Die Bettwäsche knirschte unter meinem Gewicht, als ich mit meinen sieben Jahren zu Mutter auf das Bett kletterte und mit großer Vorsicht nahm ich dabei lediglich das freie Stück von der Matratze ein.
Es war ein ziemlich befremdliches Gefühl hier auf dem Krankenbett zu sitzen. Noch absonderlicher fand ich es sie drauf liegen zu sehen. So blass, in diesem Kleid, welches sie unvertrauter aussehen ließ als ohnehin schon. Und das obwohl diese Station das zweite Zuhause für meine Mutter war.
Nur stand sie meistens an solchen Betten, hielt sich am Geländer fest und erklärte ihren Patienten Sachen von denen ich absolut keine Ahnung hatte. Niemals haben würde. Ich hatte es ja nichtmal mitanhören können, denn wenn ich hier sein durfte, dann saß ich im Büro und bekam Bilder zum ausmalen oder erledigte die Hausaufgaben. Manchmal bekam ich auch das Privileg Fragen zu stellen, wenn die Zeit es zuließ.
Ich kann mich noch ganz genau an dieses Gefühl erinnern. Daran, wie flau mir im Magen wurde, als ich zum ersten Mal die Nadeln in ihrer Haut sah. Ich hatte mich nicht getraut sie zu berühren. Ich wollte meiner Mutter nicht weh tun, weil mir bewusst war, dass sie auch so unter Schmerzen litt.
Aber ihre Arme standen offen und auf ihren Lippen klebte ein liebevolles Lächeln, als sie mich neben sich erblickte. So scheu und still wie ich dort saß, wobei ich mir mit den Fingernägeln immer wieder über den bedeckten Schenkel kratzte.
Es dauerte eine Weile, bis Mutter mich überhaupt bemerkt hatte. Ich traute mich ebenso nicht sie aufzuwecken, sondern blieb ruhig sitzen, während meine Augen am Monitor klebten. Um mir anzusehen, was dort geschrieben stand. Zahlen, Parameter, die ich zum damaligen Zeitpunkt genauso wenig verstand, wie so vieles anderes, was geschehen ist.
"Ich bin so froh dich zu sehen, Hwannie."
Ja, ich war auch sehr froh sie zu sehen. Doch statt ihr das zu sagen schmiegte ich mich an ihre Brust und schloss die Augen. Auch wenn Mutter nicht ihre eigene Kleidung trug, eine ganze Ladung an Medikamenten bekam und definitiv kein Parfüm aufgetragen hatte, roch sie so unfassbar gut.
Ich fühlte mich innerhalb von wenigen Sekunden angekommen. Sie roch nämlich nach Liebe, sie roch nach meiner Mutter und ich denke, dass ich bis heute noch ihren Geruch in der Nase habe. Wann immer ich mich an diesen Moment zurück erinnere.
Ich kann diesen Geruch nicht beschreiben. Aber ich würde ihn unter tausenden erkennen können. Die Stimme von ihr habe ich jedoch mittlerweile vergessen. Ihren Duft jedoch nicht. Und auch nicht das damit verbundene Gefühl von Geborgenheit.
Nach einer Weile des Schweigens traute ich mich eine Frage zu stellen. Eine, bei der sich meine Finger in das Kleid von Mutter bohrten. Unsicherheit lag in meiner Stimme.
"Komme ich für das was ich getan habe nicht mit zu dir in den Himmel, Mama?"
Mir ist damals gar nicht aufgefallen, dass ich zu weinen begann. Dass ich den Stoff unter meiner Wange eine Nuance dunkler färbte, als die Träne sich ihren Weg suchte.
Meine Mutter verstand die Frage. Sie wusste vom Ursprung solcher Gedanken. Also hörte ich sie leise Seufzen. Spürte, wie die Brust unter mir sich hob und dann wieder nach unten sank. Eine Weile brauchte es wohl, um passenden Worte zu finden. Worte, die ich niemals vergessen würde.
Sie sagte: "Wir werden uns irgendwann wieder im Himmel in die Arme schließen können. Weil du mein kleiner Held bist. Weil du so unglaublich viel Mut besitzt und weil das was passierst ist...unser kleines Geheimnis bleibt."
Ich konnte ihre Lippen an meinem Schopf spüren, wobei ihre Umarmung etwas fester wurde. Ob wir uns irgendwann wirklich wiedersehen werden...das bezweifle ich. Selbst wenn der Himmel existieren würde, für mich gab es dort definitiv keinen Platz.
Aber unser Geheimnis, dieses durfte halten. Und ehrlich gesagt bereute ich meine Tat im Gegensatz zu meinem siebenjährigen Ich nicht mehr. Kein Funke von Schuldgefühlen oder Mitleid blieb mir übrig, denn ich würde es genau so wieder machen.