Du willst alles von vorne erleben, du möchtest noch eine Chance, du möchtest alles zurückspulen wie eine Videokassette.
Fatma Aydemir: “Dschinns”, S.360
seen from Argentina
seen from Germany

seen from Argentina

seen from Malaysia
seen from Australia
seen from United States
seen from India

seen from Germany
seen from China

seen from Brazil
seen from Kenya
seen from Sierra Leone

seen from Malaysia

seen from Kazakhstan
seen from Yemen

seen from Malaysia

seen from United States
seen from Yemen

seen from T1
seen from United States
Du willst alles von vorne erleben, du möchtest noch eine Chance, du möchtest alles zurückspulen wie eine Videokassette.
Fatma Aydemir: “Dschinns”, S.360
VHS Dreams.
Februar 2020 (und 1998)
Ein Lernzirkel zwischen Papier und Onlinekurs
Der Ausgangspunkt: Ich habe im Abiturkurs noch zwei Doppelstunden Deutsch vor den Faschingsferien; zum vorangegangenen Termin wurde die mit dem Thema gründlich abschließende Klausur geschrieben: Was als Nächstes, am folgenden Tag, tun? Nachkriegszeit steht im Lehrplan, keine Epoche, auf die ich einen Schwerpunkt legen will. Da erinnere ich mich an einen Lernzirkel zu diesem Thema, den ich 2004 bereits einmal durchgeführt habe und den ich damit noch gespeichert und auf meinem Stick dabei habe. Ich beschließe spontan, den Lernzirkel auszuprobieren – nach der Klausur und vor den Ferien ist das vielleicht auch eine Abwechslung für die Schülerinnen und Schüler.
So ein Lernzirkel erfordert meist einige Vorbereitung, zu der ich keine Zeit habe, aber ich weiß, dass mir der Kurs kleinere Schwächen nachsehen wird. Ein Lernzirkel ist eine Unterrichtsmethode, die dem Zirkeltraining im Sport nachempfunden ist: Es gibt eine Reihe von Stationen zu einem Thema, die – alle oder teilweise, eventuell mit Pflicht- und Wahlmodulen – in mehr oder weniger beliebiger Reihenfolge einzeln bearbeitet werden.
Dieser Lernzirkel entstand “im Januar 1998 im Lehrgang ‘Neue Verfahren im Deutschunterricht am Gymnasium’” an der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung in Dillingen. Er ist Teil eines dort erschienenen Bandes, dessen beiliegende CD das darin abgedruckte Material enthält. Es besteht aus Bilddateien im Format .tif und Textdateien in Formaten, das durch die Endungen .doc beziehungsweise .rtf kenntlich wird. Im Jahr 2020 wären .jpg und zumindest auch .pdf üblicher. Bevor ich das Material verwenden und ausdrucken kann, muss ich es erst einmal aktualisieren.
Zuerst aktualisiere ich die Rechtschreibung auf die wichtigsten amtlichen Änderungen ab 1996 (weiter reformiert 2004, 2006 und 2011), insbesondere etwa “daß” zu “dass”, zumindest außerhalb von Zitaten.
Das Original-Dateiformat ist Word 97, die Bilder darin zeigt mir mein Textverarbeitung mit falscher Formatierung an, ein anderes – der Nachfolger des damals verwendeten Standardprodukts – zeigt sie überhaupt nur in manchen Fällen, da sie als externe Dateien referenziert sind: “So bleiben die Textdateien klein und übersichtlich, die Bilder können leichter nachbearbeitet werden.” Ich finde die Namen der Bilddateien heraus und platziere sie manuell an der vorgegebenen Stelle. Außerdem passe ich den Seitenumbruch an, der nicht mehr immer an der vorgesehenen Stelle geschieht, ändere dabei auch Schriftart und Dateiformat.
Ich ergänze Zeilennummern bei den längeren Texten.
Bei einer Station soll ein Lexikon zur Verfügung gestellt werden; ich habe stattdessen den Schülern und Schülerinnen am Vortag per Onlinekurs mitgeteilt, dass sie ihr Handy mitnehmen sollen, damit sie im Web recherchieren können. Es gibt noch kein schulweites WLAN, also stecke ich einen kleinen WLAN-Router in die vorhandene Netzwerkverbindung und schreibe das Passwort an die Tafel.
Bei einer Station soll ein Walkman mit Kopfhörern und einer Kassette mit einem Lied zur Verfügung gestellt werden; ich lade stattdessen das Lied als mp3-Datei in den Onlinekurs der Klasse hoch und verlinke dort zusätzlich ein Youtube-Video mit der Lied-Version.
Bei einer Station sollen die Schüler und Schülerinnen einen Filmausschnitt ansehen. Ich verlinke den Film bei Youtube und gebe den Zeitpunkt in Minuten an, den sie sich anschauen sollen. Im Original ist von einer Videokassette die Rede, die man kaufen kann; die Anweisung: “Spulen Sie anschließend das Videoband zurück!” lasse ich aus sentimentalen Gründen auf den Angaben stehen.
