Wie in Watte
Sie fühlt sich rastlos, seit Wochen. Springt von einem Gedanken zum anderen, von einem Tab zum nächsten, bringt nichts zu Ende. Sie ist rastlos, wartet auf Nachrichten von Daniel. Kommen Nachrichten von Jakob, dann hört sie nur mit halbem Ohr zu. Sie checkt WhatsApp so oft, dass das fahle Licht des Screens sie schwindelig macht. Zuckt zusammen, wenn in der Liste der letzten Kontakte Daniel und Jakob direkt untereinanderstehen. Wenn sie mit beiden gleichzeitig schreibt. „Du bist so abgezockt“, sagt sie zu sich. „Seit wann bist du so abgebrüht, es tut dir anscheinend nicht mal leid? Du bist ein Monster“, zischt sie sich zu. Krallt mit den Fingernägeln in die Haut ihres Unterarms, bis es schmerzt. Doch es kommt nicht an, das Hirn wie in Watte gepackt. Als gäbe es keinen Clash zwischen den horny Küssen mit Daniel und der Beziehung mit Jakob.
Und dann kommt in manchen Momenten die Traurigkeit über sie wie eine Welle. Packt sie unerwartet, lässt sie kaum noch atmen, schüttelt sie. Die verschmierte Wimpertusche zieht schwarze Striemen durch ihr Gesicht. Das Weinen bringt kurzfristig Erleichterung, dann schnürt sich der Knoten im Bauch langsam wieder enger. Wenn sie sich nachts berührt, stellt sie sich Daniel vor, seinen nackten Körper. Erinnert sich an die Lust, die in seiner Stimme lag, als sie nachts an der Ecke vor dem Supermarkt küssend übereinander hergefallen sind. Sie stellt sich vor, wie er sie langsam auszieht und sie seinen Körper mit Küssen bedeckt. Wie sie miteinander schlafen und in der Fantasie gibt es keine Grenzen, also malt sie es sich so lustvoll aus, wie sie möchte. Sie kennt ihn kaum, eine perfekte Projektionsfläche. Sie kommt, jedes Mal, aber es sind flache Orgasmen. Dann fällt ihr wieder ein, dass sie allein in ihrem Bett liegt. Sie fühlt sich unberührt, unausgelastet. Sie guckt wieder auf den Screen, keine neuen Nachrichten. Sie schaltet das Internet an ihrem Handy aus, schlägt ein Buch auf, versucht zu lesen. Sie blättert, liest ein paar halbe Sätze. Legt das Buch weg, schaltet das Internet an ihrem Handy wieder ein, checkt WhatsApp auf neue Nachrichten. Sie muss sich daran erinnern, Jakob eine gute Nacht zu wünschen. In letzter Zeit telefonieren sie kaum, er ist busy, - sie ist nicht so busy, aber unsicher in ihren Gefühlen.
Wenn sie morgens aufwacht, dauert es einen Moment, bis ihr alles wieder einfällt. Sie will das Handy auslassen, zumindest die ersten paar Stunden. Aber sie will auch sehen, ob Daniel geschrieben hat. Sie ärgert sich darüber, wie oft er in ihrem Kopf rumspukt. Sie will sich auf die Dinge fokussieren, die sie an ihm stören. Sie will wieder mehr an Jakob denken. Sie will die sein, die sie vorher war. Unschuldiger, purer in ihren Gefühlen. Sie will Steuerung Z drücken, zurück in eine Zeit reisen, als die Dinge zwischen ihr und Jakob noch klar waren. Oder auf Vorspulen drücken, in eine Zeit, in der die Dinge wieder klar sind, in welcher Form auch immer.


















