in seiner Schrankschublade mir sehr leid tat) noch einmal vorzuknöpfen; er wurde also exhumiert und mit Akku, Festplatte und Arbeitsspeicher versehen, danach drückte ich auf den Startknopf.
Und, oh Wunder, er fuhr sofort hoch, holte sich im Internet die dort wartenden Updates, lud automatisch die neuesten NVIDIA-Grafiktreiber herunter und startete neu. Und, siehe da, alles wie früher, Auflösung wieder 1440 x 900 dpi, schnelle Reaktionen, kein gelbes Warndreieck mehr bei “Grafikkarte” im Gerätemanager.
Seit einigen Wochen sind ich und mein DELL wieder die allerbesten Freunde (obwohl die Freundschaft eigentlich nie gelitten hatte, schließlich war er ja nur scheintot), er ist von schwerer Krankheit spontan genesen und verrichtet seine Arbeit, als sei er niemals außer Dienst gewesen.
Woran mein DELL damals so plötzlich und unerwartet erkrankt war?
Ich weiß es bis heute nicht.
(Michael Schulte)













