φαντασία/ visio
1.
Phantasiawissenschaftler, Visionswissenschaftler: Bei dem hohen Berufsbezeichnungsverbrauch, den Aby Warburg hatte, machen diese zwei weiteren Bezeichnungen den Kohl auch nicht mehr fett.
Für eine Bild- und Rechtswissenschaft, die man aus dem Atlas extrahieren könnte, wäre es wohl wichtig, die Mannigfaltigkeit dessen, für das es in der griechischen und lateinsischen Sprache ein Bündel an Worten, in der deutschen Sprache nur das Wort Bild gibt, nicht abzuwürgen und nicht aus den Überlegungen zu pressen.
2.
'Erscheinung', das soll vielleicht etwas sein, in dem ein Dogma (ein beschirmetes oder abgeschirmtes Wissen) kommt und geht, sich und etwas bewegt, in dem also der Schein wie zu einem Vor- oder Durchgang wird.
In Zundels Clavis Quintilianea wird φαντασία mit Erscheinung, mit geistige Vorstellung undmit dem lateinischen Wort visio übersetzt. Zundel erläutert das aber weiter so: es handele sich um die lebendige Vorstellung von Begebenheiten im Geiste als Grundlage der Gefühlserregung.
Der Begriff sei mit demjenigen des adfectus/ affectus assoziiert.
2.
In Quintilians Institutionen tauchen die Wörter φαντασία und visio in mehreren Büchern auf. Im sechsten Buch, zweites Kapitel, gibt es eine längere, bildwissenschaftlich vielkommentierte Passage, die einige Wörter aus dem Bündel der Bildassoziationen sammelt, u.a. auch die Wörter visio/ φαντασία und in den Kontext von etwas stellt, von dem Quintilian sagt, dass man dies παθός/ pathos nenne und damit im eigentlichen Sinne den Affekt (adfectus/ affectus) meine.
Diese Passage spitzt sich zu. Im zweiten Kapitel sagt Quintilian etwas zum pathos ( VI 2, 20), präzisiert eine Technik der Erregung/ Affizierung (VI 2, 26) und kommt dann ab VI 2. 29 zu einer Bündelung von Ausführungen zu visio/ Phantasia, enargeia/ illustratio/ evidentia, in denen etwas von dem verdichtet wird, was Warburg weiter und unter Rückgriff auf differenzierte Wissenschaften entfaltet.
Das Assoziationsbündel auf Pathos/ Bild/ Erregung/ Vision/ Affekt und Affizierung mag in Quintillians Text dicht oder verdichtet sein. Die Passagen sind aber auch Institutionen, ein Manual - und so etwas lebt von Verdichtung. Zur Technik gehört nach Quintilian, dass man andere erregt, indem man sich erregt. Er schildert das als Verkettung, als Kettenreaktion oder Ansteckung: Feuer entzünde, Wasser nässe, Farbe färbe ab - das sind seine Beispiel für Affizierungen. Man kann dies zu einem der Schlüssel jenes praktischen Wissens zählen, das darin effektiv wird, Subjekt und Objekt nicht groß zu trennen, nicht Aktion und Passivität groß zu trennen. Das ist keine "Minimalisierung" von "klassischen Positionen der Subjektphilosophie", das ist praktisches Wissen, das ist (Kultur-)Technik. Das Subjekt wird hier Medium, es verschiebt sich auch zum Quasiobjekt. Der Sprecher gibt sich der Sprache hin, der Skifahrer dem Hang, der Nüchterne dem Nüchternen, die Blumen den Blumen. phantasia oder visio als inneres Bild oder als geistige Vorstellung zu Beschreibung, ist insofern wohl nur die Hälfte der Wahrheit. In der für rhetorische Institutionen typischen Überlappung und Kreuzung von Begriffe stehen phantasia und visio mit adfectus/ affectus/ enargeia/ evidentia/ illustratio nicht nur in Kontaxt, sie überlappen und sie kreuzen sich, wenn auch unvollständig, sie verketten, auch weil sie sich verketten.
3.
Ob das Diskursanalyse, ANT und symmetrische Anthropologie oder eben jene Zweige der Medienwissenschaft sind, die sich um 'Kulturtechniken' gesammelt haben (und die wiederum auch mit dem Schlagwort und einem kleinen Manifest "wider die Diskursivierung"): ein Zug besteht in einer Zerlegung von Kategorien, die manche als klassisch bezeichnen würde, und einem Rearrangement dessen, was vorher durch Kategorien seine Position und seine Stellung bekam. Etwas, was am Subjekt vorkam, kommt jetzt vielleicht immer noch am Subjekt vor, aber auch woanders. Etwas, was am Menschen vorkam, kommt vielleicht immer noch am Menschen vor, aber auch noch woanders. Die Assoziation ist nicht kategorial, ihr korrespondiert kein logischer Aufbau der Welt, der schon einmal irgendwo durchdacht, begriffen oder systematisiert, dauerhaft aufbereitet worden wäre.
