Ayn Rand und was sie bei mir ausgelöst hat
Ich lese selten Bücher, die über 400 Seiten hinausgehen. Ayn Rand hat es geschafft, dass ich mir ihr 1.000 Seiten langes, extrem redundantes Werk „Atlas shrugged“ (Deutscher Titel: „Der Streik“) als Hörbuch von Anfang bis Ende zu Gemüte geführt habe und mit ihrem thematisch sehr ähnlichen Roman „Fountainhead“ (Deutscher Titel der Verfilmung mit Gary Cooper: „Ein Mann wie Dyamit“) zu beginnen. Auf das Werk der Autorin aus wohlhabender Familie, die vor den Schrecken der Kommunisten in der Sowjetunion floh bin ich durch ein Videospiel gestoßen. In „Bioshock“ geht es um eine künstlich angelegte utopische Welt unter Wasser namens Rapture, in der jeder so leben kann wie er es für richtig hält. Völlig frei entfesselter Kapitalismus. Das Spiel entpuppt sich sofort als Dystopie, in der ganz schnell Mord und Totschlag herrschten. Ein sehr stimmungsvolles, fesselndes Computerspiel, das sehr gut zeigt, dass diese Art von Spielen eine Kunstform auf Augenhöhe zu Literatur und anderen Gattungen sind und das dies die jüngste aller Künste ist und somit noch gar nicht ihr volles Potenzial ausgeschöpft hat.
„Atlas shrugged“ ist ein quälend langatmiges Buch. Es geht um eine intelligente Frau, die das Familienunternehmen leiten will. Ihr Bruder möchte diese Position ebenfalls innehaben und so kommt es zu Konflikten, wer denn nun die Eisenbahngesellschaft in die Zukunft führen soll. Im Kern geht es darum, dass es zwei Arten von Menschen gibt: die genialen, schöpferischen Unternehmer und die Plünderer, kommunistische Parasiten, die selbst nichts zustande bringen, aber andere bevormunden wollen und umverteilen wollen, indem sie die Leistungsträger bestrafen und die Faulenzer belohnen. Als Gegenmaßnahme treten nun all die genialen Erfinder, Künstler, Unternehmer – all die Schöpfer in den Streik. In Folge dessen bricht das System zusammen. Der Text macht durchaus Mut für wenig begabte und unerfahrene Autoren, den er ist wirklich nicht besonders gut geschrieben. Sehr platt, oft unfreiwillig komisch, wenig überzeugend. Die Titelheldin ist immer akkurat gekleidet, unterwirft sich gerne dem starken Mann (und wirkt immer etwas so wie ein naives BDM-Mädel, das in den Führer verliebt ist, wobei Ayn Rand eben keine Faschistin ist und ganz sicher auch keine Männer wie Donald Trump meint, wenn sie ihre Genies beschreibt). Rand gibt sich keinerlei Mühe wirklich zu schildern, was diese Schöpfer ausmacht, da bietet Thomas Mann in „Buddenbrooks“ deutlich mehr fundierte Einblicke in das Leben guter, ehrbarer Kaufleute. Bei der russischen Hollywoodautorin bleibt es platt, oberflächlich und fade. Allerdings gibt es dann eben doch einige treffende Beobachtungen, gute Gedanken und Ideen und wenn man erklären will, warum Rands Bücher bis heute Bestseller sind, dann wohl deshalb, weil sie dazu ermutigen, wie es Udo Lindenberg formulierte: „Mach Dein Ding! Ganz egal, was die anderen sagen.“. Das ist durchaus erfrischend, befreiend und erfreulich eigenständig. Eine Art Friedrich Nietzsche auf sprachlich und intellektuell ganz leicht konsumierbarem Niveau.
