Montag. 13. März. Berlin. - Holmes Place. Ein Fitness-Check.
Nachdem ich ja nun so fürchterlich original japanisch Okonomiyaki, das Kohl-Mayonnaise Omelette essen gegangen war, völlig unüberlegt ohne den dazu dringlich empfohlenen, von mir aber fahrlässig verschmähten Sake, lief ich also unwohl mit einer relativen Übelkeit behaftet durch Berlins Ostkreuz Getümmel. Keine Spur von frühlingshaftem Flanieren mehr.
Sport. Der war mir ja nun im Zuge meines Physio Check-Ups dringlichst verordnet worden. Da dachte ich jetzt drüber nach. Aber mit Flair sollte es sein. Nicht umsonst ging ich ja nur in fancy Design-Hotels und wollte, wenn schon ein Longdrink zwölf Euro kostete, heute nur in Bars, wo auch das Drumherum dann dementsprehend vorhanden war. Kein Mac-Fit durfte es da sein, das ging schon von Names wegen nicht. - Holmes Place. Da stand ich jetzt vor. Berlin Ostkreuz. Einfach so, direkt hinter dem Kaufland, dem neuen, der jetzt in aller Unverfrorenheit mit dem Slogan für sich warb: „Erleben Sie das neue Sparvergnügen“. Braucht man nichts dazu zu sagen. Sparen. Eine wahre Wonne. Weiß man.
Ich also rein ins Holmes Place Ostkreuz. Das Schwimmbad konnte man direkt beim Einchecken sehen. An der Wand im Eingansportal stand in einer ansprechenden Typo: „A Community to help thrive. A Lifestyle to fit your Aspirations. A Movement to enjoy the journey. A Place to get the most out of life.“ Boah. Ja! Das will ich, denkt man da sofort.
Ein runder Tresen. Dahinter: Lisa. Blond. 24 Jahre. Blond konnte man sehen. Lisa stand auf dem Namensschild oberhalb der rechten Brust. Das mit der 24 war und ist geschätzt.
Ich deutete also auf den Mottospruch und sagte: „Lisa! Das da, genau das, das will ich.“
Und Lisa guckte mich nur an als wolle ich Staubsauger verkaufen.
Ich ging ins Details und stellte gleich mal ein paar Fragen. Worauf Lisa sagte, sowas könne nur … ach Moment. .. Dann war Lisa die kommenden Minuten damit beschäftigt allerlei Karten entgegenzunehmen und zu stempeln. „Ach so“, sagte ich, „so geht das also schon mal. Wenn man hier Mitglied ist hat man Stempelkarten.“ Nein, falsch. Lisa erklärte, parallel hektisch stempelnd, dass das Parkkarten seien, man könne ja hier gratis parken. Sie guckte mich genauer analysierend an und fügte hinzu: „Wenn man mit dem Auto kommt“. Soso, ja, nein, also ich käme zu Fuss, sagte ich, wohne ja gleich um die Ecke. Währenddessen kamen immer mehr Leute mit Karten und dann wollte auch noch irgendwer Handtücher haben. Die Situation schien ausser Kontrolle zu geraten. Zum Glück tauchte eine Kollegin auf. Die wollte aber gar nicht helfen, fummelte nur irgendwas aus einem Schrank unterhalb des runden Tresens hervor, wozu sie sich auf die Knie hockte. „Da kommt die Kavallerie“ sagte ich, „jetzt gibt es Stempelparkverstärkung“. Aber Lisa war zu sehr in Aktion, trat einen Schritt zurück - und fiel über den Rücken der knieenden Anderen. Das war jetzt zuviel. „Irgendwer verletzt?“ Ich sollte besser ein Probetraining vereinbaren, diese ganzen Fragen, wie das genau und überhaupt so ging, beim Holmes Place, das wüsste sie ja auch gar nicht so genau. „Ach so“ sagte ich, „du machst NUR die Parkkarten.“ Das war aber auch etwas unhöflich von mir. Dennoch, Lisa lächelte, und wir machten einen Termin für den kommenden Montag. 13 Uhr. Denn mein neu erdachter Arbeitsrythmus sah eine zwei-stündige mittägliche Pause und inbegriffenen Themenwechsel vor. Eingetragen. Prima. Keine zwanzig Minuten später bekam ich eine Bestätigung auf mein Handy geschickt. „Dein Team vom Holmes Place Ostkreuz“, stand da hintendran. Toll, dachte ich, und schon bin ich im Team. A Community to help thrive. A Lifestyle to fit your Aspirations.
Bevor ich am vorgegangenen Samstag in die Berliner Aussengemeinde Potsdam gefahren war, um auf einem 40-zigsten Geburtstag in einer Wohnung wo es einen Kicker UND eine Tischtennisplatte im Wohnzimmer gab, von einem zwölfjährigen Mädchen gefragt zu werden, ob ich Komiker sei, hatte ich mir noch eine Sportlerstarterkit gekauft, Hose kurz, Hose lang, zwei Shirts, eins schwarz, das andere rot, alles aus so Material, das mit Schweiß gut fertig wurde. Gekauft in diesem Sportzeugstempel am Alexanderplatz, grosse Auswahl und billig, wo die Leute hingingen, die vorher schon gegenüber bei Primark Seele und Gewissen gelassen hatten. Jedenfalls war ich vorbereitet, Schuhe hatte ich noch, auch rot. Nur leider total versaut vom letzten Joggingversuch, Schlamm, Lehm, einen halben Erdrutsch hatte ich da mitgenommen und das dann völlig vergessen. Es blieben wir nicht mal mehr zwanzig Minuten bis zu meinem Probetraining im Holmes Place und ein Ort, der einem schon einen Tag vorher eine Erinnerungs-SMS aufs Handy schickt, Mit triumphal flotten Grüßen, Dein Holmes Place Team Ostkreuz, der würde sicher nicht auf mich warten. Zum Glück wohnten die und ich ja quasi Wand an Wand.