Caillois hat den Begriff diagonaler Wissenschaften ins Spiel gebracht, aber er passt für die Diskursanalyse (nicht nur einen Zug von Les mots et les choses), auch für die ANT, auch für Kulturtechnikforschung. Wäre der Vegriff der Vernetzung nicht bereits juristisch auf eine Weise besetzt, die in zugleich mit Vorstellungen der Entgrenzung, einer großen Anreichung, einer großen Vermehrung und immer noch einem Dogma der großen Trennung assoziieren würde, könnte man für diese Zerlegung und das Rearrangement (eine Umsortierung, Umordnung oder 'Gestellschieberei' (Warburg)) versucht sein, die Vorstellung von Vernetzung aufzugreifen, weil ein in diesen Theorien ein besonderes Interesse an Assoziationen besteht, die auf vielleicht erst einmal überraschende Weise Differenzierung und Indifferenz kombinieren: Effektive und eigenschaftsfreie Asssoziationen, in denen zum Beispiel etwas, was am Menschen vorkommt, auch nicht am Menschen vorkommt aber trotzdem dabei kooperiert, nicht nur Menschen zu reproduzieren, sondern auch zu reproduzieren, wie sie sich von anderen Wesen unterscheiden. Etwas, was nicht nur an am Bild vorkommt, hilft dabei, aus etwas oder jemandem ein Bild zu machen und kooperiert dann noch dabei, dass Bild zu konturieren, definieren, unterscheiden zu können. Die Vorgänge verstellen etwas und sind durch Verstellung effektiv.
Wenn man sich unter der Zerlegung und dem Rearrangement, dem Umsortieren, einer Gestellschieberei oder eben solchen Verstellungen nur die "Minimalisierung klassischer Positionen" und gleichzeitig nur ein Kontinuum der Souveränität, also zum Beispiel nur eine Minimalisierung des Subjektes und eine Maximalisierung 'kulturtechnischer Souveränität' vorstellen kann, wenn einen das alles zu nichts inspiriert als zu der Vorstellung eines "selbstgenügsamen Medienmaterialismus", dann sollte man sich mit anderem beschäftigen. Ein eigenschaftsfreies Denken einerseits, eine Wechselwissenschaft anderseits: das wären mögliche Fortführungen. Es sind nicht nur die großen Trennungen, die einer Kaskade von Austauschmanövern aufsitzen; auch die kleinen Trennungen, auch die Mannigfaltigkeit sitzt Kaskaden von Austauschmanövern auf - im Bodensatz der Gründe lässt sich stochern.
4.
Vis/ Visio: Es braucht nicht viel, um in den spontanen Verkabelungen, die sich aus solchen dichten Institutionen wie den rhetorischen Institutionen, ihren Überlappungen und Kreuzungen ergeben können, Linien auszumachen, in denen visio und phantasia nicht nur mit enargeia/ evidentia assoziiert werden, sondern auch mit dem, was man Normativität nennen kann, was man puissance nennen kann, was man Energie nennen kann, was man Kraft nennen kann, was man Wissen nennen kann. Die Wörter können Konstellationen bilden, das heißt auch, dass die wandernd auf den Schirm kommen und manchmal dann begriffliche Linien bilden, in denen Übersetzungen verständlich werden, vorübergehend vielleicht, die sonst unverständlich oder unmöglich sind. Wieso soll nicht, zum Beispiel im Juli, das Wissen einleuchten, lebendig sein und über Bewegung verfügen, weil es dann dasjeige ist, was einleuchtet, lebt und über Bewegung verfügt? Wissen, sub oculus subiecto. Auseinanderdriften werden die Wörter und Begriffe auch so. Dann kommt das, was sonst und auch an anderen Stellen vorkommt und andere Stellen auszeichnet, was snst und auch am Menschen oder an Subjekten vorkommt, an Augen vor oder an Blicken oder an Bildern oder an den Linien, an denen die Sichtbarkeit von der Unsichtbarkeit unterschieden wird, an denen die Wahrnehmbarkeit limititert und kanalisiert wird - und an denen dann Ausübbarkeiten verlaufen.