Eine Station verlangt einen “Audio-Cassettenrecorder mit Aufnahmemöglichkeit und eine Leercassette”; auch das wird durch das Handy ersetzt.
Eine Station verlangt eine “CD-ROM mit Nachschlagewerk”, zu Film beziehungsweise Kunst; auch das wird durch das Handy ersetzt.
Keinen Ersatz finde ich für einen Ausstellungskatalog, ich könnte ihn gebraucht für wenig Geld bestellen, aber das dauert zu lange. Auch in digitaler Form gibt es den Katalog nicht.
Dann kopiere ich die Angaben und verteile sie auf Stationen. Der nächste Schritt wäre, ganz auf das Ausdrucken das Material für die Stationen zu verzichten und alles nur noch als Datei zur Verfügung zu stellen. Dann wäre das sozusagen ein nichtinteraktives digitales Schulbuch zum weitgehenden Selbststudium.
(Thomas Rau)
28. Februar 2020
Die Digitalisierung ist noch nicht in der Gegenwart angekommen
Ich bin in einem kleinen Filmstudio, wo Aufnahmen für die Serie “Berlin – Schicksalsjahre einer Stadt” gemacht werden. Dort habe ich Fragen zum Jahr 2007 beantwortet: Wie war das denn damals mit dieser “digitalen Bohème”? Und wie konnte es die überhaupt schon geben, wo es doch noch gar nichts gab, also zum Beispiel keine Smartphones?
Nach dem Ende der Aufnahmen gehen wir in einen Büroraum, wo ich Fotos aus dem Jahr 2007 von meiner Laptopfestplatte auf eine externe Festplatte des Redakteurs schiebe. (Die Fotos hat Jan Bölsche gemacht und damals bei Flickr veröffentlicht, wo sie zum Glück immer noch liegen. Am Vortag habe ich sie dort zusammengesucht und lokal gespeichert.)
In diesem Büro stehen mehrere Geräte, die für mich nach analoger Arbeit mit Videokassetten aussehen. Ich frage aber nicht nach, denn ich verstehe nichts von professioneller Fernsehtechnik. Vielleicht ist hier alles schon seit 30 Jahren ganz und gar digital, und dann würde ich mit meiner Frage als ahnungslose alte Person auffallen, die ein superteures digitales Magnetbandspezialverfahren nur wegen der äußerlichen Ähnlichkeit für billige Videotechnik hält.
Aber dann sagt der Redakteur selbst zu seinem Mitarbeiter: “Ich frage mich, warum es diesmal so viele Bänder gibt. Das ist absurd, oder? Je weiter wir uns an die Gegenwart ranarbeiten, desto mehr Bänder liegen hier rum.”
“Das liegt daran”, sagt der Mitarbeiter, “dass die chronologisch vorgehen beim Digitalisieren. Und je mehr man in die Gegenwart kommt, desto mehr ist nicht digitalisiert, weil die da noch gar nicht sind.”
“Wo sind die jetzt beim Digitalisieren angekommen?”, frage ich, ohne zu wissen, wer die sind.
“Ich weiß nicht genau, wo die jetzt angekommen sind, das ist unterschiedlich. Es gibt auch Sachen aus dem Jahr 2009, die digital vorliegen.”
“Wir haben hier die einzelnen Jahre. Und wie man sieht, 2002 ist offenbar nicht viel gemacht, das sind praktisch nur Bänder. Schlecht für denjenigen, der’s machen muss. Das ist unendlich kompliziert mit den Bändern. Das muss ja alles physisch abgerollt werden! Das ist so, als würde man mit einem C64 und so einem Kassettenlaufwerk arbeiten. Ich bin heilfroh, wenn wir in einem Zeitalter ankommen, in dem alles filebasiert ist.”
(Kathrin Passig)
Irgendwann 2000
Eine importierte VHS rettet vielleicht meine Beziehung
Ich bin noch nicht so lange mit meinem Freund zusammen, als ich aus Versehen die Videokassette mit einem seiner Lieblingsfilme überspiele. Es handelt sich um eine Aufnahme von “Der Koch, der Dieb, seine Frau und sein Liebhaber” von Peter Greenaway, das schlechte Gewissen plagt mich fürchterlich.
Ich gehe also in die örtliche Buchhandlung mit gutem Medienangebot (Bouvier in Bonn für alle Nostalgiker), wo man den Film tatsächlich bestellen könnte, allerdings als UK-Import im Original. Das kostet mich als Studentin noch viel Geld, aber immerhin kann ich den angerichteten Schaden so retten und eine Originalversion ist dann immerhin noch ein bisschen cooler als die synchronisierte Fassung.
Tatsächlich werden wir später auch die DVD besitzen und immer, wenn ein Bekannter zugibt, diesen Film nicht gesehen zu haben, plant mein Mann nervös einen Filmabend, um diese cineastische Wissenslücke zu füllen.
Ich bestelle also und kann meinem Freund das Geständnis samt Entschädigungsvideokassette überreichen, bevor er überhaupt gemerkt hat, dass etwas passiert ist. Eventuell habe ich so unsere Beziehung gerettet, nach fast zwanzig Jahren vermute ich aber, wir hätten es auch ohne Import-VHS überstanden.
