Astrologie: Stier sein will wirklich niemand.
Sobald sich Stiere Ziele setzen, hört der Spaß auf. Dann sitzen sie morgens Punkt sieben im Büro, gehen nochmal alle Ordner durch, stapeln Akten meterhoch, klingeln Sekretärinnen aus dem Urlaub zurück, laden Kollegen Kinderpornos auf die Rechner und sägen Stühle an. In der Mittagspause wird tonnenweise Sashimi geordert, zahlen müssen aber andere. Am Abend geht es zum Lieblingsitaliener, der Stier lässt sich vier, fünf Tische anbieten, erst der sechste passt, der Gastronom muss Gäste umsetzen. Der Stier will aber erstmal ‚kochen‘, rennt in die Küche und begrüßt mit ‚ciao, ciao, amici…‘ die Mannschaft. Er befiehlt mit donnerndem ‚allora…‘ Trüffel, Langustini, Käse aus fernen Klöstern und Wein aus dem 18. Jahrhundert. Kleine Portionen! Alle salutieren in Reih und Glied. Die junge Gastronomen-Tochter knöpft auf, stützt sich auf den Herd, der Stier ist Stammgast. Ein dünner kleiner Azubi weint – vor Glück, die Fäden sind noch nicht gezogen.
Nein, Stier sein will wirklich niemand.
Stier-Männer verschreiben sich gerne ganz der Familie. Ihre Söhne machen sie zu Killern und übernehmen die Stadtviertel eins nach dem anderen. Sie lassen die Konkurrenz systematisch in schlechte Deals rennen und schalten bald ohne Regung Großmütter, Mütter, Neugeborene aus. Die Köpfe kommen in die Post, das plant der Stier mit Sendungsverfolgung und Zustellungstermin ganz geduldig und genau.
Die Stier-Frau macht da gerne mit und schafft der Sippe nach Kräften einen Landsitz, der – oberhalb oasenhaft – untertags einem alptraumhaften Führerbunker gleicht. Hier verstaut die Stier-Frau unliebsame alte Bekannte, die Gegenspielerinnen der Schulzeit, die handverlesenen, aber dann immer schnell kaputtgefickten Sklavinnen ihres Mannes, ihrer Söhne und ihres geifernden, von massivem Körperschorf gezeichneten Vaters, dem geblendete Bedienstete in Todesangst stets einen frischen Jahrgang blonder Schönheiten aus dem nahen Dorf zuführen. Winzige Thai-Mädchen wären besser, aber eine gewisse Bodenständigkeit bleibt für das jeden Sonntag in einer tigerblutgeflutetenden Arena exaltiert Tango Argentino tanzende Stier-Paar unverhandelbar.
Nein, Stier sein will wirklich niemand.