Samuel Hofmann: Bildnis des Johann Rudolf Wettstein, 1639 (Kunstmuseum Basel)
Sonntag 9. August 2015
Stadtvater, Diplomat und Hanfbauer
Johann Rudolf Wettstein (1594–1666), der legendäre Bürgermeister von Basel, baute in Riehen Cannabis an. Der Anbau und Verbrauch von Hanf waren in dieser Zeit auch in Basel gang und gäbe.
Für vieles bekannt – jedoch nicht für seine Hanfplantage: Johann Rudolf Wettstein.
Mischa Hauswirth
Über den Mann und seine Leistungen wurden Bücher geschrieben und Politiker werden nicht müde, auf seine Verdienste für Basel und die Eidgenossenschaft hinzuweisen: grösster Diplomat, den die Schweiz je hatte. Schweizerkönig. Retter der Schweizer Unabhängigkeit und Neutralität. Berühmtester Basler und Bürgermeister aller Zeiten. Gründer einer einheitlichen Landesverteidigung. Doch es muss Johann Rudolf Wettstein (1594– 1666) noch ein weiterer Titel verliehen werden: Hanfbauer.
Das Riehener Jahrbuch 1962 berichtet davon, wie Wettstein in Riehen nicht nur Rebbau und Fischzucht betrieben hat, sondern auch eine Jucharte Hanfbündte unterhielt. Das entspricht einem Hanffeld von rund 3340 Quadratmetern, das ist etwas weniger als die Hälfte eines heutigen Fussballfelds.
Auch wenn der Vergleich nicht ohne Vorbehalte zu ziehen ist: Nach heutiger Gesetzgebung wäre der grosse Basler Bürgermeister Wettstein ein Grossdealer, den die Staatsanwaltschaft verhaften und vors Gericht stellen würde.
Bekannte Wirkung
So viel vorweg: Gewiss hatten die Bauern und Gutsbesitzer die damaligen Hanfpflanzen vor allem wegen den Fasern sowie den Samen zur Ölgewinnung angebaut; aber auch die Verwendung als Heilmittel war bekannt und ebenso die berauschende Wirkung. Das belegt eine Aussage von Johann Ulrich Megerle (1644 –1709), dem bedeutendsten deutschen katholischen Prediger und Poeten in jener Zeit. Er ärgerte sich in einem Schreiben fürchterlich darüber, dass die «Bauren sich mit Hamf vollstopfen wie der Türck mit Opium».
Das kann nur bedeuten, dass der Hanf von damals mehr als das heute im Betäubungsmittelgesetz erlaubte ein Prozent aufgewiesen haben muss, was sich mit der Einschätzung von Hanfbauern und Botanikern deckt, die davon ausgehen, dass alte Hanfsorten natürlicherweise zwischen ein und drei Prozent des Wirkstoffes Tetrahydrocannabinol (THC) aufwiesen.
Hanfmühle in Riehen
Wettstein war mit Sicherheit nicht der Einzige, der damals Cannabis anpflanzte. In der Landgemeinde Riehen, die im 17. Jahrhundert als Weinbauernland galt, weil sich vom Maienbühl bis zum Hörnli ein Gürtel mit Reben erstreckte, spross der Hanf an mehreren Orten. Davon berichten zwei alte Pergament-Urkunden, die im Staatsarchiv von Basel lagern. Eine ist auf den 5. Oktober 1614 datiert und ein richterliches Dokument. Es bezeugt, wie Ludwig Schlup, Meier im Hofgut in Riehen, dem Basler Bürger Aurelius Frobenius «Matten und Hanfbündten im Riehemer Bann um 450 Pfund Basler Münz» verkauft hat. Das Dokument trägt das Siegel des Obervogts Beat Hagenbach.
Und als Bürgermeister Daniel Mitz-Merian 1789 starb, erbte seine Gemahlin Anna Catharina Merian das Landgut in Riehen, «bestehend in einer Behausung und Hoffstatt mit 2 Lauffenden Brunnen mit gutem Wasser sambt Baumgarten, Scheüren, der Schäfferey, Schaaffen, Fischwayd, Matten, HanffBündten, Reeben, Aecker und Waldung».
Zudem wurde im 16. Jahrhundert zum ersten Mal eine «pluwi» oder «Rybi» erwähnt, die in Riehen im Garten neben der Mühle gestanden haben muss. Hanf und Leinsamen wurden dort gemahlen und «lieferten ein sehr geschätztes Öl für Lampen und andere industrielle Zwecke», wie im «Riehener Jahrbuch» von 1987 zu den «Historischen Gärten in Riehen» steht. Die mit Wasser betriebene Hanfmühle wurde erst 1820 aufgegeben, da sie durch die Industrialisierung unrentabel geworden war.
Hanffeld vor dem Spalentor
Hans Esslinger war ein Basler Bäcker, und ihn plagten im Frühjahr 1539 solche Geldsorgen, dass er keine andere Möglichkeit als den Verkauf sah, um seine Zinsschulden zu begleichen. Zusammen mit seiner Ehefrau Eufrosina Bumhartin gab er deshalb sein «Hanfgeländ vor dem Herthor zwischen dem kleinen und dem grossen Birsig» her.
Ebenfalls im März, jedoch sechzig Jahre später, 1599, gerieten die «Lehenleute des Teichs vor Sankt Alban Thor» mit Hieronymus Niclas, Besitzer von Gütern auf dem Gebhard vor Sankt Alban, in einen Rechtsstreit. Es ging um Land, Nutzungsrechte und «Hanfbünten», welche die Lehensleute besassen. Sogar der Bürgermeister von Basel und der Grosse Rat befanden über die Sache und gaben ihr Urteil ab.
Auch bei den heutigen Wahrzeichen von Basel befanden sich Hanffelder. Im Jahr 1625 musste der Basler Bürger Hanns Jacob Battier einem anderen Burger anderthalb Jucharten Reben, Matten und Hanfbündte samt Gartenhäuschen abtreten, weil er seine Zinsen nicht bezahlt hatte. Das Hanffeld lag «im Banne daselbst vor Spalentor» und wurde für 600 Gulden überlassen. Und auch Verpfändungen von Hanfbündten aus dem Jahr 1642 und 1680 beim St.-Johanns-Tor und beim St.-Alban-Tor sind aufgeschrieben und dokumentiert worden und lagern heute im Staatsarchiv Basel.
(Basler Zeitung)









