Unser Dorf soll bunter werden - Blonnerau will mit Zuwanderung punkten
"Menschen willkommen" prangt in dutzenden Sprachen auf einem Banner am Rathaus in Blonnerau. Erstmals wirbt ein kleines Dorf gezielt um Zuwanderung. Dahinter verbirgt sich kein hohles Versprechen oder der Wunsch nach medialer Aufmerksamkeit, sondern ein ausgereiftes Konzept namens "Happyzentrum 50+X".
Dieses bietet für die ersten fünfzig Zuwanderer zwei Programme und Starterkits an, jeweils angepasst für Flüchtlinge aus dem Nicht-EU-Ausland oder Nutznießer der EU-Freizügigkeit. Dieses Konzept soll verschiedene Herausforderungen gleichzeitig meistern und effizient verknüpfen. Dabei bleibt ein Aspekt immer im Vordergrund: Menschlichkeit.
Herr Vilstegen, Ihr Dorf rückt gerade in den Fokus der Öffentlichkeit. Die Umkehr, Zuwanderung als Gewinn zu betrachten und gezielt darum zu werben irritiert nicht wenige Beobachter, wahrscheinlich auch bei Ihnen vor Ort in Blonnerau. Sehen Sie kein Risiko oder Belastungen für Ihren Heimatort?
Es hat seinen Grund, warum wir die Willkommenszeilen auf dem Banner zuerst ins Rumänische und Bulgarische übersetzt und gedruckt haben. Blonnerau hofft natürlich auch gerade auf gut ausgebildete Menschen aus dem Südosten Europas, die ihr Wissen und ihre Kompetenz in unseren Ort bringen. Und wer weiß, vielleicht findet sich auch ein Arzt darunter, der mit unserer Hilfe endlich wieder eine Hausarztpraxis in Blonnerau etablieren will.
Aber es geht nicht nur um Fachkräfte - ganz im Gegenteil. Das Konzept 50+X richtet sich explizit auch an Flüchtlinge aus nicht EU-Staaten, die Krieg, Not und Elend in ihrer Heimat entkommen konnten. Genau diesen Menschen möchte Blonnerau mit einem offenen und wegweisenden Willkommensprogramm begegnen. Und, anders als es sich bisher in Deutschland durchsetzen konnte: die alteingesessene Bevölkerung wird in das Projekt voll mit eingebunden, soll partizipieren und auch profitieren. Wir wollen zeigen, dass Menschlichkeit zuallererst ein Gewinn für alle ist. Weniger aus wirtschaftlicher Sicht, sondern als Gesamteindruck.
Das klingt sehr nach heile Welt und einer großen Pflicht zu Uneigennutz. Ihr Ort liegt in einer strukturschwachen Region. Wie wollen Sie verhindern, dass die Stimmung kippt und das Projekt floppt oder sogar komplett nach hinten losgeht?
Wissen Sie, ich bin kein naiver Romantiker. Wir haben das Projekt breit aufgezogen. Vereine, Bürgerinitiativen und Vertreter aus Wirtschaft und Politik haben einen Stadtbeirat nur für dieses Thema eingerichtet. Jeder Blonnerauer - auch die Neubewohner - ist eingeladen sich mit einzubringen. Die hohe Arbeitslosigkeit und die leerstehenden Immobilien und und vielen Brachflächen maximieren die Chancen durch Zuwanderung sogar. Wir haben Platz und Kapazität. Die Unterbringung, Versorgung, Bildung und Unterstützung der Flüchtlinge erfordert viel Zeitaufwand, der nur durch Menschen geleistet werden kann. Die Förderung aus Bund und Ländern sind hierfür gutangelegtes Geld. Der Zuzug dutzender Flüchtlinge in diese Region muss für alle Beteiligten fair gestaltet werden.
Schön und gut, aber nicht selten wird so eine Veränderung als "Überfremdung" und Beschneidung der eigenen Kultur wahrgenommen. Ablehnung oder gar Übergriffe sind in vielen Regionen bittere Realität.
