Meinen ersten richtigen Baustellenpost möchte ich beginnen mit dem Alexanderplatz.
Genauer gesagt mit U-Bahnhof.
Mein Vater arbeitete in den 2000er Jahren zwischen den Bahnsteigen der U5 und der U8 und damit ca. 11,25 Meter unter Oberfläche fernab des Tageslichtes.
Der Bahnhof der U5 wurde am 21.12.1930 eröffnet. 27 Jahre später wurde mein Vater geboren am 21.12.1957.
Mit dem Bau der Berliner Mauer im August 1961 und der dadurch entstandenen Teilung Berlins wurden die Zugänge zur U8 zugemauert und somit vollständig vom restlichen Bahnhof abgetrennt.
Ich bin 1985 in Berlin-Lichtenberg geboren und wuchs in der Nähe vom Rathaus Lichtenberg auf.
Aufgrund der Wohnungsnot in der DDR lebten meine Eltern und ich die ersten 6. Monate nach meiner Geburt in Neuenhagen bei meinen Großeltern. Diese hatten dort ein Gartengrundstück, welches noch immer existiert.
Meine Mutter hatte, so den Erzählungen nach, persönlich beim Bürgermeister vorgesprochen, um eine Wohnung für uns zu erhalten. Es gilt noch immer als “witzige” Anekdote, dass wir eine Wohnung erhielten von dessen Wohnzimmer aus wir auf die Stasi-Zentrale schauen konnten.
Die U-Bahnlinie U5 war somit meine Heimatlinie. Ich kann nicht zählen wie oft ich in meinem Leben bisher auf dieser Linie unterwegs war.
Einerseits als Kind, um meine Großeltern in Friedrichsfelde oder den Tierpark zu besuchen, als Jugendlicher um bis zum Alex und dann in S-Bahn zum Bahnhof Zoo zu gelangen oder einfach nur zum Alexanderplatz, um an Samstag Vormittagen mit meinem Vater bei Saturn nach CDs zu stöbern.
Er bei Heavy Metal, ich bei Independent und danach ging es zu McDonalds auf einen Kaffee, Burger, Eiscreme.
Als ich ein Kind war besuchten wir oft den Fernsehturm. Mein Großvater väterlicherseits soll 1965 bei seinem Bau mitgewirkt haben.
Von der Sputnikartigenkuppel schaut Berlin so klein, winzig und friedlich aus.
Noch heute erblicke ich vom Fernsehturm aus ein Hochhaus unmittelbar hinter der Karl-Liebknecht-Straße. Ein Hochhaus auf dessen höchsten Treppenhausbalkon ich mit 15 Jahren stand - ängstlich, traurig, mit all dem existierenden Weltschmerz und darüber nachdachte wie es wäre zu springen.
Wenn ich heute aus der U5 am Alex aussteige, denke ich, diesen Boden hat mein Vater mit seinen Kollegen verlegt. Mit jeder Treppenstufe hoch zur Zwischenebene, denke ich, dies sind die Stufen, welche meiner Vater errichtete.
Wenn ich darüber hinaus heute in Berlin unterwegs bin und an all den Baustellen meines Vaters vorbei gehe, sage ich mir immer mal wieder: “Hier war Papa oder Das hat Papa gemacht”.
Eines Tages, wenn mein Vater den Kampf gegen den Krebs verlieren sollte, dann sind es für mich keine Fotos die bleiben (abgesehen davon ist mein Vater sehr kamerascheu), nein -
es sind die Baustellen, die Treppen, die Böden, die Fassaden in dieser Stadt die bleiben.
Es ist eine Verewigung in Marmor, Naturstein, Granit, Betonwerkstein und Terrazzoplatten.
Eine Verewigung, die wahrscheinlich selbst mich überdauern wird.