Es war ein nebliger Herbstmorgen in Konohagakure. So neblig, dass man kaum die einzelnen Häuser erkennen konnte. Man konnte schattige Umrisse erkennen, mehr nicht.
Und mittlerweile musste Nienna auch zugeben, dass es eine dämliche Idee gewesen war, bei dem Nebel Kräuter sammeln zu gehen. Sie sah nichts, außer die Sillhoutten der Bäume um sie herum. Neirin hätte sie bestimmt davon abgehalten, bei dem Nebel rauszugehen. Sie würde wahrscheinlich mehr an den Kräutern vorbeigehen, als sie zu pflücken.
Aber er war nicht hier. Er wurde vor drei Wochen auf eine Mission weit außerhalb des Dorfes geschickt. Es war eine gefährliche Mission, wo er einen Nukenin zur Strecke bringen sollte, der sein Unwesen trieb. Liebend gern hätte sie ihn begleitet - die Sorge um Neirin fraß sie mittlerweile auf -, aber es wäre zu gefährlich gewesen, einen Medizin-Ninja mitzuschicken. Es herrschte ein chronischer Mangel an Iryonin, und jeder zählte. Außerdem durften sie nicht solch gefährliche Missionen übernehmen.
Im Endeffekt musste sie ihn ziehenlassen, obgleich sie ihn viel lieber um sich herum hatte und in Sicherheit wusste. Sie hatte ihn gern, sehr sogar - wobei “gern haben” mittlerweile nicht mehr der richtige Ausdruck war. Sie hatte Neirin nicht nur gern, sie liebte ihn. Von ganzem Herzen. Etwas, was sie bislang für nicht möglich gehalten hatte. Nie hätte sie sich träumen lassen, sich in jemanden zu verlieben, vor allem nicht in jemanden wie Neirin.
Aber hier war sie nun. Allein im nebligen Wald um Konoha. Ihr Herz voller Sorge um Neirin. Ihr war bewusst, dass die theoretische Möglichkeit bestand, dass er sterben konnte oder womöglich bereits tot war, aber wollte sie unter gar keinen Umständen daran glauben. Der Gedanke daran, wie der Blitz-Ninja irgendwo im Dreck lag, der Blick seiner blauen Augen gebrochen und leer, überall Blut - sein Blut, trieb ihr die Tränen in die Augen.
Sie hatte es ihm gesagt, dass sie ihn liebte. Damals, so fand sie, sollte er mit dem Gewissen gehen, dass ihn jemand liebte und auf ihn wartete. Und das tat sie auch, warten. Jeden Tag wartete sie darauf, ihn das Dorf betreten zu sehen, doch kam jedes Mal kein Neirin.
Wütend über ihre eigenen Tränen blieb sie stehen und wischte sie fort. Sie wollte nicht weinen, keine Schwäche zeigen, nicht die Kontrolle über ihre Emotionen verlieren. Sie musste weitergehen, auch wenn ihr Herz mit jedem Schritt schwerer wurde. Sie hatte nicht einmal ein klitzekleines Lebenszeichen von ihm. Und sie vermisste ihn, ihn mit seiner dämlichen, manchmal nervigen Art, die sie aber trotzdem zum Lächeln brachte. Sie wollte nicht mehr allein Kräuter sammeln, denn sie fühlte sich einsam. Sie wollte ihn neben sich wissen, wohlbehalten in ihrer Nähe.
Sie war in Gedanken versunken und lief gegen einen Baum, prallte davon ab, taumelte zurück und war für einen kurzen Augenblick benommen. Sie rieb sich über die leicht schmerzende Stirn und wollte gerade weitergehen, als sie ein Knacken der Zweige und Schlurfen hörte. Eine Hand an den Griff ihres Schwertes legend, ging sie langsamen Schritts in die Richtung, aus der die Geräusche drangen. Langsam, aber sicher stieg ihr ein ganz leichter Geruch in die Nase. Ein leicht metallischer, süßlicher Geruch. Blut. Egal, wer oder was es ist, es ist verletzt. Ihr Herz pochte und sie nahm nun die Hand von ihrem Schwert. Sie wollte nicht gefährlich erscheinen, wenn es eine verletzte Person oder ein verletztes Tier war.
Sie blieb stehen, als sie erkannte, wie die Umrisse eines Mannes näherkamen. Sie ging ihm entgegen, Hände leicht angehoben, mit den Handflächen nach außen, um zu symbolisieren, dass sie nicht hier war, um ihn zu verletzen. Doch als sie sah, wer vor ihr stand, weiteten sich ihre Augen vor Schock und ihr Mund wurde trocken.