Hierzu kann ich nur grundsätzlich antworten. Eine Gesellschaft darf keiner Ebene von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit irgendeinen Platz einräumen. Rassisten müssen umdenken, dazu lernen, sich ändern. Sie sind das einzige Problem. Ich werde jedenfalls nicht zulassen, dass man in Blonnerau in vorauseilendem Gehorsam vor möglichem Rassismus einknickt. Unser Projekt möchte vor allem auf positive Anreize, Austausch und Kennenlernen setzen. Miteinander können wir viel mehr bewegen. Salopp gesagt, wird hier natürlich keine Mehrheit auf den Straßen stehen und schreien "Geil endlich Zuwanderung", aber machen wir uns nichts vor, die prekären Zustände hier herrschen schon lange - ganz ohne Zuwanderung.
Rational haben Sie Recht. Leider wird die Stimmung oft auch von außen angefacht. Dann bleibt vom Wandel nur Chaos.
Richtig. Ich bin für fünf Jahre im Amt. Für diese Zeit habe ich mir eine große Aufgabe gestellt. Daran möchte ich mich messen lassen und auf dem Weg, so viele Menschen, wie möglich, einbinden und zu ihren individuellen Vorteilen verhelfen. Wenn zur nächsten Legislaturperiode kein Rückhalt mehr für mich vorhanden ist, muss ich die Konsequenzen tragen und überlasse anderen Menschen das Feld. Aber ich will es wenigstens versucht haben und die Entwicklungen machen mir Mut. Im Übrigen, das nur erwähnt, bliebe ich auch nach einem Abschied vom Bürgermeisteramt vor Ort aktiv. Insbesondere bei den hier dargestellten Themenfeldern. Ich glaube daran.
Ok. Aber was erhoffen Sie sich konkret von Ihrem Vorstoß, außer wohlwollender Presse aus dem urbanen Raum?
Hierzu möchte ich Folgendes voranstellen. Das Leid in vielen Regionen weltweit vertreibt Millionen Menschen aus ihrer Heimat. Es ist pietätslos hier zuerst die Chancen für Deutschland zu sehen, diese aber zu negieren ist haltlos. Diese Region blutet seit Jahrzehnten aus - sinkende Einwohnerzahlen. Die komplette Generation im besten Alter ist ihren Jobs und Perspektiven hinterhergezogen. Man nennt das neudeutsch wohl Braindrain. Als Resultat haben wir verwaiste Innenstädte, Leerstand, Ruinen und ein nicht vorhandenes kulturelles Leben. Es gibt hier keinerlei Nahversorgung mehr, nur noch ein Gasthaus, dass sich mehr schlecht als recht über Wasser hält.
Das ist der Status quo. Nochmal die Frage, was erhoffen Sie sich?
Nicht weniger als eine Trendwende. Menschen, die ihre Heimat aufgeben, weil es dort Null Perspektive mehr gibt, können hier vielleicht eine finden. Genau diese Athmosphäre wollen wir bieten. Chancen für einen Neubeginn in der Fremde. Lücken in der Gesellschaft mit frischer Energie füllen. Es gibt für unsere Region soviele Fördermöglichkeiten, die von den vorhandenen Bewohnern nicht abgefordert werden. Dafür gibt es viele Gründe. Einer ist sicher jahrelange Unsicherheit. Seit die letzten großen Werke hier schlossen, gibt es vor allem Existenzangst. Ein denkbar schlechter Nährboden für Existenzgründungen. Unser Programm zielt explizit darauf ab jungen Zuwanderern volle Unterstützung zu kommen zu lassen, wenn Sie Gründungen wagen möchten. Und vielleicht färbt das ja ab oder schafft zumindest mal wieder Arbeitsplätze vor Ort.
Zuwanderung soll Ihre Strukturprobleme lösen?
Nein. Das ist kein fingergeschnipptes Wünsch dir was und wird einige Hindernisse mit sich bringen. Aber mal klein gedacht. Selbst ein Schnellimbiss mit fremden Spezialitäten wäre schon ein Gewinn für unsere Heimat. Und dabei wird es ganz sicher nicht bleiben.
