18/05/2019
Ich wache vor allen anderen auf. Die Sonne scheint grell und heiß in mein gestreiftes Bett. Obwohl ich spät ins Bett bin und nicht viel geschlafen habe, bin ich nicht müde. Einige Morgenstunden ganz für mich, ich sitze in der Küche, frühstücke, trinke Tee und schreibe meine morning pages.
Ich lege mich noch mal zu Stas ins Bett, er ist schläfrig, seine Haut weich und warm, ich vergrabe meine Nase in seinen Haaren und an seinem Hals, er wacht langsam auf, seine Finger wandern unter meinen Rock, ich irgendwann mit meinem Gesicht runter in seinen Schoß, wir schlafen zusammen, es ist richtig gut und ich bin mir dessen sehr bewusst und froh, sehr froh. Ich komme zuerst, dann er auf meinen hellblauen Sommerrock, den ich noch trage und anschließend schnell zu einem 15min Kurzprogramm in die Waschmaschine schmeiße.
Die beiden russischen Schwestern nebenan sind inzwischen auch aufgewacht und gehen duschen. Stas und ich legen zum ersten Mal die Schallplatte mit der Banane drauf auf, die er vor ein paar Wochen auf dem Flohmarkt gekauft hat ohne sie anhören zu können. Mein Plattenspieler, der kaputt war als ich ihn das letzte Mal benutze, funktioniert auf wundersame Weise wieder. Auf der Platte ist richtig gute Discomusik, welch ein Glücksgriff.
Ich telefoniere mit dem Ehemann der Frau, die ich grade für’s Hospiz begleite. Er erzählt, sie ist letzte Nacht gestorben. Er war bis zuletzt bei ihr und hat ihre Hand gehalten, ganz zum Schluss hat sie sich sogar noch mal zu ihm gedreht und ihn angesehen. Es ist also bestmöglich für die beiden gelaufen, wie schön. Er bedankt sich sehr und sagt, ich war ihm eine große Hilfe. Das ist schön zu hören.
Mit all den Russen auf den Wochenmarkt am Boxi. Stas und ich holen uns je eine Portion Pelmeni, die anderen irgendetwas anderes und wir treffen uns am Springbrunnenbecken wieder. Der andere Stas fängt Gespräche mit mir an, die beiden Schwestern wirken noch ein wenig schüchtern. Ich merke, wie vertraut mir Denis im Vergleich zu den anderen ist, und das fühlt sich merkwürdig, aber ganz schön an.
Wir leihen LIDL Bikes für die Besucher aus und fahren alle zusammen mit dem Fahrrad nach Neukölln in die Donaustraße zu einem Art Fair. Das Fahrradfahren ist schön. Stas holt zu mir auf und fragt: “Are you enjoying the ride?” I am.
Art Fair. Jemand sticht stick and poke Tattoos und ich habe Lust, mir eins stechen zu lassen, aber leider gefällt mir nichts gut genug, meine bereits vorhandenen Tattoos finde ich alle viel schöner. Schade, das wäre was gewesen, so ein spontanes Tattoo. Es gibt Kunstwerke zu kaufen, jemand macht Coaching mit Playmobilmenschen und jemand anderes Astrologie und Schminken und eine sehr schön hergerichtete Frau hat draußen auf der Straße ein Zelt aus Tüchern und Tüll gebaut, in dem sie Tarotreadings anbietet.
Nach einer Weile kommen auch Julia und Yannik auf einem Roller angefahren, es ist sehr schön, sie zu sehen. Alle trinken Sangria, ich esse ein Stück veganen Apfelkuchen und trinke ein Tässchen Kaffee. Julia und ich möchten gerne ein Tarotreading, Aljona ist auch interessiert, aber nachdem wir die Tarotfrau ein bisschen heimlich belauscht haben, lassen wir von dieser Idee ab, denn sie scheint uns nicht besonders kompetent, eher wie eine Scharlatanin.
Wir gehen noch alle zusammen in einen Trödel- und Secondhandladen, ich finde einen Partypyjama für Stas und manch andere auch manches. Dann verabschiede ich mich mit Julia und Yannik, die beiden wollen in der Weserstraße etwas essen gehen und ich ihnen Gesellschaft leisten, die Russen fahren weiter auf’s Tempelhofer Feld.
Ich schiebe mein Fahrrad neben den beiden her, meine Tasche ist schwer, sie finden nichts, worauf sie Lust haben. Ich merke, mir ist das eigentlich jetzt zu viel und ich brauche Zeit allein, eine Pause von und nach so viel Gesellschaft, obwohl es wirklich schön war. Ich verabschiede mich, will schon nach Hause fahren, entscheide mich dann aber doch um und gehe im »Zum Krokodil« in der Weserstraße allein einen Kräutertee trinken, eine Weile sitzen und schreiben, bei mir selbst ankommen, merken, wie es mir überhaupt geht, wie und nach was ich mich fühle. Und hier sitze ich nun...














