„Beim heutigen Konzert sind Lautstärken über 95 dBA zu erwarten. Gehörschutz könnt ihr euch an der Kasse abholen...“.
Mit dieser Warnung wurdenBesucher des Konzerts am Sonntagabend (22.03.15) beim Jetztmusik Festival 2015 bereits am Eingang der Stadtgalerie Mannheim, einer Halle mit rustikalem Industriecharme, empfangen. Damit wurde schnell deutlich: Die Künstler an diesem Abend, Torn Hawk und Clark, sind nichts für empfindliche Ohren!
Beide Künstler verwirklichen ihre ganz eigenen Musikkonzepte und sind hier in Deutschland derzeit noch ein Geheimtipp.
Der Engländer Chris Clark, welcher unter dem Künstlernamen Clark auftritt, lebt nach Aufenthalten in Bristol, Brighton und Birmingham derzeit in Berlin. Nach der Veröffentlichung seines ersten Albums „Clarence Park“ im Jahre 2001, das nach der gleichnamigen Parkanlage in seiner Heimatstadt St Albans benannt ist, lenkt Clark schon damals die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich und wird bald zum Aushängeschild des bekannten Elektronica-Labels „Warp“. Mehrere Einflüsse und Musikgenres, wie Techno, Breakbeat, Drum and Bass, Industrial, Ambient und Indietronica prägen Clarks Sound, wobei sich seine Musik in den letzten Jahren stärker cluborientiert entwickelt hat und immer mehr die breite Masse anspricht. Trotz alledem bleibt Clark seinen für ihn charakteristischen Drum- and Base-Strukturen treu und produziert so eine Musik, welche von rhythmischer und melodiöser Komplexität geprägt ist. Sein siebtes Album erschien 2014 unter dem Namen „Clark“ und am 23. März diesen Jahres veröffentlichte Clark seine brandneue EP „Flame Rave“, die sich aus einzelnen Soundmomenten von Live-Auftritten entwickelte und von Clark zusammengesetzt wurde. Clarks musikalischer Erfolg zeigt, dass er sich mit seiner explosiven und vielfältigen Musik in der Elektro-Szene etabliert hat und famose Sounds und Bühnenperformances schafft, welche begeistern.
Auch der aus den USA (Virginia) stammende Torn Hawk aka Luke Wyatt (36) vereint mehrere Einflüsse in seiner Musik. Schon früh wurde er durch seine Mutter, welche ein „Indie-Theater“ besaß, in seiner künstlerischen Leidenschaft und mit einem tiefen Respekt für Filme geprägt. Genau diese frühe Erfahrung mit künstlerisch-filmischen Elementen lässt sich auch heute noch in seinen Performances wiederfinden. Wyatt veröffentlichte schon einige Musik- und Videoproduktionen, zum einen unter seinem bürgerlichen Namen Luke Wyatt, zum anderen unter dem Projekt Torn Hawk. Als eben jener produziert er vielfältige und ausladende, häufig verzerrte VHS-Style Instrumentalmusik, welche „Sonnenlicht auf hässlich(e) [...] ausrangierte Klänge wirft und dabei eine tiefe Aufrichtigkeit behält.“ (Pitchfork). Er integriert bewusst bizarre Videocollagen, die aus Filmmaterial von Home-Movies, Achtzigerjahre-oder Erotikfilmen entstehen, und zusammengefügt wie ein Fiebertraum wirken. Diese Technik, auch als „Video-Mulching“ bezeichnet, ist ein klares Charakteristikum seiner Bühnenshow und unterstreicht seine musikalischen Gestaltungen. Luke Wyatt aka Torn Hawk schafft nicht nur einzigartige musikalische und visuelle Momente, sondern zeigt hierbei auch Verletzlichkeit und Emotionalität in seinen Klängen.
Exzessiv, durchdringend und laut – so lässt sich wohl der Sound beider Künstler am besten beschreiben.
Vor dem Konzert am Abend im Rahmen des Jetztmusik Festivals 2015 trafen wir Torn Hawk persönlich am Festivalcontainer am Paradeplatz nach seiner Ankunft in Mannheim. Hierbei verriet uns der US-Amerikaner einige Details zu seiner Bühnenshow, sprach über seine Leidenschaft für die Improvisation und seine Begeisterung für Festivals in Europa.
Du bist gerade eben in Mannheim angekommen. Was waren Deine ersten Eindrücke von der Stadt? Warst Du schon mal in Mannheim?
Ich konnte leider noch keinen so guten Eindruck von der Stadt bekommen, aber wenn ich mich jetzt so umschaue sieht es nett aus (…lässt seinen Blick über den Paradeplatz schweifen).
Bleibst Du noch länger in Mannheim?
