Pianist Stefan Mickisch erzählt von Auftritten und Vorlieben und macht ein ungewöhnliches musikalisches Geständnis
Stefan Mickisch liebt Caféhäuser. So findet das letzte Interview mit ihm in diesem Jahr 2014 in der "Kostbar" in Schwandorf statt, wo er gerngesehener Gast ist und ihn die Bedienungen namentlich und mit freundlichem Lächeln begrüßen. Mickisch ist auch ein Charmeur. Eine Kommunalpolitikerin, die zufällig vorbeikommt, wird nach einem netten Geplauder mit Handkuss verabschiedet. Denn der 52-Jährige hat gute Laune. Eben ist seine neue CD erschienen und sie krönt ein erfolgreiches Jahr 2014, das den Künstler nicht nur auf dem Konzertpodium sah, sondern auch im Fernsehen und in anderen Medien. Vor allem war der Schwandorfer 2014 viel unterwegs. Und wie er im Gespräch Bilanz zieht, macht er auch ein ungewöhnliches musikalisches Geständnis.
"Das ist meine 59. CD", sagt der Pianist und zieht das nagelneue Album aus der Tasche. Es heißt "Der Rosenkavalier - Stefan Mickisch spielt und erklärt Richard Strauss" und ist ein Live-Mitschnitt einer Matinée im Prinzregententheater München - zweieinhalb Stunden dauert das Werk, das nicht nur Strauss-Fans interessieren dürfte. Die CD ist das Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung mit dem genialen Komponisten, der, wie Stefan Mickisch nicht müde wird zu betonen, oberpfälzische Wurzeln hat: "Sein Vater stammt aus Parkstein."
Eigentlich ist Mickisch ja Wagner-Experte. Was 1998 in Bayreuth begann, hat sich längst zum Erfolgsmodell entwickelt: Mit seinen konzertanten Wagner-Einführungen wurde Stefan Mickisch zum international gefragten Künstler - der sich aber auch auf andere Komponisten einlässt.
Strauss als Thema
Neben Mozart und Beethoven war das in diesem Jahr vor allem Richard Strauss, dessen Geburtstag sich zum 150. Mal jährte. Für Mickisch ein willkommener Anlass, Strauss und sein musikdramatisches Schaffen gründlich zu durchforsten. Wie immer auf der Suche nach dem, was man in einschlägigen Opernführern garantiert nicht findet: Unbekanntes, Unerwartetes und Querverweise in alle Bereiche der Geisteswissenschaften.
Tausende von Zuhörern
Die Matinée, die die Grundlage für die aktuelle Strauss-CD bildet, war "der Höhepunkt eines guten Jahres 2014". Insgesamt knapp 2000 Zuhörer fanden vor zwei Monaten den Weg in das Prinzregententheater, um Mickischs beiden Gesprächskonzerten zu lauschen. Aber am liebsten ist Mickisch in Wien, "wo ich selbst sehr viele Konzerte und Opern besuche". Natürlich tritt der Künstler in der österreichischen Hauptstadt auch auf. Denn dort fühlt er sich wohl. "Ein Hotel hat für mich extra die immer gleichen Zimmer reserviert, wenn ich komme."
Klar, Stefan Mickisch lebt für die klassische Musik. Aber sein Horizont ist viel weiter. "Im Grunde interessiert mich alles!" versichert er und weist darauf hin, dass er "eigentlich" hätte Philosophie studieren wollen. "Jetzt mache ich Philosophie nebenbei", erzählt Mickisch und freut sich schon enorm auf ein Treffen mit dem berühmten deutschen Star-Philosophen Peter Sloterdijk im nächsten Jahr in der Schweiz.
Ganz locker ist der 52-Jährige, wenn es um das Thema Pop-Musik geht. Da gibt es keinerlei Berührungsängste. "Zum Frühstück", so gesteht er schmunzelnd, "lege ich zum Beispiel gerne Udo Lindenberg auf, denn der ist echt gut". Auch Herbert Grönemeyer hat bei ihm einen Stein im Brett: "Das ist ebenfalls gut gemachte Musik!" Von den Beatles und ähnlichen Kalibern gar nicht zu reden...
Videos im Netz
Übrigens: Wer noch nie in einem von Stefan Mickischs klassischen Gesprächskonzerten war, kann auch im Internet einen Eindruck gewinnen. Einfach auf Youtube "Mickisch" eingeben, dann öffnen sich viele Video-Fundstellen.
Kopfkino und große Philosophie
Für die einladenden "Freunde der Kunst" und das Ortenburg-Gymnasium als Gastgeber war der Konzertabend mit Stefan Mickisch ein großer Erfolg. Wobei man nicht weiß, wen man mehr loben soll: Den Künstler für seine unterhaltsamen Erläuterungen und sein virtuoses Spiel, das Publikum für seine enorme Konzentrationsfähigkeit oder die Organisatoren, die dem Pianisten zum Spielen einen Steinway D-Flügel auf die Bühne stellten.