Er war größer als sie, trug einen schwarzen Poncho, war sehr blass und hatte blaue Augen. Sie schimmerten fiebrig und waren matt. Der Schweiß rann ihm von der Stirn, das Schwert hielt er in der linken Hand. Der rechte Arm war blutig und hing einfach nur herab.
Sie brachte kein Wort heraus, sie starrte ihn einfach nur an, als wäre er ein Geist. Doch auf einmal gaben seine Beine nach, das Schwert entglitt seiner Hand, fiel auf den Boden, während er ihr direkt in die Arme fiel. Sie reagierte instinktiv und legte die Arme um ihn, um ihn am Fallen zu hindern, damit er sich nicht weiter verletzte. Langsam ging sie in Knie und bettete ihn vorsichtig auf den Boden, den Kopf in ihrem Schoß. Sie strich ihm durch den Schopf, während ihre Augen sich wieder mit Tränen zu füllen begannen.
“Idiot… Ich habe dir doch gesagt, du sollst auf dich aufpassen… Und wenn du meine Aufmerksamkeit wolltest, hättest du doch nicht so extrem dabei sein müssen…”
Und dann sank ihr Kopf auf seine Brust und sie begann zu weinen. Haltlos, hemmungslos. Sie konnte nicht mehr. Er war wieder da, aber sie hatte ihn lebendiger zurückerwartet. Sie kam nicht einmal auf den Gedanken, sich um seine Verletzungen zu kümmern. Sie war völlig neben der Spur. “V-verdammter Vollidiot.. Was fällt dir eigentlich ein, so zurückzukehren..?”
Sie hörte nicht, wie nach einiger Zeit eine weibliche Stimme ihren Namen rufte, die Schritte dann beschleunigte und näherkam. Es war Shion, die ihre Enkelin suchen gegangen war. “Nienna, hier bist du. Was machst du denn hier? Warte, ist das Neirin? Aber… Wir müssen ihn ins Dorf bringen! Komm, steh auf. Hilf mir lieber, ihn zu tragen, anstatt da zu sitzen und nichts zu tun.”
Gemeinsam schafften sie es, den verletzten Blitz-Ninja ins Krankenhaus zu bringen, wo man seine Wunden versorgte und er sich ausruhen konnte. Obgleich er sich wohl anscheinend sehr darum bemüht hatte, die Wunden sauber zu halten, hatten sich die Wundränder nichtsdestotrotz entzündet. Man musste sie auf die herkömmliche Art behandeln, während man die gebrochenen Knochen schon gleich hatte heilen können, da sie unkompliziert waren.
Es dauerte einige Tage, bis Neirin wieder zu sich kam. Nur langsam wurde sein Verstand und Blick klarer. Er war für einen Moment vollkommen orientierungslos, nicht wissend, wo er war, wie spät es war oder wie er hierhergekommen war. Für einen Moment schloss er die Augen wieder, ehe sie wieder öffnete und nach draußen aus dem Fenster sah. Da erkannte er, dass er in Konoha war und das hier wohl das Krankenhaus war. Schwerfällig setzte er sich auf und da bemerkte er, dass sein ganzer rechter Arm einbandagiert war. Daraufhin kehrten die Erinnerungen an seine Mission zurück, wie er den Nukenin hatte töten sollen, welcher sich aber so sehr gewehrt hatte, dass er Neirins Arm gebrochen und mit seinen krallenartigen Waffen den Arm blutig gerissen hatte, und Neirin im Endeffekt den Nukenin hatte nur töten können, dass er seinen Chidori Speer anwendete, um ihn zu lähmen und zu verletzen und dann sein Schwert mit der linken Hand ergriffen und ihn getötet hatte. Was für eine Schmach, beinahe gegen den Kerl verloren zu haben, da er sehr viel schneller war und von vornherein wusste, dass Neirin ohne sein Schwert “gefahrlos” war. In einer weiteren Schrecksekunde sah er sich nach seinem Schwert um und stellte erleichtert fest, dass es neben dem Bett an der Wand gelehnt stand.
