Foto: "Die Kegelbahn" | mickmorley | photocase.de
Eigentlich gehen wir immer Bowlen. Aber heute besteht er darauf, Kegeln zu gehen. Ich bin mit meinem alten Freund Herbert unterwegs. Herbert ohne Zähne. Ich weiß nicht, wo er sie verloren hat, aber seit ich ihn kenne, fehlen sie ihm. Ihm scheint es nichts auszumachen.
Herbert wohnt auf der Straße. Doch ab und an lade ich ihn ein. Wenn Freunde zu Gast sind und mir das Gerede über Projekte und Netzwerke zu viel wird, dann erdet er mich. Er hält sich meist zurück. Er isst seine Suppe. Er lutscht seine Bohnen und schluckt den Reis. Doch manchmal zieht er zur Verblüffung aller einen Pürierstab aus der Tasche, sucht eine Steckdose und zerkleinert das schönste Abendessen zu einem unansehnlichen Brei. Und während alle noch um Fassung ringen und auf das Stück Fleisch auf ihrer Gabel schauen, schlürft er seelenruhig seinen braunen Brei. Und genießt die Sprachlosigkeit der anderen.
Mit Herbert ist Bowlen immer witziger als Kegeln. Weil es beim Bowlen auf zehn Kegel geht. Und immer wenn jemand einen Strike wirft und schreit: „Alle Zehne!“, rufe ich laut: „Alle Zähne?“, und Herbert fängt laut an zu lachen und zeigt uns allen seinen großen, leeren Mund. „Ja!“, schreit er dann, „alle Pfähne weg. Meine auch!“
Aber jetzt sind wir eben doch Kegeln. Vielleicht hat Herbert den Witz auch über. Man kann ja nicht jedes Mal nur über Zähne lachen. Obwohl es jahrelang gut ging. Herbert lädt mich ein, diesmal. Vielleicht will er etwas gutmachen, frage ich mich. Das ist sonst nicht seine Art.
Wir kegeln eine Runde und suchen uns neue Wortwitze, wenn die Zähne schon nicht gehen. „Du schiebst aber eine ruhige Kugel sage ich“, „Bei dir steht aber auch nichts mehr“, kontert er, als ich alle neune werfe. „Da kennst du dich ja aus“, sage ich, als er in die rechte Gasse wirft. „Nee“, sagt er, „in der Gosse kenn ich mich aus, nicht in der Gasse.“ Ich lache, doch nicht lange. Zuviel ist dran an diesem kleinen Satz.
Ich habe ihn schon lange nicht mehr zum Essen eingeladen. Es war mir unangenehm. Immer mehr stinkt er, immer ungewaschener ist er. Immer weniger nüchtern ist er und immer weniger berechenbar. Aber zum Bowlen gehen wir noch. Oder eben zum Kegeln. Es ist das letzte Stück Zivilisation, das ihm aktiv geblieben ist. Sonst schaut er immer nur zu.
Er hat das größte Zuhause der Welt, doch er kann sich nicht aussuchen, wer zu Besuch kommt. Auf den langen Fluren der Straße laufen Menschen, die ihn ignorieren. In seinem Badezimmer der Bahnhofsmission bekommt er blöde Sprüche. In seinem Schlafzimmer der Kaufhauseingänge wird er vertrieben. In seinem Garten der Stadtparks hauen ihm Jugendliche in die Fresse und stehlen seine schmutzigen Sachen. „Hab und Gut“, sagt er manchmal, „Hab und Gut ist scheiße. Ich hab nix und gut ist auch nix.“
Herbert schiebt wieder seine Kugel. Sie trifft wieder nicht. Heute hat er noch gar nicht getroffen. Er kann heute nicht mal gerade laufen, die Kugel schon gar nicht. Ich habe Angst um ihn. Er baut immer mehr ab. Er ist immer öfter betäubt. Ich kann ihn sogar verstehen. Was erwartet ihn noch? Außer mir hat er niemanden. Und selbst ich wende mich schleichend von ihm ab. So wie er sich vom Leben.
„Lass uns nächste Woche lieber wieder Bowlen gehen, Herbert“, sage ich am Ende. Es war kaum zu ertragen. Die Leute schauen und können sich nicht entscheiden zwischen Mitleid und Ekel, Verachtung und Ignoranz.
„Nein“, sagt er. „Heute ist das letzte Mal.“
Er schaut mich an. Wieder irritiert und verblüfft er mich. Sein Blick ist fest und doch traurig.
„Weil es vorbei ist. Der Countdown meines Lebens ist am Ende.
Alle Zähne sind schon weg.
Acht geben tut niemand auf mich.
Meine sieben Sachen habe ich schon vor langer Zeit verloren.
Sex hatte ich schon ewig nicht mehr.
Ohne fünf gerade sein zu lassen, wäre ich schon längst weg.
Ich bin öfter alle allen vieren denn aufrecht.
Alle guten Dinge sind drei, aber es gibt keine guten Dinge in meinem Leben.
Wir zwei sind die letzten, die von mir wissen.
Ich schaue ihn mit großen Augen an. Woher kommen solche Gedanken, welche Räume muss dieser Mensch in sich noch versteckt haben, die solche Gedanken hervorbringen.
„Und was ist mit der neun?“, frage ich. „Die hast du vergessen.“
„Nein“, sagt er. „Die habe ich nicht vergessen. Dafür sind wir hier.“
Er nimmt die Kugel und lässt sie mit kraftvoller Ruhe über die Bahn rollen. Sie wirft die Kegel um. Alle. Wie in Zeitlupe fallen sie um. Neunmal klackt es. Und ich sehe versteinert ans Ende der Bahn, bis die Maschine die Kegel an ihren Strippen in die Höhe zieht wie Marionetten.
„Alle neune“, murmele ich vor mich hin. Ich schaue zur Seite, dorthin wo Herbert gerade noch stand. Doch er ist weg. Er hat den Countdown seines Lebens vollendet. Ich werde ihn nie mehr wiedersehen.