“Was ist Ihr Kampfstil?” – “Mein Stil? … Nennen wir es die Kunst zu kämpfen ohne zu kämpfen.” – “Die Kunst zu kämpfen ohne zu kämpfen? Zeigen Sie mir was davon.” – “Später.“
BRUCE LEE: ENTER THE DRAGON (1973)
Kampf ist kein Spiel.
Kampf ist kein Sport.
Kampf ist keine Kunst.
Kampf ist Kannibalismus.
Kampf ist das dreckige kleine Geschäft des Überlebens.
Du hast schon bezahlt.
Egal was kommt.
Egal was du tun wirst.
Egal was andere tun werden oder nicht tun werden.
Du hast den Preis schon bezahlt.
Den Preis für deine eigene, persönliche und exklusive Existenz.
Du wirst sterben.
Du hast schon bezahlt.
Angst, alte Begleiterin im Gewirr der Straßen von Leben und Tod.
Angst verletzt zu werden.
Angst zu verletzen.
Angst vor der Ungewissheit.
Angst vor den Konsequenzen.
Angst vor der Angst.
Angst vor der Angst vor der Angst.
Die Angst ... wird dich niemals verlassen.
Verlasse dich selbst.
Übergib dich an die Angst.
Versuch nicht, die Angst zu besiegen.
Hör auf, gegen die Angst zu kämpfen.
Lebe mit der Angst statt in ihr.
Lass die Angst zu.
Lade die Angst ein.
Die Angst ... ist nur ein Gedanke, der in den Körper eindringt.
Angst ist die Tür.
Angst ist die Schwelle.
Angst ist der Schlüssel.
Die Angst ... ist gar nichts.
Einen Kampf gegen sich selbst zu gewinnen ist das einzig mögliche Training dafür, einen Kampf gegen andere zu gewinnen. Wer nicht nass werden will, kann auch kein Tiefseetaucher werden.
Für den Meister ist Kampf und nicht-Kampf dasselbe. Seine innere Haltung bleibt dabei gleich, er nimmt nichts persönlich, weil da keine Person mehr ist. Darum kann er alles als Spiel auffassen. Ob er dabei mitspielt oder nicht, ist allein seine Entscheidung.
Wenn alle Menschen vor den Gesetzen der Physik gleich sind, wie kann es dann zehntausend verschiedene Kampfstile geben? Verstoße nicht gegen die Gesetze der Physik. Alles andere bleibt dir überlassen – und deinem Gewissen. Hast du kein Gewissen, brauchst du einen Anwalt.
Einem Krieger kann man nur als Freund begegnen. Wärst du nur „irgend-ein-Schlägertyp“, könntest du dem Krieger nicht begegnen, wenn er es nicht will – oder du würdest höchstens seinem Knie begegnen, wenn du es unbedingt willst. Eine solche Begegnung ist dann unabhängig von körperlicher oder technischer Überlegenheit, denn Karma steht über der Physis.
Damit du mit dem Inneren trennen kannst im Äußeren (Wille), musst du erst das im Außen Geteilte in deinem Inneren vereinigt haben (ethisches Handeln). Hast du das dann von innen nach außen (Übung) und von außen nach innen (Prüfung) verwirklicht und die äußere Reflexion dieses Kampfes gesammelt im Inneren der anderen (der Name eines Kriegers), dann vereinige kampflos im Äußeren durch Vereinigen im Inneren (Beeinflussung), statt zu trennen im Inneren deiner selbst und der anderen durch Trennen im Äußeren (Gewalt).
Du gewinnst einen Kampf also nicht durch einen Klumpen Materie, den du auf den Gegner schleuderst, sondern indem du mit der Entscheidung deines innersten Wesens dem äußeren Einfluss entgegentrittst, der hinter dem aktuellen Vertreter eben dieses Einflusses steht.
Dazu musst du dich selbst freigemacht haben von dem Einfluss, unter dem der Gegner steht, so dass du über diesem Einfluss und so auch über diesem Gegner stehst. Freimachen von diesem Einfluss kannst du dich nur, wenn du diesen Einfluss in dir genau genug beobachtet hast, sodass du sein Gegenteil in dir selbst erzeugen kannst. Darauf entsteht ein innerer Kampf in dir, den du erst gewonnen haben musst, um diesen Einfluss zu meistern. Erst nachdem du den Einfluss gemeistert hast, kannst du in anderen Selbstbeobachtung induzieren, die diesem Einfluss unterliegen.
Wenn Kampf auf der körperlichen Ebene die einzige Option ist, wirst du im besten Fall einen der physischen Vertreter des negativen Einflusses entfernen. Dieser wird durch einen anderen Vertreter des Einflusses ersetzt, wenn der Einfluss weiterhin vorhanden ist. Da weiteres Karma entsteht, stärkst du durch Kampf diesen ungünstigen Einfluss, wenn du versuchst, ihn auf seiner eigenen Ebene zu beeinflussen: In der nächsten Runde gibt es nicht einen Vertreter dieses Einflusses, sondern mindestens ein-ein-halb.