Bin ich nun ein Anhänger der US-Republikaner, ein Egoist, ein Rechter, ein Fürsprecher und Fan-Boy von Elon Musk, Jeff Bezos und Steve Jobs? Eher nicht. Aber ich finde es grundsätzlich gut sich mit anderen Ideen zu beschäftigen als mit denen, die man eh schon kennt. Ayn Rand hat Bücher geschrieben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie selbst als Unternehmerin, Erfinderin oder Naturwissenschaftlerin erfolgreich gewesen wäre, dafür braucht es dann doch deutlich mehr Substanz, Fachwissen und Umsetzungskraft. Aber es ist doch bemerkenswert, was diese Frau erreicht hat.
Was also hat Ayn Rands Werk, zumindest der Teil davon, den ich bisher kenne, bei mir ausgelöst? Die Ermutigung selbst politische und wirtschaftliche Themen als Geschichten zu erzählen bzw. darin einzubringen. Den Beweis dafür, dass ein Buch mit 1000 Seiten, dem es so völlig an Humor, Selbstkritik, Selbstironie und Spannung fehlt und das im Grunde ohne Probleme auf 200 Seiten gekürzt werden kann, doch bis zum Ende gelesen bzw. gehört werden kann. Wobei ich viele Stunden davon klar als vergeudete Zeit empfinde.
Was für eine Welt finde ich ideal? Es ist doch spannend mal nicht, wie aus der Pistole geschossen zu sagen, „Star Trek: The Next Generation“. Soziale Marktwirtschaft – ist das denn wirklich unser System in Deutschland? Reden wir uns da nicht eigentlich eine im Grunde freie Marktwirtschaft schön? Was ist bitte sozial daran in Zeitarbeit beschäftigt zu sein, krank vor Sorge zu werden, weil es von einem befristeten zum nächsten befristeten Job geht. Es ist wunderbar leicht andere aufzufordern, gefälligst als Handwerker, Erzieher und Krankenpfleger zu arbeiten, wenn man für sich und seine Kinder bereits geklärt hat mit Wirtschafts-, Jura- oder anderem Studiengang niemals in die Lage zu kommen in Hartz-4 zu fallen, selbst Jahre auf dem Schlachthof oder als Klempner mit Fäkalien arbeiten zu müssen.
Vor der Lektüre von Ayn Rand fand ich den Altruismus als überragendes Ziel der Menschheit, quasi als den lebenswichtigen Kompromiss, auf den wir uns einigen müssen, wenn wir als Spezies überleben wollen, glasklar. Aber nun habe ich auch nicht den Schrecken von Diktatoren wie Stalin, Hitler, Mao oder der DDR miterlebt. Kommunismus waren für mich John Lennon und Star Trek, also durchaus sympathisch und einleuchtend. Nun werden solchen Utopien gerne von wohlhabenden, privilegierten Menschen erfunden und propagiert, Engels Papa war Fabrikbesitzer, Gene Roddenberry war ganz sicher nicht per Mindestlohn als Lagerarbeiter oder Paketbote beschäftigt und John Lennon war Multimillionär mit allen Freiheiten und Luxus.
Ich hätte jetzt Lust meine eigene, extrem viel kürzere Version von „Atlas Shrugged“ zu schreiben. Eine Ayn Rand-Story mit Herz und Hirn. Eine Zukunftsvision, die ich nicht bereits beim formuieren lächerlich finde. Was soll denn so toll daran sein, alle anderen zu übertrumpfen und ein unfassbar reicher Monopolist zu sein? Niemand ist eine Insel. Ein Jeff Bezos hat das Internet nicht erfunden und seine Trucks fahren auf den Straßen, die durch Steuergelder bezahlt wurden. Die Räder der Trucks hat er ebenfalls nicht erfunden. Wie wäre es mal mit etwas mehr Demut, weniger ekligem Egoismus, Gier und Ignoranz? Warum ist es so schwer die echte Welt in ihrer Widersprüchen und ihrer Komplexität auszuhalten?
Aber ich ahne es bereits jetzt: im Grunde bin ich kein Schöpfer, sondern nur einer der Faulenzer, denn warum sollte ich so eine Story schreiben? Wer würde sich schon ernsthaft dafür interessieren?


















