Der gefährliche Traum vom Monopol - Diskussion mit Hans-Jürgen Kratz, Geschäftsführer von Antenne Thüringen und Vorstandsmitglied des VPRT-Fachbereichs Radio
Den nachstehenden Meinungsaustausch zu meinem Eintrag "Der gefährliche Traum vom Monopol" (Post vom 16.7.2012) habe ich in der letztenn Woche mit Hans-Jürgen Kratz, dem Geschäftsführer von Antenne Thüringen und Vorstandsmitglied des VPRT-Fachbereichs Hörfunk, auf Facebook geführt.
Klug formuliert, aber leider falsch: Die Privaten bzw. der VPRT fordern kein generelles Werbeverbot für die ö/r Hörfunkprogramme, sondern eine Vereinheitlichung auf maximal 60 Minuten Werbung pro Tag in nur einem ihrer vielen Programme (pro Anstalt), sprich das NDR-Modell. Würde dieses kommen, verliert Radio mitnichten seinen Status als Werbeträger, da die durchschnittliche Werbeträgerreichweite dann nur marginal von 85,5 % auf 83,1 % sinken würde (MA 2012/I, ZG 14-49 Jahre), lediglich in Hamburg, Bremen und Berlin würde die Reichweite unter 80 % sinken. Und dass die Werbeeinnahmen unveändert von den ö/r zu den privaten Sendern wandern würden, ist ein Irrglaube, dem niemand ernsthaft nachhängt. Dienstag, 17. Juli 2012 um 15:07
Lieber Herr Kratz, mir ist durchaus bewusst, dass der VPRT nach einigem Zögern aus taktischen Gründen von der Forderung nach einem generellen Werbeverbot im ö/r Hörfunk vorläufig wieder abgerückt ist. Ich formuliere sehr bewusst v o r lä u f i g, weil es sich hier eben nicht um eine grundlegende Sichtweise, sondern um eine Zwischenposition handelt. Vielleicht könnte der VPRT ja stattdessen meinen Vorschlag einer umfassenden Verständigung von ö/r und privatem Hörfunk über eine Garantie der ö/r Hörfunk-Werbung gegen einen Abbau der Frequenz-Doppel- und Mehrfachversorgung der ö/r Radios aufnehmen - ich finde, es wäre einen Versuch wert. Dienstag, 17. Juli 2012 um 22:45
Lieber Herr Bunsmann, Ihre Idee, eine Hörfunkwerbung-Garantie (in vernünftigem Umfang, z. B. nach dem NDR-Modell) für den ö/r Hörfunk abzugeben und gleichzeitig die terrestrische Doppel- und Mehrfachversorgung der ö/r Hörfunkprogramme abzubauen, hat meines Erachtens Charme und ich persönlich könnte mir dies auch vorstellen. Das Problem ist, dass das Thema Doppel- und Mehrfachversorgung schon x-mal thematisiert wurde und der Zug, dieses zu ändern, aufgrund der beharrlichen Weigerung des ö/r Hörfunkes, Frequenzen zu räumen, spätestens zu dem Zeitpunkt abgefahren ist, als die Grundidee der "Verspartung" bei der ARD geboren wurde (übrigens nicht nur im Hörfunk, sondern ja auch im Fernsehen). In meinen vielen Jahren des Engagementes innerhalb des VPRT haben wir das Thema `Abbau der Mehrfach- und Doppelversorgung´ x-mal und auf unterschiedlichen Gesprächsebenen versucht zu lösen (es gibt diesbezüglich ja auch umfassende technische Untersuchungen), sind aber immer auf Granit gestoßen und ich sehe leider nicht die geringste Chance auf Erfolg, dieses Thema noch einmal anzusprechen. Stellen Sie sich vor, die (regionalen) ARD-Wellen würden UKW-Frequenzen freigeben - regionale Ausschreibungen für Private würden m. E. keinen Sinn machen, den ein mehr an Bisherigem (Mainstream), die an Private (auch neue Player) gehen würden , ist wirtschaftlich unsinnig; insofern müsste man diese regionalen Frequenzen koordinieren und nationale Private zulassen, die dann auch (aufgrund der Größe des Verbreitungsgebietes) dann auch echte Alternativprogramme auflegen könnten - Stichwort: Programmvielfalt! Würde es so kommen, wäre ein tragendes Argument der Befürworter von DAB+ hinfällig - und das wiederum werden diese nicht zulassen. Mittwoch, 18. Juli 2012 um 11:46
Lieber Herr Kratz, da ich die Haltung vieler Ihrer und meiner Kollegen zu den Themen "Werbeverbot" und "Ö/R-Mehrfachversorgung" in vielen Jahren ganz gut kennengelernt habe, kann ich mir nicht wirklich vorstellen, dass der VPRT oder die APR mit dem Angebot eines wie auch immer genau zu ausformulierten "historischen Kompromisses" der beiden Säulen des dualen Radio-Systems in Gespräche über eine Frequenz-Neuordnung gegangen sind. So, wie es ganz sicher auch kein Abrücken von der Blockadehaltung bei den Ö/R's gegeben hat. Aber - allen Erfolgs-Fanfaren der Radiozentrale zum Trotz - glaube ich, dass das Medium Radio privat wie ö/r viel zu beharrend und konservativ fürdie grossen Herausforderungen des Wandels ist, denen man nicht mit dem Denken "Status Quo sichern" beikommen wird. Wenn das Radio-System in Deutschland sich nicht nachhaltig neu erfindet, werden die RSH's, FFN's, Antenne Bayern's oder Thüringen's dieses Landes - auch wenn man sich das heute kaum vorstellen kann - schon bald in Abwandlung des alten Spruchs "Besuchen Sie Europa, solange es es noch gibt" nur noch als museale Veranstaltung existieren: "Hören Sie Ihr Radio. solange es noch sendet". Viel Stoff für weitere Artikel und Diskussionen auch mit Ihnen. Ich würde mich jedenfalls darüber freuen. Freitag, 20. Juli 2012 um 01:40