Body Positivity in Zeiten von Corona - und warum das jetzt besonders wichtig ist
2020 war das bisher schwerste Jahr meines Lebens. Nach dem Beginn des Lockdowns im März war plötzlich nichts mehr so, wie es war. Auch mein Körperbild. Das hat während der globalen Pandemie ganz schön gelitten – neben eingeschränkter Bewegungsfreiheit, sozialer Vereinsamung und dem Ende meiner Beziehung nur ein Nebeneffekt von Corona in diesem Jahr. Ein Grund dafür war die Zeit – mein strukturierter Tagesablauf wurde plötzlich mit Stunden von gähnender Leere ersetzt, die ich in Sweatshirt und Jogginghose auf der Couch verbrachte, auf meinem Handy durch Instagram scrollend. Das ist auch der Ort, an dem mir zum ersten Mal Werbung für Diäten begegnete, um die “Corona-Pfunde” oder die “Quarantäne-15” loszuwerden. Auf YouTube wurden mir vermehrt Fitness Influencer*innen angezeigt, die mit Diät- und Workout-Programmen Werbung machten und dabei ihre schlanken Körper samt Sixpack in die Kamera hielten.
Ob Bildvergleiche im Bikini vor und nach der Quarantäne, Bodyshaming auf Social Media oder der abfällige Kommentar einer Bekannten, dass “übergewichtige Menschen ja schneller Corona bekommen würden” – das Thema Gewichtszunahme und Abnehmen war und ist seit Monaten scheinbar überall.
Auch von Freund*innen und Familie habe ich gehört, dass ihnen besonders in den Wintermonaten, die ohnehin eine schwierige Zeit für viele Menschen darstellen, ein gesundes Verhältnis zu ihrem Körper schwerfällt. Ich merke zum Beispiel, dass ich in den kalten Tagen, in denen es viel früher dunkel wird, weniger Lust und Motivation habe, meine Wohnung zu verlassen. Ich vermisse meine Freund*innen, die weiter weg wohnen und mit denen ich jetzt weniger Kontakt habe. Ich verbringe mehr Zeit mit mir selbst, stehe vor dem Spiegel oder habe ein schlechtes Gewissen, weil ich weniger aktiv bin. Wenn Aktivitäten anstehen, ist es oft das Glühweintrinken oder Plätzchenbacken, was mir leider manchmal zusätzlich erschwert, ein positives Körpergefühl aufrecht zu halten. Dieses Jahr ist jedoch kein normaler Winter, sondern es kommt als weitere Herausforderung noch die Belastung der Pandemie hinzu.
Was können wir also tun, um uns mit uns selbst wohlzufühlen, wenn während des zweiten Lockdowns und vor den Feiertagen Alltag und Selbstbild zu einer Herausforderung werden?
Ich versuche mich verstärkt daran zu erinnern, dass ich nicht alleine bin. Wenn ich zum Beispiel mit meinen Freund*innen skype oder mit meiner Freundin telefoniere, fühle ich mich weniger alleine – das wirkt sich auch auf mein Körpergefühl aus.
Die Pandemie bringt uns alle an unsere Grenzen, viele auch körperlich. Nach einem Telefonat mit meiner besten Freundin wurde mir klar, dass es völlig in Ordnung ist, wenn ich mich gerade einfach nicht wie ich selbst fühle. Manchmal kommt es mir so vor, als würde ich all meine Energie dahinein stecken, eine Fassade aufrecht zu erhalten und so zu tun, als wäre ich im Einklang mit mir selbst. Als mich diese Freundin gefragt hat, wie es mir wirklich gehe, fiel mir auf, wie sehr meine Seele und mein Körper besonders in dieser Zeit Zuwendung brauchen. Dazu gehört für mich auch, dass ich endlich lerne, mich weniger mit anderen zu vergleichen und versuche, mich als die Josephine zu akzeptieren, die ich bin. Ich freue mich für die Freund*innen, die jeden Tag aufwendige Rezepte kochen und ihr zu Hause in ein Fitnessstudio verwandeln, um ihre Mahlzeiten und Workouts dann auf Instagram zu posten. Aber ich lerne, mich weniger schlecht zu fühlen, wenn ich bei Lieferdiensten Essen bestelle oder den Tag eingekuschelt mit einer Tasse Tee auf meinem Bett verbringe. Der eine Weg ist nicht besser als der andere. Deshalb habe ich auch alle Accounts mit für mich negativen Botschaften und die besagten Lifestyle-Influencer*innen aus meinem Feed verbannt.
Auch das Sich-Zeitnehmen ist jetzt ganz besonders wichtig für mich und ich versuche, an meiner ständigen inneren Unruhe und Ungeduld zu arbeiten. Für mich bedeutet das aktuell manchmal einen Couchnachmittag vor dem Smartphone, mal ein Schaumbad mit Kerzenschein und mal ein ausgiebiger Spaziergang mit einer Freundin (natürlich mit Distanz!). Es sind also sowohl Momente, wo ich mich besonders mit meinem Körper beschäftige als auch Momente, wo mein Körper einfach nur da ist. So übe ich mich in Mitgefühl und Verständnis für mich selbst und andere – das gelingt mitunter richtig gut und teilweise überhaupt nicht, denn schnelle Lösungen gibt es nicht und ich bin immer noch Josephine, mitten in dem Chaos dieser Pandemie.
Im Internet kursiert ein Meme mit dem Text „It’s okay not to be at your most productive during a fucking global pandemic”. Das Bild haben wir bei AnyBody Deutschland im März auf unseren Kanälen verbreitet. Vielleicht wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, uns diese Botschaft erneut bewusst zu machen?
Ich habe dieses Jahr bislang zwar nicht kochen gelernt wie einige meiner Freund*innen, dafür aber etwas anderes, das wirklich wichtig für mich ist: Abends schalte ich jetzt einfach das Handy aus. Das war zu Beginn noch seltsam, aber mittlerweile fühlt es sich richtig gut an. Dann bleibt die Welt draußen und es gibt nur mich und meinen Körper – und der ist gut so, wie er ist.