Mit Zahnbürste und warmen Wasser und Lappen und Winterstiefelbürste bekam ich die roten Treter dann gerade nochmal so hin, dass man mich reinlassen würde in die heilig fitten Hallen. Und los.
Sieben Minuten zu spät. Lisa ist wieder am Empfang, diesmal ohne Parkkartenabstempelstress. Ich sage: Halle Lisa. Lisa kann mich nicht sofort einordnen, ich verstärke den Blickkontakt, mache einen Witz über die Parkkartenabstempelei vom letzten Mal und da sagt sie dann: „Ach ja, klar, wir haben telefoniert, richtig?“ „Genau das“, sage ich, „UND: ich stand auch hier, genau hier, und da haben wir eine Probe….“
„Probetraining kriegst du, richtig?“ nimmt Lisa wir gewandt die Worte aus dem Mund. „Nimm doch kurz Platz, ich guck’ mal wer frei ist im Moment.“
Erst heisst es, ich bekäme Greta. Dann kommt allerdings souverän und fit strahlend ein Mittzwanziger im Anzug zielstrebig auf mich zu. „Hallo Greta“ sage ich. Er lacht. Streckt mir die Hand entgegen, der Händedruck ist der von sich mögenden Marketingleuten. „Ich bin Patrick, Greta ist noch in einem längeren Gespräch.“ Und dann: „Ach, da ist sie übrgens, das ist Greta.“ Und weist mit der Hand zu einer Ledercouchgarnitur am anderen Ende des Sitzzonendreiecks hin, auf dem sich unsere Partie aufbaut. Greta guckt auf, Patrick winkt kurz, Greta versteht nicht, Das macht nichts, ich winke jetzt auch und mache die Daumen-hoch Geste, Greta guckt wieder auf ein Papier, das sie gerade einem Fetti mit runder Werner-Brösel Brille und einem orangefarbenen T-Shirt mit der Aufschrift Keep Calm zu erklären bemüht ist.
Ich beginne mit meinem investigativ vorbereiteten Fragenkatalog. Das Haus an sich, die Leute hier, das System Fitnessstudio, Tarife und Auswege und wer ich so bin und warum ich fit werden will. Fast so, als würde ich einziehen wollen, hier, ins Holmes Place Ostkreuz.
Dann presche ich mit einer Frage vor, die mir untern den sauberen Nägeln brennt. „Was bedeutet Holmes Place eigentlich? Wo kommt der Name her?“ Ich sehe Patrick genau an, bemerke er kommt ins Stottern, kaschiert die seichte Entgleisung mit einem um so breiteren Lächeln. „Uhh, so, ich denk’ mal, das kommt von Home, also wie-zu-Hause-fühlen soll man sich hier“. „Aber warum dann mit L“ frage ich irritiert, „Home schreibt man doch ohne L“. Naja, das wisse er ehrlich gesagt auch nicht genau, und dann so, „auf dem kalten Fuss erwischt“. Aha, kalter Fuss, naja, macht ja nix. Wir gehen rum und ich darf mir Alles angucken. Nur in die Sauna gucken geht nicht. Dafür stehen wir vor einer Wand, an der, gerahmt, Fotos vom Dampfbad, von der Sauna, den Duschen und dem Ruheraum aufgehängt sind. „Irgendwelche Motive als Fototapete da in dem Entspannungszimmer?“ frage ich. „Ich hatte da mal ein Fitnessstudio in einer anderen Stadt, da gab’s Alpenpanorama.“ Nein, das gab es hier nicht. „Musik? Panflöten? James Last und das tibetanische Panikorchester?“ - „Nein, da ist gar nichts. Einfach nur ein Ruheraum“. Gutgut. So will ich das auch, lüge ich ein bisschen, bereit zur Kameradschaft. Teamgedanke.
Mini, von BMW, hatte einen Trinkwasserspender gespendet, auf einem grossen Alu-Schild steht da: Tankstelle.
Ein Typ mit Kris Kristofferson Bart und einer Truckermütze läßt sich gerade Wasser spenden, indem er sich über den Zapfhahn beugt.
Ich sage mit Moderatorenstimme: „Trinken mit Kappe, alles möglich bei Holmes Place by Mini“. Der Kappen-tragende Kristofferson Ersatz geht aber einfach wortlos weg. Teamgeist überall.
Jetzt war schon so viel Zeit draufgegangen, dass ich gar nicht mehr so recht Probetraining machen will, dabei hatte ich doch extra noch schnell am Samstag mein neues Outfit eingekauft. Sei’s drum.
Ich dankte Patrick und wir strahlten beide. „Weihnachten komme ich wieder und frag’ Dich woher der Name Holmes Place kommt.“ rief ich ihm zu, als er schon ein paar Meter voraus war und die elektronische Schranke für mich entsicherte. „So lange?“ lachte er. „Da können Sie morgen direkt wiederkommen, dann weiß ich das schon.“ Er lachte. Ich lachte. Team. A Place to get the most out of life.
Ob ich jetzt da direkt Mitglied werde, weiß ich noch nicht. Aber das Ambiente war gut. Und vielleicht muss ich ja Greta doch noch kennen lernen.
