Und noch etwas fiel ihm auf. Der blaue Haarschopf einer kleinen, schlanken Frau, die halb auf seinem Bett lag und schlief; im Schlaf jedoch immer wieder hickste, als ob sie sich in den Schlaf geweint hätte. Er legte den Kopf schief, nicht verstehend, was sie hiermachte. Jedoch fand er, dass ihre Schlafposition ziemlich ungemütlich war, und er sie deswegen ein wenig unbeholfen auf das Bett zog. Nienna knurrte für einen Moment und Neirin dachte schon, sie würde aufwachen und eine ganze Reihe an Schimpftiraden auf ihn loslassen, dann war sie jedoch wieder still und schlief. Ein leises Grinsen schlich sich auf seine Lippen, als ihm eine blendende Idee kam. Er legte Nienna neben sich aufs Bett und legte seinen gesunden Arm um sie und drückte ihren Körper an sich. Er wusste, wie sehr sie es hasste, berührt zu werden, aber so wie sie einfach da lag, vollkommen hilflos und schutzlos… Da konnte er nicht anders, als den Moment schamlos auszunutzen. Zumal sie ihm doch gesagt hatte, sie würde ihn lieben und wenn er auch noch an ihr Verhalten dachte, wie sie sich vor seiner Mission in seiner Gegenwart benommen hatte… Und sie sah süß aus, so wie sie schlafend neben ihm lag. Also könne sie keinem Wässerchen trüben. Leise seufzend ließ er sich zurück ins weiche Kissen sinken - auch wenn es nichts Weicheres und Wärmeres auf der Erde gab, als auf dem Bauch seines weißen Tigers zu liegen. Immerhin hatte dieser das weicheste Fell von allen existierenden vertrauten Geistern. Und er war ein guter, angenehmer Zeitgenosse. Genau wie Nienna~, fügte sein Unterbewusstsein hinzu. Apropos Nienna… Er sah zu ihr, und musste leicht enttäuscht feststellen, dass sie noch immer schlief. Ein Seufzen entkam seinen Lippen. Zu gern würde er ihre Reaktion sehen. Er drehte sich auf die Seite, seinen verbundenen Arm auch noch um sie legend, sie nun in einem Käfig aus seinen Armen gefangen haltend. Mit dem Gedanken, dass sie so nicht so einfach wegkommen würde - was ihn übrigens beruhigte, seltsamerweise -, schlief er ein.
Einige Stunden später erwachte er von seinem Schläfchen und drehte den Kopf ein wenig und sah sogleich Niennas hochroten Kopf. Er musterte sie unschuldig und fragte sie gespielt besorgt, während er ihr über die Wange strich: “Was ist los? Deine Wangen sind so rot. Hast du Fieber?” “Was los ist? Was los ist!? DASSELBE KANN ICH JA AUCH DICH FRAGEN, DU VOLLIDIOT!” Dann wurde sie jedoch sehr viel ruhiger und Neirin war erstaunt und verwirrt zugleich, als sich Nienna an ihn kuschelte und ihr Gesicht seiner Brust verbarg.
“Was fällt dir eigentlich ein, mich so zu erschrecken..? Wenn du das nächste Mal Aufmerksamkeit willst, dann überleg dir bitte eine nicht ganz so extreme Methode… Und nicht eine, wo du vor meinen Augen dein Bewusstsein verlierst und zusammenbrichst…”, murmelte sie.
Einige Zeit war es ruhig zwischen ihnen. Neirin, weil er nicht wusste, wie er angemessen darauf reagieren sollte. Und Nienna, weil sie versuchte, ihre Gedanken und Gefühle zu ordnen. Sie musste zugeben, so unangenehm war es gar nicht, so nah bei Neirin zu sein. Er war sehr warm und sein Herzschlag beruhigend. Sie könnte sich glatt daran gewöhnen.
Nienna hob nicht einmal den Kopf, als sie ein Klopfen hörte und wie dann jemand hereinkam.
“Wie geht es ihm?”, fragte Shion, die gerade hereinkam und sich auf den Stuhl setzte, auf dem Nienna vorher gesessen hatte.
“Dem geht’s gut, dem fehlt nichts”, murmelte Nienna.
Dafür erntete sie ein leichtes schadenfrohes Grinsen von Neirin, dessen Gehirn sich bereits neuen Schabernack ausdachte.
“Aber mein Arm schmerzt so sehr…”, ächzte er und stöhnte gequält auf.
Nienna sah sofort zu ihm und strich ihm über die Wange.
“Shh, ganz ruhig, beweg deinen Arm nicht so viel, Nei-chan. Ist es sehr schlimm?” Sie musterte ihn besorgt. “Hat man dir Schmerzmittel gegeben? Ansonsten kann ich dir auch eben eines holen. Oder ich mache dir selber eines… Oder…”
Doch er stupste nur ihre Nase an und grinste spitzbübisch.
“Angeschmiert, mein Arm tut gar nicht weh. Aber es ist schön zu sehen, wie sehr du dich um mich sorgst, Hase.”
Niennas Wangen wurden dunkelrot vor Scham.
“SIEHST DU GROSSMUTTER? IHM GEHT’S GUT, IHM FEHLT REIN GAR NICHTS!”
Shion jedoch zwinkerte nur Neirin zu und lachte, ehe sie sanft lächelte. Die beiden waren so süß zusammen. Und so wie Nienna aussah, schien sie sich wohlzufühlen in Neirins Armen.