Nein, ich denke ich werde morgen abreisen.
Nun zu Deiner Musik: Könntest Du Deine Musik in fünf Wörtern für Leute beschreiben, die sie noch nicht gehört haben?
Oh das ist schwierig… meine Mutter fragt mich immer so was…wie lang ist: „Nein ich kann das nicht”? Sind das fünf Wörter? Am besten ihr hört euch einfach meine Sachen im Internet an und schreibt mir dann, was ihr denkt, was diese fünf Wörter sind. Ich muss wirklich jemanden anstellen, um mir bei solchen Sachen zu helfen. Ich mache zwar meine Musik, aber jemand anderes muss sie beschreiben.
Was kannst Du uns über deine letzten Produktionen sagen? Was sind die Haupteinflüsse für diese Projekte?
Ich habe mein eigenes Label, auf dem ich Sachen veröffentliche, und ich habe gerade mit einem Typen aus New York im Studio zusammengearbeitet, wobei coole Sachen rausgekommen sind, mit denen ich später auch etwas rumexperimentiert habe... die Sachen sind ein bisschen emotionaler, manchmal etwas idiotische Piano Presets und Gitarren. Wir haben keine Angst, ein bisschen „poppy“ zu sein, aber das ist nur eine Sache. Meine letzte Platte “A Mexican summer: Let’s cry and do push ups at the same time”, welche dieses Jahr herauskam, besteht aus Gitarren-Parts, verschmierten elektronischen Sounds, ein bisschen wie ein zerstörtes Schlagzeug und billigen Keyboards, aber es ist wie Popmusik… Ich denke ich mag es, Popmusik zu machen, die eine feinfühlige Aufmerksamkeit der Struktur und Beschaffenheit widmet und einem nicht über den Kopf gehauen wird mit harten Sounds, also eher nachdenkliche und sorgfältige Texturen hat, ein bisschen wie ein altes Paar Jeans.
Du eröffnest heute den Abend in der Stadtgalerie. Hast Du von dem Jetztmusik Festival schon einmal gehört?
Ja ich habe schon mal davon gehört.
Wenn Du die Zeit hättest, Dir noch andere Performances anzuschauen, welche würdest Du besuchen?
Ich würde gerne Dean Blunt sehen.
Was erwartest Du von dem Abend? Kannst Du uns einen kurzen Eindruck über das geben, was heute Abend auf der Bühne passieren wird?
Da habe ich genauso wenig Ahnung wie ihr. Ich mache ein neues Setup, es ist also ein bisschen wie ein Experiment. Ich werde den Computer benutzen, um die Videos auf dem Screen hinter mir selbst ein bisschen mehr zu kontrollieren während ich Musik mache, also hoffentlich wird es nicht zu viel zu tun für mich auf der Bühne. Aber es wird ziemlich experimentell, um zu sehen was ich aus diesem neuen Setup herausholen kann. Und ich spiele auch Gitarre, was die Leute vielleicht etwas verwundern wird.
Wie Du vielleicht schon weißt ist die Idee des Jetztmusik Festivals elektronische Musik zu ungewöhnlichen Orten zu bringen, zum Beispiel wird am Donnerstag ein alter Film mithilfe von elektronischer Musik neu vertont. Kennst Du irgendein vergleichbares Festival in den USA oder Europa?
Es gibt so viele tolle Festivals in Europa. Den USA fehlt in dieser Hinsicht etwas. Ich werde demnächst auf einem Festival in einer kleineren Stadt in Belgien spielen und auch in Dänemark. Andere Plätze und von der Größe her vergleichbare Städte in der USA würden solche Festivals nicht wirklich haben. Die Leute in Europa können sich glücklich schätzen, solche Veranstaltungen um sie herum zu haben. In den USA finden solche Veranstaltungen nur in den größeren Städten wie Chicago, New York oder LA statt. In den kleinen Städten irgendwo im mittleren Westen passiert nicht wirklich viel. Ich weiß nicht, was sich sonst noch damit vergleichen lässt; ich denke einige Festivals machen so etwas in die Richtung, aber das meine ich im guten Sinne. Nur im Vergleich zu den USA, wo ich herkomme, ist es ziemlich deprimierend.
Das Festival dreht sich auch um Improvisation. Wie improvisierst Du gerne auf der Bühne und wie verhält sich das zu Deiner Musik?
