The Dings - Teil III von III in The Box
Von Wirsingblättern und dem Weltall in Wohnzimmeratmosphäre
„Erinnert mich irgendwie an Gletscher.“, sagt meine Freundin Vita. Wir betrachten die Installation von Helen Roßbach. An einer Säule verschränken und überlagern sich verschiedene Schichten von gebrochenem Glas. Die Konstruktion weitet sich allmählich nach unten auf den Boden aus.
Es fließt, es strömt. Das eingesetzte Licht unterstützt diesen Effekt und lässt das Glas eisig erscheinen. -Oder liegt unser Empfinden doch nur an der Kälte, die wir gerade von draußen in die kleine, schon gut gefüllte Gallerie mit reinbrachten? Nach langer Autofahrt aus dem Ruhrgebiet haben wir es endlich zur dritten Vernissage von The Dings in der Gallerie The Box geschafft.
Dann entdecken wir noch etwas und wundern uns. Da, wo der Gletscher auf die Holzdielen trifft, wurde eine Windschutzscheibe platziert. Aber dann wird klar, dass es Helen genau um dieses Phänomen geht: Wir schreiben bestimmten Materialien gewisse Eigenschaften, sowie einen gewissen Nutzen, eine Dinglichkeit zu.
Auf einmal ertönt Dennis laute Stimme – es ist soweit: Berit Vander beginnt ihre szenische Lesung “Aus schönen Ferientagen”. Sie nimmt auf einem der urigen, großen Sessel platz, die der Gallerie ihren gemütlichen Wohnzimmercharakter verleihen. Wir hören gespannt zu. Uns begegnen verschiedene Personen im Minutentakt. Da ist die junge Frau Helga Prill, der von ihren Eltern eine medizinische Ausbildung aufgezwungen wird, die aber viel lieber Malerei studieren würde, das Pärchen Peter und Tina, die in ihrem Ibiza-Urlaub merken, dass die Luft raus ist, die verheiratete Frau Sabine Käss, die ihren kranken Mann mit einer Affäre in Berlin betrügt und viele weitere.
Berit liest einige original Postkarten aus den 50er und 60er Jahren vor, ihre selbstgeschriebenen Kurzgeschichten untermalen die Ausführungen. Dabei lädt sie auch uns ein, zwischen den Zeilen zu lesen, uns das Leben dieser Personen vorzustellen und deren Geschichten weiterzudenken. Hierzu legt sie im Anschluss an die Lesung einige Postkarten bereit, zu denen die Besucher ihre Gedanken aufschreiben können. Es gibt schallenden Applaus.
Berit hat uns so neugierig gemacht, dass wir gleich noch einige von den großflächig bis auf die Fensterfront arrangierten Postkarten lesen und uns ausmalen, was für Personen sie geschrieben haben könnten.
Nun möchte ich meiner Freundin aber auch noch eines meiner Lieblingswerke zeigen. Es sind die Mysterienbilder von Margarita Sadetska. Schon während der Werkstätten hat mich die Idee fasziniert, zwei Kosmen und deren Abhängigkeit voneinander in einer Art Diptychon zu präsentieren.
Die gewählten Personifikationen, ein Mann und eine Frau, und die sich asymmetrisch verschiebende Formwahl drücken aus, dass der Ozean und das Weltall nicht ohneeinander existieren können. Mir fällt ein, dass ich schon einmal gehört habe, dass das Weltall viel besser erforscht sei als die Tiefsee... Eine merkwürdige Vorstellung, aber zurück zu Rita. Sie möchte mit ihrem Werk zeigen, dass jeder Mensch ein solches Mysterium in sich trägt.
Dieser Gedanke erinnert mich stark an die Kunstrichtung des Symbolismus, in der die menschliche Seele und die Natur in ihrem Selbstwert thematisiert werden und oftmals in spiritueller Hinsicht Gegensätze dargestellt werden.
Rechts neben den Werken von Rita begegnen uns die vielen, weiß lackierten und in Reih und Glied an die Wand gepinnten Wirsingblätter von Victoria Bauer. Wir fühlen uns stark erinnert an unseren letzten Besuch der Eat Art-Abteilung im Museum Kunstpalast. Aber Victorias Wirsingblätter sind mit ihren reliefartigen, aus tausend Verzweigungen bestehenden Oberflächen, die auch an das menschliche Nervensystem erinnern, weitaus ästhetischer als die verschimmelten Käseränder eines Dieter Roth.
Wir beginnen zu mutmaßen, wie der Verwesungsprozess die Blätter bis zum Ausstellungsende verändern wird. Werden sie sich verfärben, zusammenziehen und einrollen oder behalten sie gar ihre Form? Wir müssen uns auf jeden Fall selbst überzeugen und zur Finissage am 6. März noch einmal wiederkommen.
Text: Judith Seeberg
Fotos: Merle Forchmann
Judith Seeberg studierte Kunstgeschichte und Archäologie an der Uni Köln und schreibt momentan an ihrer Masterarbeit im Studiengang Kulturpädagogik und Kulturmanagement an der Hochschule Niederrhein. Wenn sie nicht gerade ehrenamtlich für das Doku- und Redaktionsteam der Artig Zentrale tätig ist, arbeitet sie als Gamemasterin bei TeamEscape Essen.











