"Der Fremdwohner" und "Borowski und der stille Gast" haben eine ähnliche Premisse, aber einen SO UNTERSCHIEDLICHEN Umgang damit, dass es mich irre macht.
In "Borowski und der stille Gast" wird der brutale Bruch von Privatsphäre thematisiert. Korthals treibt seine Opfer in den Wahnsinn, indem er sie von seiner Anwesenheit wissen lässt, ohne konkret strafbare Beweise zu hinterlassen. Er verkleidet sich als Paketboten, um nicht aufzufallen, und nimmt an dem Leben seiner Opfer teil, indem er sie beobachtet und ihnen Geschenke via Post macht. All das wird, berechtigt, als sehr gruselig inszeniert, mit ziemlicher Alptraumgarantie.
In "Der Fremdwohner" dagegen wird dieser Aspekt des Raubs von Privatsphäre nie erwähnt, obwohl Pieringer sich ebenfalls als Paketbote verkleidet, um nicht aufzufallen, in fremde Wohnungen steigt und die Privatgegenstände der Anwohner durchschaut, um sie kennenzulernen und passiv an ihrem Leben teilzuhaben. Der Ton ist ganz ein anderer, es herrscht so gut wie keine (moralische) Verurteilung für seine Taten, im Gegenteil, Leitmayr sympathisiert sogar mit ihm und am Ende befreundet Pieringer sich mit einer Frau und Kind, in dessen Wohnung er einsteigt. Alles in allem ein richtiges Feel Good Ende, kein Grusel, kein gar nichts.
Und um fair zu sein, die Verurteilung von Korthals' Taten haben ebenfalls etwas damit zu tun, dass er seine Opfer tötet, wenn sie seinem Fremdwohner-Konzept zu gefährlich werden. Außerdem zieht er Freude daraus, seine Opfer psychologisch zu foltern mit dem Wissen, dass er jederzeit bei ihnen einsteigen könnte. Es ist also völlig legitim, dass Korthals bei weitem boshafter insziniert wird. ABER es stört mich, dass in "Der Fremdwohner" so gar nicht auf den Aspekt der Privatsphäre eingegangen wird. Die Wohnung, das Haus sind in der Regel der Ort, wo ein Mensch sich am sichersten fühlt (bzw fühlen sollte). Würde ich herausfinden, dass ein Fremder in meiner Wohnung ein- und ausgeht, wie es ihm passt, und ich habe noch nie etwas davon mitbekommen, würde in meinem Gehirn vermutlich irgendetwas brechen und ich könnte mich nie mehr in derselben Wohnung sicher fühlen, geschweige denn mich mit dem Typen anfreunden, egal ob er jetzt mein Kind vor einem Sturz gerettet hat oder nicht. Ich verstehe, dass es den üblichen leichten Ton der Folge kaputt mache, auf so etwas einzugehen, aber dann sollte man es vielleicht auch zu keiner Folge mit freundlich witzigem Ton machen, weil das selbst für den Tatort schon zu realitätsverzerrend ist.