(Anne Schüßler)
15. Dezember 2016
Der Tag, an dem wir die Zeitkapsel öffneten
In einem der Räume in unserem Institut befindet sich ein kleiner Büroschrank, der schon seit Jahren abgeschlossen ist. Niemand hat eine Idee, wo der Schlüssel dafür sein könnte. Wir haben schon alles gründlich durchsucht, aber ein passender Schlüssel wurde nie gefunden.
Heute muss der Raum wegen Renovierungsarbeiten leergeräumt werden, und wir treffen daher die Entscheidung, den Schrank nun nach all den Jahren aufzubrechen.
Die Spannung ist groß. Immerhin haben wir die Räume ca. 1993 bezogen, und dementsprechend ähnelt der Schrank einer Art Zeitkapsel, die uns mit etwas Glück Einblick in eine lange vergangene Zeit ermöglichen wird. Alle werden zusammengerufen, und jemand holt einen großen Schraubenzieher. In wenigen Sekunden ist die Tür aufgehebelt. Wir werden nicht enttäuscht.
Der Inhalt unserer Zeitkapsel besteht aus einer leeren Fasche Haake Beck Pils, einer Ausgabe eines schon lange eingestellten Hochschulmagazins vom August 1997 (was uns eine präzise Datierung erlaubt), einigen Deutsche-Mark-Münzen, die wir den staunenden Studierenden zeigen, einer VHS-Kassette und einem Hewlett Packard HP-45 inklusive Netzteil.
Den Taschenrechner nehme ich sofort in meine Obhut. Vorsichtig versuche ich, ihn mit meiner „iKlear Reinigungsflüssigkeit für Apple-Geräte“ zu reinigen, aber der Grauschleier lässt sich nicht richtig entfernen. Wer wohl vor zwanzig oder dreißig Jahren damit gearbeitet hat? Immerhin durfte man ja früher in den Büros noch rauchen; das könnte die etwas vergilbten Tasten erklären.
Der HP-45 erschien 1973 und ist der Nachfolger des berühmten HP-35, des ersten technisch-wissenschaftlichen Taschenrechners. Beide waren in den 1970er Jahren weit verbreitet und wurden auch an meiner Schule genutzt.
Die wiederaufladbare Batterie in unserem Fundstück ist natürlich schon lange tot. Aber ich habe ja ein Netzteil. Ich schließe es an, schalte den Rechner ein, und alles funktioniert absolut perfekt!
Der Anblick der leuchtenden roten LED-Anzeige versetzt mich augenblicklich in die 1970er Jahre, als wir oft mit HP-Taschenrechnern gearbeitet haben. Mir fällt wieder ein, dass ich als Schüler sogar für kurze Zeit eine Armbanduhr mit den gleichen roten LED-Leuchtziffern hatte.
Ich überlege kurz, ein ausrangiertes Smartphone, einen USB-Stick und eine leere Flasche Club-Mate in einen anderen Schrank zu legen und den Schlüssel wegzuwerfen, damit im Jahr 2039 jemand anders so viel Freude hat wie wir heute.
(Oliver Laumann)
Februar 2017
Müll, Lumpen, Teppiche und Videokassetten
Von der British Heart Foundation war hier bereits die Rede: Patrick Präg hat 2015 von ihren Sachspendewünschen berichtet. “Good quality books, CDs and DVDs” wurden damals gesucht, jedoch keine “Home recordings, newspapers, catalogues, telephone directories”, kein Müll und ganz allgemein kein Papier. Außer eben in Buchform.
Hier bittet dieselbe Organisation jetzt um “Clothes, books and things”, außerdem “Shoes, handbags, CDs, DVDs, games, toys, homeware”. Von der Sammlung ausgeschlossen: Videos.
Die Abbildung direkt unter der Liste der unerwünschten Spenden scheint mir allerdings eine Videohülle zu zeigen. Es könnte auch ein erwünschtes Buch sein, Videohüllen waren ja immer mehr oder weniger buchartig geformt, aber dagegen spricht die einzelne Linie in der Mitte. Für die Post-VHS-Generation: Entlang dieser Linie öffnete man die Videohülle. Für die Post-Buch-Generation: Ein Buch hätte an dieser Stelle entweder überhaupt keine Striche oder mehr als einen.
(Kathrin Passig)
Ende 1993
MTV im Carepaket
Ich schreibe aus England an einen Freund:
“Hast Du eigentlich Fax bei Deinem Hauswirt Lenz? Manchmal ist das Faxen billiger als der Brief, und geht vor allem viel schneller von hier aus. Axel hat mir jetzt ein Carepaket geschickt, mit vielen MTV-Videokassetten und anderen Sachen. Ist das nicht blöd? Da machen sie MTV hundert Kilometer von hier, aber man muß es sich in München aufnehmen und schicken lassen.”
(Wiedergefunden 2017 als Word-Datei auf dem aktuellen Laptop, in einem Ordner namens “Altertum”. Warum es in England kein MTV zu sehen gab, weiß ich nicht mehr.)
(Kathrin Passig)