"Das ist der Lamborghini unter den Flügeln; noch höher als ein Porsche!", lautete Mickischs amüsante Bewertung. Diese Bildhaftigkeit macht das Besondere der Veranstaltungen mit dem Schwandorfer Künstler aus, der üblicherweise in den Konzerthäusern der Metropolen zu Hause ist.
Sehr gut besucht
Umso höher muss man es den Oberviechtacher "Freunden der Kunst" um Monika Krauß und Anne Gierlach anrechnen, dass sie den 50-Jährigen für ein Gastspiel im östlichen Landkreis gewinnen konnten. Stefan Mickisch versicherte den Besuchern, er schätze jedes Publikum gleich hoch, egal wo er auftrete. Diese Behauptung illustrierte er mit einem Satz seines vor zwei Jahren verstorbenen Lehrers Leonid Brumberg, der sich sicher war, dass man auch in kleinen Orten "fünf Zuhörer findet, die einen vollständig verstehen - in großen Städten sind es sechs...".
Das Konzert war derart gut besucht, dass Oberstudienrat Ludwig Pfeiffer und einige Schüler kurzfristig weitere Stühle heranschaffen mussten, so dass am Ende um die 300 Zuhörer in der Dreifachturnhalle des Ortenburg-Gymnasiums Platz fanden, unter ihnen Landrat Volker Liedtke und Gattin Brigitte. Trotz der vielen Menschen hätte man bei den langsamen und leisen Momenten eine Stecknadel fallen hören können, so aufmerksam war das Auditorium.
Auf dem Programm stand "Eine Alpensinfonie" von Richard Strauss, die den Aufstieg auf einen Alpengipfel und den folgenden Abstieg musikalisch schildert. "Programmmusik" meinen dazu manche abfällig. Für Stefan Mickisch steckt in dem gut 45-minütigen Stück viel mehr. Nämlich heroische Natur-Philosophie und die Feier des energischen Tatmenschen, der sich von Hindernissen nicht schrecken lässt. Festgemacht hat Mickisch diese geistige Einbettung an den Namen Friedrich Nietzsche (deutscher Philosoph) und Karl Stauffer (Schweizer Maler und Alpinist).
"Bergabenteuer"
Auch wenn das große Stück für ein großes Orchester geschrieben ist, stellte Stefan Mickisch dieses musikalische Bergabenteuer auf dem Flügel dar. Wie es schien, ohne Abstriche am Gehalt. Die ersten eineinviertel Stunden zog Mickisch aus der Schatztruhe der Motive die bestimmenden hervor, spielte sie an, erläuterte sie humorvoll und stellte sie in Zusammenhang mit Motiven aus Symphonien von Ludwig van Beethoven. Das nennt sich "Gesprächskonzert" und dafür gab es reichlich Zwischenapplaus.
Für Erheiterung sorgten Mickischs manchmal recht deftige künstlerische Bewertungen, etwa diese: "Das ist jetzt in As-Dur, das ist höher stehend, nicht so primitiv wie C-Dur. In C-Dur kann jeder Depp komponieren!" Natürlich kommt in der "Alpensinfonie" nicht nur As-, sondern auch C-Dur vor, etwa als der Bergsteiger den Gipfel erreicht. Da wird die Musik hell, klar, festlich. Auch hier hatte Mickisch eine kleine Pointe parat, die sich aus seiner Beschäftigung mit dem Werk ergeben hat: "Der Bergsteiger hat das Schweizer Massiv Mönch-Eiger-Jungfrau erklommen und nicht die Zugspitze, wie die Garmischer noch immer hoffen."
Übrigens hat Stefan Mickisch den genialen Münchner Komponisten Richard Strauss ("nicht zu verwechseln mit Johann Strauss oder Franz-Josef Strauß") als halben Oberpfälzer verortet: "Sein Vater stammte aus Parkstein." Nach einer Pause setzte Mickisch alle Fragmente zusammen, die er bereits vorgestellt hatte, und spielte "Eine Alpensinfonie" in einem Zug durch - fast eine dreiviertel Stunde lang. Eine sehr anstrengende Aufgabe, die er meisterlich umsetzte und für die er zu Recht lang anhaltenden Beifall bekam.
Neue CD erschienen
Wer sich die Werk-Erklärungen mit ihrem "hintergründigen Witz und fesselnder Rhetorik" (Anne Gierlach bei der Begrüßung des Künstlers) noch einmal anhören und sich die komplette "Alpensinfonie" in der Klavierfassung zu Gemüte führen möchte, kann auf die neueste CD-Veröffentlichung von Stefan Mickisch zurückgreifen. Sie ist kürzlich im Musikverlag Fafnerphon erschienen.