Das finde ich gut, weil ich auf der Bühne viel ***** erfinde, ich weiß überhaupt nicht was ich da mache…(lacht scherzhaft). Ich mag es zu improvisieren, denn wenn du anfängst auf der Bühne live deinen Computer zu benutzen, könntest du genauso gut den gemasterten Track abspielen. Wenn du also versuchst diese Tracks nachzuahmen, was ist dann der Punkt? Wenn du versuchst mit Ableton die Tracks einfach zu cuen, dann werden sie nicht so gut klingen wie der gemasterte Track und du könntest genauso gut ein Aphex Twin-Ding abziehen und die Tracks von einer Festplatte abspielen, während du hinter einer Wand stehst. Der ganze Punkt einer Live-Performance ist das Unerwartete. Die Energie des Publikums und der Location aufzunehmen und was für Energie du als Künstler hast und damit etwas zu machen, das auf einer Studio-Aufnahme nicht möglich ist. Es ist besser - der Sound ist vielleicht nicht so gut, weil man nicht alles kontrollieren kann, was schwer ist, denn ich bin ein Perfektionist. Aber das, was man live machen kann, das, was man nicht bei einem Record machen kann, sind die Momente der Inspiration, in denen man die Energie aus dem Publikum oder dem anderen Performer, mit dem man zusammenarbeitet, nimmt und man etwas Tolles erschafft - das ist etwas, das nur im Moment passieren kann. Improvisation ist sehr hilfreich, aber es kann dich auch in Richtungen führen, in die du nicht gehen willst und einen Weg hinaus finden musst, das ist das Risiko.
Letzte Frage: Kannst Du uns was über Deine kommenden Projekte erzählen?
Ich versuche grade ein paar Records mit Zozar aufzunehmen. Wir haben ein Projekt, das sich „Body Tools“ nennt, bei dem ich Dinge sage, gesprochene Weisheiten so zu sagen ... oder auch Un-Weisheiten (lacht scherzhaft). Ich freue mich drauf. Sonst nur mehr Torn Hawk Sachen, die vielleicht nächstes Jahr rauskommen.
Man sieht also: Auch Torn Hawk ist begeistert vom Konzept des Jetztmusik Festivals und seine Musik geht weit über das rein Musikalische hinaus: Sie bewegt sich durch die gekonnte Gestaltung der Bühnenshow mithilfe von unkonventionellen Videos in breiten künstlerischen Dimension.
Beim anschließenden Besuch des Konzerts von Torn Hawk und Clark konnten wir uns schließlich selbst ein Bild von seiner Musik und Performance in der Stadtgalerie Mannheim machen.
Hier legte Torn Hawk einen eher ruhigen, aber dennoch beeindruckenden Start in den Abend hin und präsentierte sich auf der Bühne, wie schon im Interview von ihm selbst angekündigt, mit E-Gitarre. Sein Experiment, die Bühnenshow live selbst zu gestalten, machte ihm sichtlich Spaß, auch wenn sie teilweise gegen Ende von einigen technischen Schwierigkeiten gestört wurde. Trotz alldem erfüllte Torn Hawk das Konzept des Jetztmusik Festivals mit seinen unkonventionellen Videoeinspielungen und seiner teils mystisch wirkenden Performance.
Nach einer kurzen Pause, in der sich die Halle noch mit weiteren Fans füllte, kam im Anschluss an Torn Hawk schließlich Clark auf die Bühne und begeisterte die Menge mit seiner Intelligent Dance Music, eine Mischung aus Techno, Breakbeat, lautem Drum and Bass, Industrial und Indietronica, die die die lockere Stimmung des Abends zu ihrem Höhepunkt kommen ließ. Spätestens hier merkte man auch, weshalb man zu Beginn vor den Lautstärken an diesem Abend gewarnt wurde: Nicht nur die Halle, sondern auch das Publikum bebte und man hatte das Gefühl, völlig von den lauten Beats mitgenommen zu werden. Auch Clark integrierte gekonnt Videoeinspielungen mit seiner Musik und zog damit das Publikum, in welchem sich sichtbar viele Clark-Fans befanden, in seinen Bann. Die Masse ging in seiner Musik vollkommen auf, tanzte ausgelassen und feierte den Engländer. So ließ Clark die Halle bis circa 22 Uhr beben und anschließend den Abend gemeinsam mit seinen Fans ausklingen.
Beide Künstler legten eine intensive und durchdringende Performance hin und so konnte das Jetztmusik Festival auch an diesem Abend auf ein Neues sein Publikum begeistern.
Man merkt mit jedem Abend mehr, dass das Festival auf musikalische Vielseitigkeit ausgerichtet ist und es schafft mit seinen ganz unterschiedlichen Künstlern trotzdem ein künstlerisches Gesamtkonzept zu schaffen, welches sowohl ein elektro- als auch kunstbegeistertes Publikum anzieht.
Homepage Torn Hawk: http://tornhawk.com
Homepage Clark: http://throttleclark.com
Geschrieben von Svenja Klausing, Vera Glitsch und Christian Huber