Sonntags ist Familientag in Bolivien – und da ich mit einer bolivianische Familie hier lebe, unternehmen wir manchmal was an diesem Tag. So auch an dem Morgen, als meine Gasteltern fragten, ob wie nicht eine leckere Fischsuppe essen sollte. Die gibt’s in ‘nem Dorf nur 40min entfernt, Pongo. Na klar wollte ich. Also sind wir kurz darauf los, raus aus dem Tal, in dem La Paz liegt, durch den Stadtteil Miraflores. Um uns herum viele Minibusse, die die umliegenenden Kleinstädte ansteuern, Ort mit Namen wie Chicaloma oder Coroico.
– Coroico kannte ich, denn es ist berühmt als Endpunkt der infamen Ruta de la Muerte, die Todesstraße, die immer wieder sentationell im deutschen Fernsehen und in jedem Bolivien-Reiseführer auftaucht. Auf Nachfrage meinte mein Gastvater nur, klar – die schmale, in der Regenzeit schlammige Straße ist nur 15min von Pongo entfernt. Denn nur ein Stück hinter La Paz beginnen schon die Yungas, die bewaldeten, feucht-warmen Anden, die langsam ins Amazonasbecken absteigen. Die Ruta 3, die durch diese Landschaft führt und von der die Todesstraße Teil war, machte allzu oft negative Schlagzeilen und forderte zu viele Leben – und so ist sie inzwischen durch eine sichere, asphaltierte Alternative ersetzt worden. Zumindest die ersten hundert Kilometer, auf denen die Touristen unterwegs sind und die als so gefährlich galten. Danch geht es auf Schotter- und Erdpiste weiter in den Regenwald.
Wir sind also auf einer schicken, schlaglochfreien Straße immer weiter hoch gefahren, denn bevor es abwärts geht, muss noch ein Pass bewältigt werden. Am höchsten Punkt ging ein Rastplatz ab und viele Minibusse standen an Hängen. Auch wir machten Pause und der Blick war unglaublich: kurz hinter dem Plateau, auf dem wir standen, ging es die Straße in großen Schleifen bergab und vor uns erhoben sich schneebedeckte Bergwipfel. An vielen Stellen saßen Menschen neben ihren Autos, ein paar Holzscheite vor ihnen. Darauf lagen kleine Opfergaben: in Stroh gebettete Zuckerfiguren, Symbol für ersehnte Erfolge – Kinder, Geld, Erfog wurden durch kleine Zuckerbusse und Familie dargestellt. Durch ein zelebriertes Feuer wurde all das Pachamama, Mutter Erde, übergeben. Das letzte Glimmen wurde durch aufgeschäumte Getränke, Bier und Cola, abgelöscht – und immer wieder wurden auch Spritze den Hang runter in Richtung der Berge, in Richtung von Pachamama, geschüttet. Während ich fasziniert von Landschaft und Zeremonie umherwanderte, unterhielten sich meine Gastgeber mit zwei Cholitas, die uns zum Abschied je eine handvoll Coca-Blätter mitgaben – die man stets mit beiden Händen zu empfangen hat. Ich konnte sie gut gebrauchen, sollen sie doch gut gegen die Höhensymptome wirken, die mich auf 4800m schon wieder ein bisschen einholten. Die grünen Überreste spuckte ich in den starken Wind, bevor wir weiter fuhren.
Pongo ist nur ein kleines Dorf an der Ruta 3, in dem es fünf oder sechs Restaurants gibt, die allesamt Trucha – den rötlichen, bolivianischen Fisch – anbieten. Weiter unten im Dorf wird er in großen Becken gehalten, und man kann ihn sich selbst fangen, wenn man denn möchte. Eng an eng, wie die Fische dort schwammen, verstand ich schon, warum sie ermüdet an die Angel der Kinder bißen. Wir haben aber nur eine (offengestanden nicht umwerfende) Suppe gegessen, die mich zwei Tage später mit Magenschmerzen einholte – aber was soll’s. Inzwischen hat’s uns Freiwillige hier alle schonmal erwischt. Sollte die Suppe doch eigentlich der Höhepunkt des Tages werden, so war es doch der Rückweg, den ich nicht vergessen werde. Eigentlich sind wir nur nochmal an besagter Stelle abgefahren, damit der Hund kurz aus dem Auto kann. Als ich aber das Schild des Parque Nacional Cotapata entdeckte und mein Interesse kundtat, meinte mein Gastvater: “Ok, ¡vamos! Ein Abendteuer.” Er schaltete sein Auto auf 4-Rad-Antrieb (in Bolivien ist man damit gewappnet) und fuhr den Spuren folgend ins Land hinein – auf der Rückbank versuchte meine Gastmutter währenddessen wenig erfolgreich zu schlafen.
Wir fuhren so weit wir konnten, zogen uns warm an und stiegen den restlichen Anstieg hinauf, bis wir fast an der Spitze eines Berges waren. Die Gruppe, die kurz zuvor in normaler Montur den Hang hinunterkam, bestätigte uns nur in der Machbarkeit. Der kleine Hund kam natürlich mit passendem Pullover mit hinauf. Die Höhe – am höchsten Punkt knapp an den 5000m vorbei, brachte mich zum Schaufen und hinterließ mich den Rest des Tages mit Kopfschmerzen – brachte mich zwar zum Schnaufen, der Blick und die Wolken, die mich durchflogen, machten es aber mehr als wett. So klein fühlt man sich, so ausgeliefert der Natur und doch so verbunden mit ihr! Ich kann mir nur vorstellen, wie eindrücklich eine Gipfelbesteigung wohl sein muss.