Feminismus in der Eiger Nordwand
Letztens durfte ich einen Vortrag – gerichtet an Führungskräfte und jene, die es noch werden wollen - besuchen und ich stelle vorweg gleich zwei Fakten außer Frage. (1) Der Vortragende war ein sympathischer und gekonnter Redner und sein Vortrag machte Sinn. (2) Ich muss meine feministische Meinung nicht immer und überall jeden, der es hören/lesen will oder auch nicht, aufs Auge drücken.
Jetzt kommt das große ABER … dieser Eintrag formte sich in mir und ich muss diesen Ohrwurm „it’s a man‘s world“ endlich loswerden und hoffe inständig, dass dies der Fall ist, sobald ich meine Meinung in die Tastatur geklopft habe.
Da stand er, um die sechzig, ein berühmter Extrem-Bergkletterer aus den 80ern und erzählte von seinen Erfolgen. Wie er Unmögliches möglich machte, seinen Rucksack leerte und vor allem, wie er andere ebenfalls dazu motivierte. Seine höchst persönlichen Erkenntnisse lässt er heute im Rahmen seines Coachings der breiten Masse zu teil werden. Eine interessante Lebensgeschichte, gut veranschaulicht und doch stieg dieser Widerstand in mir auf und wurde während des Vortrags von dem bereits erwähnten Lied untermalt.
Der Saal war gut gefüllt, ich schaute mich genauer um. Die vordersten Reihen und Ehrenplätze waren geprägt von Anzugträgern, dahinter Frauen, jede Altersgruppe war vertreten, doch hauptsächlich so um die dreißig. Vereinzelt waren Männer im schicken Freizeitlook – also Sportschuhe, Funktionsprimaloftjacke passend zur Jeans oder gar Funktionshose superleicht und windbreakerwasserabweisend mit gut bekannten höherpreisigen Markennamen verziert – im Alter des Vortragenden - anwesend. Die Heimat des Vortragenden ist auch meine, Berge sind mir nicht fremd, das soeben beschriebene Männerbild ebenfalls nicht, es beschreibt sogar meine eigenen Partner, weil wir Alpsisters nunmal so konditioniert wurden und doch, da war dieser Widerstand und dieses Lied in der Endlosschleife.
Er und seine Schützlinge kletterten tagelang strapaziöse Routen, verloren dabei sieben bis acht Kilogramm, trainierten Wochen am Stück und das ganze Jahr um diese eine Route zu schaffen und dann verstand ich meinen Widerstand: Er verfehlt die Zielgruppe. Da sitzen Frauen, die niemals so lange Zeit unerreichbar in einer Wand klettern könnten. Die ständig auf ihr Handy schauen, ob die Tochter vom Tubaunterricht abzuholen ist, die betagte Mutter hingefallen ist und nicht mehr alleine hochkommt, der Hund zu Hause kotzt, das Geld für die Zahnspange verdient werden muss. Gewichtszu- und -abnahme sind ihr nicht fremd, durch die Geburten der Kinder wurden ihre Körper größeren Strapazen ausgesetzt. Da ist ein Saal voll mit ihnen, sie sollen Teams, Abteilungen, Geschäfte führen, drei Wochen einsam am Berg zu verbringen ist utopisch und da redet jemand, der in den 80ern Routen erklettert hat, die ihn so schnell keiner nachmacht. Ich wäge geistig ab – was wäre passiert, wenn er diese Routen nicht erklettert hätte, werde zynisch und frage mich ob dem Berg das nicht vollkommen egal gewesen wäre aber unser Sozialsystem auf kinderkriegende Frauen und Eltern angewiesen ist. Zeitgleich und selbst kinderlos, schäme ich für solche Gedanken. Ein Teil in mir möchte Frauen auf die Bühne rufen, die tagtäglich ihren Balanceakt im Alltag bewältigen, das ganze Jahr, jeden Tag und der andere Teil hinterfragt meine fehlende Toleranz. Wenn da nicht dieser Ohrwurm wäre „it’s a man’s world“ ….
Dieser Text ist jetzt ein paar Tage alt, der Puls ist wieder im Normalbereich, wenn ich über diesen Vortrag spreche, ich habe ihn absichtlich gut abliegen lassen. Ich wollte mein Conclusio nicht aus der Emotion heraus schreiben. Bergbilder und (nicht) ausgetretene Pfade symbolisieren für meine Generation Strategien und Unternehmensleitbilder, ich denke und spreche selbst in diesen Bildern. Wir verehrten Männer auf Expeditionen und Nordwänden. Wir hinterfragten nicht, wer zu Hause die (ihre) tägliche Organisation übernimmt, denn diese waren keine Vorbilder und Helden für uns, diese Rollenbilder waren überholt. Der Petticoat aus den 50ern wurde durch Funktionskleidung ersetzt. Die Frage, die ich mir stelle, lautet: Gilt dies heute noch? Sprechen wir mit 80er Jahre-Kletterbildern den (auch weiblichen) Führungskräften von morgen noch aus der Seele? Nachdem ich keine Antwort finde, aber noch stundenlang ohne Ergebnis weiterschreiben könnte, stelle ich sie nun Dir, lieber Leser, und pfeife dir dazu ein kleines Lied.










