Zwar haben die eigentlichen Romantiker die heute vollentfaltete Situation in der bürgerlichen Welt gedanklich wie künstlerisch vielfach vorbereitet, zwar hat die klassische Philosophie Versuche unternommen, durch spekulatives Abstrahieren, Verdünnen und Entpersönlichen des religiösen Gehalts dem religiösen Bewusstsein wieder eine objektive Allgemeingeltung zurückzugewinnen, Goethe selbst aber war immer bemüht, jede transzendente Orientiertheit aus Denken, Dichten und Handeln auszumerzen, aus ihnen wirksame Organe einer folgerichtigen und alles umfassenden menschlichen Diesseitigkeit zu formen. Er wußte, daß das religiöse Bedürfnis nur dann absterben kann, wenn es dem Menschen gelingt, alle geistigen und seelischen Energien, die sich bis dahin nur in religiösen Formen ausleben konnten, zu sinnvollen Bestandteilen eines sinnvoll geführten diesseitigen Lebens zu machen. So meint er das religiöse Bedürfnis, wenn er von Religion spricht, und so müssen auch die Zeilen, mit denen wir unsere Betrachtungen in würdigster Weise abschließen zu können meinen, verstanden werden: / Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, / Hat auch Religion ; / Wer jene beide nicht besitzt, / Der habe Religion. /
Georg Lukács: Die Eigenart des Ästhetischen, Band II, Berlin und Weimar 1981, S. 835.











