Transhumanismus und die Frage menschlicher Identität
Die Soziologin Dr. Sabina Misoch macht sich im Magazin „Swissfuture“ (Schweizerische Vereinigung für Zukunftsforschung) identitätstheoretische Überlegungen zum Thema „Transhumanismus“. Sie fragt sich, was es für die menschliche Identität bedeuten würde, wenn der Geist - wie es dem Transhumanismus vorschwebt - durch upload auf ein Speichermedium vom Körper getrennt würde. Gäbe es im trans- bzw. posthumanistischen Stadium überhaupt noch eine Identität?
Der Transhumanismus propagiert die Befreiung des Menschen von naturgegebenen physischen, kognitiven und psychischen Grenzen. Die Grenzen zwischen «Künstlichem» und «Natürlichem» haben sich durch den technologischen Fortschritt bereits zunehmend aufgeweicht.
Sabina Misoch zitiert dazu K. Kelly (Out of control, London 1995):
«Machines are becoming biological and the biological is becoming engineered».
Die Frage nach der Identität: Wer bist Du?
Die Antworten auf die klassische Frage nach der Identität - Wer bist Du? - verändern sich stark auf dem Hintergrund transhumanistischer Phantasien und Utopien.
Der Körper des Menschen und dessen individuelle Verfasstheit gelten als Garant für Individualität, denn dieser fungiert in seiner Materialität als Identifikationsgefäss.
Misoch: „Die Identität wird ganz zentral am Körper und dessen Gegebenheiten festgemacht: Wir definieren uns über unseren Körper und dessen Merkmale und werden über diesen von anderen identifiziert. Jedes Individuum verfügt über einen Körper, ist durch diesen in der Welt und durch dessen Konstitution einmalig.“
Auch das Konzept der Identität ist allerdings durch gesellschaftliche Modernisierungsprozesse zunehmend aufgeweicht worden. Misoch:
„Zwar ist Identität im Zuge der (Post)Modernisierung von Gesellschaften bereits prekär geworden, da diese durch Erfahrungen radikaler Kontingenz, der Entbettung (Giddens) und Enttraditionalisierung als zunehmend anpassungsfähig und flexibel (Sennett), als patchworkartig zusammengesetzt (Keupp, Gross) oder multipel (Turkle) beschrieben wird, doch bleiben diese Identitäten weiterhin an den Körper des Menschen gebunden.“
Das Konzept der Identität ist sowieso keine anthropologische Konstante der Menschheit, sondern jeweils eng mit historisch-gesellschaftlichen Entwicklungen verknüpft. Und der menschliche Körper, seine Wahrnehmung und Bedeutung, sind historisiert und gesellschaftlich kontextualisiert.
Auch wenn in aktuellen Diskussionen die Identität bereits als erweitert betrachtet und als flexibel, situativ und multipel bezeichnet wird, verschärfen transhumanistische Phantasien und Utopien der Verschmelzung von Mensch und Maschine diese Fragestellungen. Transhumanistische und posthumanistische Vorstellungen laufen sogar auf eine Suspendierung des Körpers hinaus, zum Beispiel wenn Unsterblichkeit durch upload auf eine Computerfestplatte angestrebt wird. Das wirft bezüglich Identität zahlreiche Fragen auf.
„Welche Rückwirkung haben transhumanistische Phantasien und Utopien mit dem Ziel der Aufhebung der klassischen Dichotomie von Mensch und Maschine…. und somit der Auflösung der Materialität des Menschen auf dessen Identität? Oder zugespitzt gefragt: Wie viel Körper braucht der Mensch?“
Gute Frage: Wie viel Körper braucht der Mensch?
Sabina Misoch erwähnt Donna Haraway (1995), die postiulierte, dass durch die Verschmelzung von Organischem und Technischem neue Identitätskonzepte entstünden, da Cyborgs sich keine eindeutige Identität suchen. Hier sei noch von einer Verschmelzung des Technischen und Menschlichen die Rede, schreibt Misoch. Der Psychologische Reduktionismus gehe einen Schritt weiter und postuliere, dass Identität bzw. Persönlichkeit an bestimmte Eigenschaften und Fähigkeiten des Individuums gebunden sei und nicht an einen Körper – dieser würde somit obsolet, also überflüssig.
