Platonische Liebe
Ich sitze an meinem Schreibtisch und versuche mich durch das “Symposium” von Platon zu kämpfen. Doch ich merke, dass etwas nicht stimmt. Ein befremdliches Gefühl stört meine Wahrnehmung und die Schrift verschwimmt zu einem undefinierbaren Knäul von Wörtern.
Das fahl- violette Licht der Abenddämmerung und die müden, konturlosen Schatten der zahlreichen Bücher, Fotografien und Kleiderbügel, die von diesen an die Wand geworfen werden, verwandeln das Zimmer in einen monotonen Gedankenraum. Mein Blick fällt auf den Aschenbecher der neben dem dicken Wälzer des griechischen Philosophen steht. Die halbausgedrückte Zigarette entfaltet dicken Rauch, welcher sich über meinen Kopf in doppelhelixartigen Linien geschmeidig und unbeständig zur Zimmerdecke bewegt; zuerst seidenartig und deutlich, wie dicke Pinselstriche die eine nackte Wand bestreichen, dann lichtet sich der Rauch und vermischt sich mit der grauen Umgebung des Raumes.
Ich versuche mich auf das fremde Gefühl zu konzentrieren, an diese längst vergessene Idee welche in meinem Unterbewusstsein schlummert. Viel zu lange habe ich diese Impressionen und die bedingungslose Begierde nach einem Menschen, der in einer kongruierenden Symbiose mit mir verschmilzt unterdrückt. Doch nun kommen die verborgenen Gedanken aus ihrer Versenkung, hüllen mein Subjekt mit bunter Erwartungshaltung ein und fordern ehrliche Antworten.
Ich schließe meine Augen, flüchte mich aus der störenden Wirklichkeit und schärfe meine Sinne. Zunächst ist da Nichts, nur die gewohnte Leere die immer vorhanden ist wenn sich die Augen schließen. Doch langsam entfaltet sich das Konstrukt vor meinem geistigen Auge und ich tauche in die verborgene Welt meiner Gedanken …
Ich stehe am Hafen, schaue mit melancholischen Blicken auf das unruhige Meer und denke an deinen letzten Satz. Der Wind weht mir durch die Haare, vertreibt den sonst so allgegenwärtigen Fäulnis- und Fischgeruch der arbeitenden Fischer und ersetzt ihn durch ein salziges Aroma. Die heftigen Böen rütteln an meiner Jacke, kämpfen gegen meine Beständigkeit und zeigen mir die geballte Kraft der Natur. Der kommende Sturm hat beinahe alle Menschen in ihre Häuse vertrieben; nur ein paar Fischer versuchen hastig ihre Boote festzubinden, denn das Meer hämmert immer stärker dagegen und lässt sie wie Nussschalen hin und her treiben. Abgesehen vom heulen des Windes und dem rauschen des Meeres ist es merkwürdig still.
Ich spüre dicke Tropfen auf meiner Haut, vernehme die sinnlichen Bewegungen wie sie langsam an meinem Gesicht hinunter rinnen und zu Boden fallen. Das pfeifen des Windes offenbart mir deinen letzten Satz, der surreal die Synapsen meines Gehirnes trifft.
“ Die offensichtlichen Gefühle die wir beide zweifelsfrei erleben, auch wenn wir uns dagegen wehren, entspringen einer platonischen Idee von geistiger Liebe und metaphysischen Wahrheiten.”
Deine Worte verwirren mich und holen mich in die Wirklichkeit zurück. Ich öffne langsam meine Augen, mein betrübter Blick erfasst den Schreibtisch, das Werk von Platon und die abgebrannte Zigarette. Mechanisch greifen meine Finger zum Füller und schreiben deinen letzten Satz auf ein weißes Papier. Da steht nun deine Antwort, die ich verdrängt habe, die letzte Reaktion auf eine Beziehung zwischen zwei platonisch liebenden Menschen.
Unsere Beziehung war anders als all die anderen; sie war tiefgründiger, ausgenommen von fleischlichen Trieben und frei von störenden sexuellen Empfindungen. Wir bildeten eine Verbindung von kognitiven Gemeinsamkeiten, gepaart von geistigen Höhen. Unsere Liebe richtete sich vom spezifischen zum Allgemeinen, vom vereinzelten zur allumfassenden Wahrheit. Wir erreichten in einer Symphonie der geistigen Orgasmen einen Bewusstseinszustand, welcher uns in den Ideenhimmel blicken ließ und die Urform der Liebe prophezeite.
Doch genau deswegen konnte diese Liebe nicht bestehen, denn wir hatten uns zu sehr auf unseren Geist verlassen. Wir dachten, dass wir die Dualität von Körper und Geist durchbrochen haben, dass wir allein durch unsere Gedanken bestehen können. Unsere Seelen waren miteinander verbunden, doch unsere Körper trifteten dahin. Wir hielten uns an dieser Utopie fest, die die Tatsache, dass der Mensch nunmal auch ein Triebwesen ist ausblendete und sich als eine hoffnungslose Idee entblößte.
Ich lese ein weiteres Mal deinen letzten Satz und merke, dass du ihn so nie zu mir gesagt hast. Im Grunde habe ich gewollt, dass du diese Worte verwendet hättest, doch die Wirklichkeit war leider ganz anders. Du hast nicht einmal existiert, warst lediglich eine schöne Idee die mein Bewusstsein projeziert hat, damit meine Seele die traurigen Beziehungen zwischen den Menschen vergessen kann. Du warst eine eingebildete Projektion, ein Wunsch welchen ich gerne zum Leben erweckt hätte.
Ich schließe das dicke Buch und stehe auf. Mit kleinen Schritten laufe ich zum Fenster und meine Blicke erheben sich zum Himmel. Zwischen der erdrückenden Dunkelheit erkenne ich eine leise Hoffnung, dass mein Wunsch nach Liebe nicht nur aus einer platonischen Idee entspringt, sondern wahrhaftig existiert.
Von: Tim Ahrens ©














