could you pull me aside | just to acknowledge that i've tried?
Ich schliesse das schwere Haupttor hinter mir und gehe vor zum Treppenaufgang. Deutscher Pop läuft oben leise und gedämpft in einem Raum am Ende eines Korridors im ersten Stock, und ein warmes Licht von wahrscheinlich ebendort streut tunnelartig in das dunkle Stiegenhaus. In ihrem Büro in diesem Haus im zweiten Stock soll ich Frau Khaderi (Chaderi) besuchen. Sie arbeitet hier. Den Grund für dieses Treffen kenne ich nicht.
Khaderi ist Iranerin, das ist meine Vermutung; was sie mit dem Konsulat zu tun hat, ist mir nicht bekannt, aber ich habe keine Fragen gestellt - kein need-to-know für meine Arbeit. In Schale geworfen, sprich sehr untypisch im Anzug, der schwarz und schmal geschnitten ist, bin ich an diesem warmen Tag im späten Mai dort angekommen, dennoch schwitze ich nur kaum; auch die skinny black tie lässt mich erstaunlich gut frei atmen, wahrscheinlich aber nur, weil mich das ganze Rundherum der ungewöhnlichen Situation kurioserweise davon abhält, in mein altes Leidensmuster zu verfallen. (Warum eigentlich ich?) Meine Gedanken sind kontrolliert, mein Herz rast nicht mehr als sonst, ich schwitze wenig, und ich fühle mich gar nicht mal sehr unwohl im Moment, was doch sehr eigenartig ist, bin ich ja ganz aus meiner Routine geworfen.
Ich trage heute schwarze Schuhe, keine Sneakers, verschwende in dem Moment auch keinen Gedanken daran, ob sie überhaupt vegan sind. (In dem Gefühl, dass dies ein derart kritischer Moment sei, dass Wichtiges passieren wird für mich, dass nichts anderes genau so zählt, zumindest heute. Alle Prinzipien über Bord mal wieder. Ein wenig schmerzlich ist das doch, da ich mich ja nicht mehr für irgendjemand oder irgendetwas verbiegen möchte. Und Frau Khaderi kenne ich ja nicht mal. Aber Job ist Job, sagt man, um das Gewissen zu beruhigen.)
Ich gehe die Treppe in dem dunklen Wiener Gründerzeitgebäude in der Innenstadt einigermassen entschlossen hinauf, der leisen Musik entgegen.
Das ganze Haus gehört, das weiss ich, der Organisation, für die Khaderi arbeitet. Ich gelange schliesslich in einen grossen Raum im ersten Stock, in einen Saal, in dem sich bestimmt schon zwanzig, vielleicht dreissig Personen tummeln. Ich komme mir noch kleiner vor, ich sehe bestimmt nicht alle Leute, die jetzt hier sind; es ist kaffeehauswarm hier drinnen und einige Leute rauchen. Einzelne Stimmen werden wahrnehmbar, der Lärm ist allgegenwärtig, aber keine Musik spielt hier. Allesamt österreichische Gesichter vor mir? Niemand bemerkt und niemand erkennt mich zum Glück. Ich bin aber auch im falschen Stock.
Es ist wohl Mittagspause, oder ein Catering ist im Gange, ich weiss auch das nicht. Ein Buffet mit allerlei nahöstlichen Speisen, sehr würzig, mit Kaffee, mit Kardamom. Es duftet nach Kuhmilch. Und Zucker. Und Milchreis. Und Safran. Und noch viel mehr Kardamom. Einige Speisen dampfen noch, auch wenn es so wirkt, als ob sich das Buffet dem Ende zuneigt. Junge Leute schlendern durch den Raum, ein paar von ihnen halten Pappteller in den Händen, sie essen und unterhalten sich recht still. Ich höre leise Kärntnerisch und einmal auch mal Steirisch. Und viel Englisch. (Soviel zu den all-österreichischen Gesichtern.) Plötzlich berührt mich jemand, streift ein bekleideter Arm mich im Vorübergehn mit einem Glas Wein in der Hand. Die Person hat es selber wohl gar nicht bemerkt, während ich fast alle Berührungen schmerzhaft wahrnehme – ganz gleich ob unangenehm oder erhofft und gewollt. Meine Gedanken sind aber schon weiter. Das muss ein Empfang sein, ob ich eingeladen bin? Nein, Khaderi erwartet mich im zweiten Stock.
Mein Blick streift herum, die Szene ändert sich, ich sehe bereits sehr viel mehr Leute mit Wein und Mixgetränken herumstehen. Ja, es ist Freitag, casual Friday. Ein metallischer Duft hält sich im Raum, von Feuer (und Silber?), radiation, ein vertrauter Duft von brennendem Papier. Und höre ich das Pumpgeräusch von einem Spray? Ein Duft von Tee und Gin und Gurke hängt nun schwer vor mir. Da ist keine Discokugel, aber ich habe das Gefühl, dass etwas weiter drüben glitzert. Luminous more so than most anyone. Wie gezogen bewegt sich mein Kopf nach links, dreht sich wie eine Kompassnadel, die sich zum Magneten orientiert. Glitter. Mein Auge sieht sie nun. Dort ist sie. Dort steht die glitzernde Bar. Sie ist in der linken hinteren Ecke aufgebaut mit drei Gerbera in einer kleinen gläsernen Vase und einem weissen Tuch darunter, mit allerlei Gezeugs verstreut auf dem Tisch, sehr unordentlich, sehr arty.
Ich weiss, warum ich hier bin. Nicht für Khaderi. Frau Khaderi erwartet niemanden heute. Sie wird mich nicht sehn.
All that bullshit conversation.
Ihn sehe ich. Er hat dunkelbraunes, kurzes Haar, die nie vollendete Idee eines Bartes, blau-braune, sind das graue Augen? Gibt es diese Mischung? Ein sanftes Gesicht, vielleicht Ende 30, vielleicht nur ein bisschen jünger; er wirkt unsicher, oder vielleicht bin ich es. Blauer Nagellack hat er an allen zehn. Ich gehe auf ihn zu, er hat mich schon gesehen. Bereits ganz nah bei ihm sag ich es ihm, ich flüstere, und er erwidert etwas, ich höre es nicht. Ich hebe meine Arme - don’t throw your hand - es ist dunkel um uns herum, und meine Oberarme kommen auf seinen Schultern zu ruhen. Versuch ich so, den Lärm um mich herum ein wenig abzuhalten? Ich rieche seinen intensiven Achselschweiss, noch so vertraut noch immer, wieder - und den Schmutz an seiner Unterwäsche und an der Haut so versifft, wenig butt hygiene noch heute, wie seltsam, dass mir genau das noch so tief in Erinnerung geblieben ist. Wie seltsam, wie stark mein Geruchssinn jetzt ist. Ich weiss nicht, was meine Armbewegung für mich bedeutet. Ich sehe nicht, ob uns jemand sieht. Meine Finger greifen über seinem Kopf ineinander; und mein Kopf senkt sich ein wenig. Du hast dich so verändert, aber vieles noch erkenne ich. I worshipped like a dog at the shrine of your lies.
Die Musik spielt. Spielte nicht die ganze Zeit über keine Musik, oder aber doch? Ich erinnere beides. I wish I could touch you again / I wish I could still call you a friend. Und dann wache ich auf.