Die Gelehrten des Mittelalters kannten sich in der antiken Literatur sehr gut aus; als Priester und Mönche befaßten sie sich in Bezug auf theologische oder philosophische Fragestellungen mit ihr. Dem sich parallel zum Wachstum der Stadtstaaten in Italien ausbreitende Bildungsbedürfnis bedienten [sich] eigens ausgebildete Lehrer, die Latein, Philologie, Grammatik und Rhetorik unterrichteten,[die] allerdings nicht aus religiösen Orden rekrutierten. Diese literaturkundigen Humanisten schufen das intellektuelle Klima für die zunehmende Überzeugung, dass nicht allein das schriftstellerische Werk der Antike als Vorbild für eine kulturelle Wiedergeburt oder Renaissance wertvoll sei, sondern die Zivilisation selbst, die dieses hervorgebracht hatte. Die mehr im Norden verbreitete Gotik hatte sich auch deshalb in Italien nie richtig durchsetzen können, weil es hier selbstverständlich schien, in der einheimischen antiken Baukunst, die permanente Erinnerung an die römische Welt forderte, Inspiration zu suchen. Die Gelehrten sorgten für die Verbreitung einer "humanistischen", d.h. der Würde des Menschen gemäßen, Wissenschaft. Der Humanist darf indes nicht als Feind des Christentums mißverstanden werden, denn er glaubte fest daran, daß der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen war. Der Ehrgeiz des Menschen, mittels rationaler Ordnung und Harmonie mit Gottes Werk wetteifern zu können, fand Anfang des 15. Jahrhunderts durch die Einführung der Linearperspektive in der Malerei seinen Ausdruck, die damals Brunelleschi zugeschrieben wurde. Im Zuge einer allgemeinen Aufwertung der menschlichen Fähigkeiten entstand das Menschenbild der allseits begabten Persönlichkeit, die zugleich Gelehrter, Soldat, Bankier und Poet sein konnte. Dem bedeutendsten "Universalgenie" diesen Typs, dem Architekten Alberti im 15.Jahrhundert, folgten Künstler wie Leonardo da Vinci, Raffael und vor allem Michelangelo, dessen Leistungen als Baumeister, Bildhauer, Maler und Dichter ihm schon zu Lebzeiten den Ruf als "göttlich begnadet" einbrachten.
David Watkin, Geschichte der abendländischen Architektur