Misoch: „Betrachtet man die transhumanistischen Ideen vor diesem Hintergrund, so spannt sich hier ein neuer cartesianischer Dualismus auf: der Geist des Menschen wird (durch upload auf Speichermedium digitalisiert) endgültig von dessen Körper als durch Technik ersetzte biologische Masse getrennt.“
(Anmerkung M.K.: Cartesianischer Dualismus = Durch René Descartes, 1596 - 1650, postulierte Trennung von Geist und Körper).
Sabina Misoch zitiert an dieser Stelle Barbara Becker (2000) mit der Schlussfolgerung, dass Cyberspace-Identitäten und postbiologische Subjekte nicht das Ende, sondern die Perfektionierung des cartesianischen Subjekts seien.
Misoch stellt sodann die Frage, ob Identität überhaupt ohne eine Rückbindung an einen Körper erstellt werden kann.
Der Körper sei durch einen Doppelaspekt gekennzeichnet, den Plessner (1975) in seiner Konzeption der (exzentrischen) Positionalität als «Körper-Haben» und «Leib-Sein» bezeichnet habe. «Körper-Haben» bezeichne im Plessnerschen Sinne den materiellen, dinghaften und äusserlich wahrnehmbaren Körper des Menschen. Mit dem Leib bzw. dem Leib-Sein werde in der Plessnerschen Konzeption der für das Subjekt spürbare Körper bezeichnet. Der Körper und der Leib hängen aber untrennbar zusammen, sie verhalten sich zueinander wie zwei Seiten einer Medaille, schreibt Misoch.
Transhumanistische Phantasien scheinen die Ersetzung des Körpers durch eine technische Hülle bei gleichzeitiger Suspendierung des Leiblichen zu verfolgen. Damit würde die Körperhülle des Menschen ersetzt und entbiologisiert – das Fleischliche, Widerständige, (das Leibliche) hingegen würde vollständig eliminiert. Menschsein wäre dann, schreibt Misoch, nicht mehr durch den Doppelaspekt des Leibkörpers gekennzeichnet. Dieser futuristische technogene Körper wäre dann kein pulsierender Leibkörper mehr, sondern ein Körperding, in dem das Bewusstsein des Menschen (mittels mind upload) eingespeist würde. Identität im Sinne eines individuellen Selbstseins, das sich aus der körperlich-biologischen Einzigartigkeit speist und auf der Verschränkung von Körperlichem und Leiblichem gründet, wäre damit inexistent.
Identität sei immer an einen individuellen Körper gebunden und Veränderungen des Körpers hätten daher Auswirkungen auf die Identität, schreibt Misoch mit Verweis auf Goffman („Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität“, 2001). Der Körper und die Identität seien Voraussetzung für die Handlungsfähigkeit von Individuen und die Konstitution einer Gesellschaft.
Misoch: „In einer Gesellschaft ohne individuelle Körper – und es ist fraglich, ob man eine solche als Gesellschaft im soziologischen Sinne als Gruppe von sozialen und miteinander agierenden Akteuren bezeichnen könnte – würde Identität damit zu einem obsoleten Konzept.“
Abschliessend zitiert Sabina Misoch D. Bell („Die Zukunft der westlichen Welt“, 1979):
«Auf die klassische Frage nach der Identität: ‘Wer bist Du?’ hätte der Mensch früher geantwortet: ‘Ich bin der Sohn meines Vaters’. Heute erklärt er: ‘Ich bin ich [...] und schaffe mich durch eigene Wahl und Tat.’»
Im transhumanistischen Zeitalter - schreibt Misoch hierzu - würde es auf diese Frage keine Antwort mehr geben: „Eine Identität in unserem Verständnis würde es dann nicht mehr geben.“
Sabina Misoch, Wieviel Körper braucht der Mensch?