Gut. Flüchtlinge aber haben einen rechtlichen Status, der diesen Wünschen entgegenspricht. Da wird kaum ein wirtschaftlicher Impuls zu erwarten sein.
Nicht morgen, das ist richtig. Aber wie Sie bemerkt haben, geht es uns nicht um eine temporäre Notunterbringung ohne weiteren Support. Wir wollen auch diesen Menschen zu einem unbefristeten Aufenthalt und Rechtezuwächsen verhelfen. Dazu gibt es pro Flüchtling zwei ehrenamtliche, aber bezahlte Paten vor Ort, die bei allen Hürden der Integration zur Seite stehen. Und wie vorhin erwähnt, hat unser bewusstes Werben um ein mehr an zugewiesenen Flüchtlingen auch ein Ziel. Die dafür notwendigen und bereitgestellten Gelder fließen direkt in ein kommunales gemeinnütziges Unternehmen, welches alle Aufgaben erledigt. Anstatt diese Leistungen bei Privatunternehmen teuer einzukaufen, werden wir vor Ort sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze schaffen.
Fast wäre ich versucht, Sie einen Träumer zu nennen. Das klingt zu schön um wahr zu sein.
Naja, es wird uns nicht auf dem Silbertablett serviert. Schon jetzt steckt viel Arbeit in der Vorbereitung. Übrigens von über hundert verschiedenen Menschen hier in Blonnerau größtenteils unentgeltlich geleistet. Auch dies sorgt dafür, dass das Projekt schon jetzt viele Fürsprecher hat.
Jetzt träumen Sie mal laut, bitte.
Das muss ich nicht. Wir planen sowieso noch viel Verrückteres. Aktuell machen wir gerade eine Bestandsaufnahme zu Leerstand und Brachflächen. Die meisten Flurstücke gehören ja nicht der Gemeinde, sondern befinden sich in Privatbesitz. Das wollen wir bündeln, für einen großen Schritt. Die Zuwanderer und später auch die Flüchtlinge mit unbefristetem Aufenthalt bekommen ein Starterkit. Dieses beinhaltet im Grundbuch eingetragenes Wohneigentum und pachtfreie landwirtschaftliche Nutzfläche zur Selbstnutzung außerdem ein Willkommensgeld in Höhe von 1.000 Euro. Dies ist mit der Verpflichtung verknüpft mindestens zehn Jahre vor Ort zu bleiben.
Das wird eine Neiddebatte auslösen.
Die wir bewusst aushebeln. Es geht uns auch darum die Allmende wieder zu stärken. Gemeindegrund für alle Blonnerauer. Wir wollen sehen und unterstützen, was passiert, wenn Plätze und Flächen frei nutzbar werden. Aber nochmal zur Neiddebatte. Die meisten Anwohner hier bewohnen Eigentum. Der Verkauf hat sich nie gelohnt, da dir Preise stets fielen. Ich bin kein Hellseher, aber Impulse, wie eben beschrieben, müssen das Gegenteil bewirken. Auch weil der Leerstand frisch sanierten Wohn- und Gewerbegebäuden weicht. Unsere Makler vor Ort sind zumindest im höchsten Maße kooperativ und erfreut, ebenso die meisten Anwohner, die wir hierzu befragten.
Eine klassische Frage zum Abschluss. Wo sehen Sie Blonnerau in zehn Jahren?
Da will ich kein Luftschloss bauen. Ganz pragmatisch erhoffe ich mir einen ausgewogenen Generationenmix und stabile bis leicht steigende Einwohnerzahlen. Dazu sinkende Arbeitslosigkeit und durch die Verschachtelung der Projektstufen ein freundliches Miteinander. Die Sahnehaube wären ein Hausarzt und ein Restaurant mit südeuropäischen Spezialitäten. Ich esse doch so gern.
Per Vilstegen, wir danken Ihnen für das Interview und wünschen Blonnerau eine erfolgreiche Zukunft.
(Leider ist dieses Interview rein fiktiv und konnte in Deutschland so noch nie geführt werden. Es soll zum Neudenken anregen.)