Versuche daher niemals, jemanden zu ändern, sondern ändere die Umstände, dann wird auch derjenige mit umgedreht, der auf die Situation fixiert ist: Die Fixierung oder der Einfluss wird für alle deutlich und der solcherart Besiegte kann sich freiwillig unter andere Einflüsse stellen, so dass ungefilterte Kommunikation erst möglich wird: Es ist immer besser, jemanden umzudrehen, als ihn zu besiegen.
Der Schwachpunkt eines Gegners ist sein blinder Fleck, betrachtet als der Endpunkt des äußeren Einflusses, welcher den entsprechenden Punkt in seinem Inneren bewegt. Dieser Punkt mag gut versteckt oder offensichtlich sein – meist befindet er sich auf seinem Rücken und er kann ihn nicht sehen. Du brauchst also einen Spiegel, um dem Gegner seinen blinden Fleck zu zeigen. Dieser Spiegel bist du selbst. Als Spiegel versuchst du nicht, das Motiv des Gegners zu ändern. Du zeigst es ihm nur – und bleibst völlig unberührt: Egal was der Gegner macht, wie groß und fies und trickreich er sein mag, egal welche Grimassen er schneidet, egal wie er herumschreit, identifiziere dich nicht mit seiner emotionalen Energie.
Wenn du diesen Kampf nicht gesucht hast, bist du für den Gegner kein Mensch, der ihm begegnet, sondern eine Figur in seinem inneren Spiel der Repräsentation, das er mit der Außenwelt spielt. Versuche nicht, dem Gegner sein inneres Spiel wegzunehmen oder auszureden – spiele mit. Füttere das Spiel, bis die Blase platzt. Wenn du das Spiel des Gegners kennst, kannst du die Regeln dieses Spiels gegen ihn selbst wenden, indem du das Spielfeld drehst.
Also kannst du auch einen dir körperlich überlegenen Gegner besiegen, indem du ihm physisch, mental oder emotional wieder Anschluss an den gemeinsamen Lebensstrom verschaffst, je nach Schwachpunkt dieses speziellen Gegners verursacht durch die Art, wie er den hinter ihm stehenden Einfluss verkörpert – so du ihn erneut an das Wesentliche des Menschseins erinnerst:
Auch er hat einmal gesabbert und ist auf allen vieren zu Mami gekrabbelt.
Auch er kocht mit Wasser wie alle anderen.
Auch er landet einmal in der Kiste wie alle anderen.
Zelebriere nicht deine technischen Fähigkeiten, sondern manifestiere die Überlegenheit des universalen Lebensstroms. Einen geteilten und einen ungeteilten Moment des „Kampfes“ später ist der Gegner stromabwärts getrieben und wendet dir den Rücken zu – der Kampf ist vorbei und hat nicht stattgefunden. Es gibt auch keine Wiederholung, denn der Gegner müsste gegen den Strom schwimmen: „Wir sitzen am Ufer des Großen Flusses, und die Leichen unserer Feinde treiben vorbei“.
Ein Schläger ist noch kein Kämpfer ist noch kein Krieger – und wenn du nur ein Kämpfer bist und darum kämpfst, ein solcher zu bleiben, ein solcher genannt zu werden, der beste unter solchen zu werden, dann wirst du dich verstricken lassen in „Selbstverteidigung“.
Ein Krieger kämpft nicht, um sein Leben zu retten, sondern um es zu verlieren. Er opfert sein Leben einem Zweck, der höher ist als alles, was der Krieger erreichen könnte, solange er noch am Leben ist.
Für den Krieger gibt es zehntausend Arten, irgendeinen Kampf zu gewinnen, aber nur den einen Weg in seinen persönlichen Tod.
Einen Kampf anzunehmen, den man sicher gewinnen wird, ist eine Niederlage für das Leben. Lehne einen Kampf ab, den du sicher gewinnen wirst, denn er kann dich nicht zu deinem Tod führen.
Auf dem Weg des Todes ist das Schwert (oder technische Fähigkeit) nicht die Stütze, sondern die Bürde eines Kriegers. Denn alle Menschen gehen auf dem Weg des Todes: Wir sind eins im Lichte des Todes und viele in der Dunkelheit des Lebens.
Als Krieger hast du die Wahl, wer sterben wird.
Die Wahl, wer sterben wird, hast du schon lange vorher getroffen.
Denn in dem Universum, in dem wir leben, wird immer gestorben.
Aber als Krieger hast du entschieden, dass du es bist, der sterben wird.
Was ist Kämpfen ohne zu kämpfen?
Nicht zu kämpfen –
Keinen Kampf zuzulassen –
Jeden Kampf zu beenden –
Und am Ende selbst zu sterben.
Was ist der Weg des Kriegers?
Der Weg der Hingabe.
Das Ende der Angst.
Die Kunst zu Sterben.
“Du möchtest immer lernen, wie man gewinnt, aber du willst nicht akzeptieren, wie man verliert. Eine Niederlage anzunehmen, Sterben lernen heißt davon befreit zu werden ... Wenn also das Morgen kommt, mach deinen Geist frei von Ehrgeiz und lerne die Kunst zu sterben!“
BRUCE LEE: THE SILENT FLUTE (1971)