Der Entzug im (vom?) Alltag
Ich weiß nicht genau warum und obwohl mir überaus bewusst ist, dass meine Texte maximal und zufällig von ca. zwei Personen gelesen werden, schreibe ich für mein Leben gerne. Der Aspekt des Bedürfnisses nach Selbstdarstellung mag sicherlich vorhanden sein aber in Hinblick auf meine Themen und Reichweite, sollte man die Butter bei den Fischen belassen und diesen Ansatz nicht überbewerten, zumal der Fokus meiner Texte nicht darauf abzielt, mich gut aussehen zu lassen, sondern eher darauf, Momentaufnahmen einer teilweise ekelhaften Realität abzuzeichnen. Dabei sehe ich wörtlich gesprochen und im Angesicht meines derzeitigem Alters tatsächlich gut aus aber das lassen wir schön aussen vor und ich versuche zu vermeiden, einen im Volksmund “eingebildeten” Eindruck zu vermitteln. Aber nein, für meine beinahe 44 Jahre, sucht mein Arsch Seinesgleichen, Falten sind Mangelware und es musste lediglich das lückenhafte Haar einer frisch rasierten und konsequenten Glatze weichen, was den Alltag jedoch enorm erleichtert, da ich jemand bin, der seine Kollegen, deren Nacht sich stets an der morgentlichen “Frisur” abzeichnete, immerzu ein Stück weit belächelte und mir stets die Mühe machte, mir jeden Morgen meine Haare zu waschen und auf den selben Level eines beispielsweise bevorstehenden Clubnesuchs brachte.
Wahrheit statt Heldenepos.
Sofern dies im Rahmen meiner bescheidenen Fähigkeiten in puncto Selbstreflexion möglich ist. Nichts ist objektiv. Nichts kann objektiv sein aber wem erzähle ich das? Es wird nächstes Jahr um Mai/Juni stattfinden, dass ich für mich im Stillen, ohne Stolz, sondern eher schockiert zurückblicke und das dreißigjährige Jubiläum meiner Suchterkrankung nicht feiere, sondern kritisch reflektiere und allø meinen unzähligen bis dato verstorbenen Freunden gedenke. Aber zum Thema: Ich konnte es mal wieder nicht lassen, bei dem, bei dem ich keinerlei Ahnung habe, ob ich Freund, Kumpel, Bekannter oder einfach nur zahlender Kunde bin, 50 retardierte 100-er Morphin-Stada-Tabletten, welche ich sofort aufkauftte. Rosige Aussichten, denn mir war eines klar: Für die nächsten Tage werde ich der sein, den ich lieber mag. Der nettere Typ von uns beiden. Der ohne Depressionen, der unverbesserliche Pessimist. Der Leistungsfähige mit Energie, Elan, der der gute Laune verbreitet, andere aufbaut. Ihnen Mut macht und ihre Schwächen und Defizite kennt, sie jedoch nicht gegen sie einsetzt, sondern sie aufbaut, ihnen Gutes tut. Empathie als Segen sieht, andere zu stärken. Da war er wieder. Für zumindest zweieinhalb bis drei Wochen. Meinen letzten Job verlor ich aufgrund krankheitsbedingter Fehlzeiten. Burnout, Depressionen. Es war jedoch auch von Herzen willkommener Anlass, jemanden loszuwerden, der die vermeintliche Moral der Kollegen stets untergrub, die Korruption des Betriebsrates, die widerwärtigen Führungsmethoden, sowie das nach aussen, zum Kunden, völlig heuchlerisch-absurde Saubermann-Image thematisierte und den Menschen bei jeder Gelegenheit vor Augen führte, dass sie von ihrem weltweit hochangesehenen Arbeitgeber wie Dreck behandelt werden. Bei “alten Hasen” völlig vergebens, da sie seit Jahrzehnten genau das als völlig normale, nein, als sehr gute Arbeit ansahen. Beinahe Stolz empfanden, diesem Verbrecherkartell dienen zu dürfen und von den durchschnittlich und jährlich rund viereinhalb Milliarden Reingewinn nach allen Kosten und Investitionen, ein paar Euro abzubekommen. Wir bekamen jährlich und je nach Gewinn relativ hohe “Mitarbeitererfolgsprämien” aber dennoch man mal herumfragte, was die Kollegen mit diesem Geld anstellten, machte sich Ernüchterung breit. Ein noch größerer Fernseher, ein noch schnelleres Auto,ļ haufenweise Elektronikschrott von Media Markt und Konsorten, vor allem immer das neuste iPhone. Nicht einmal Reisen, ausser an den Ballermann und als ich mal etwähnte, etwas gespendet zu haben, glaubte mir niemand. Bei den jüngeren Kollegen fand ich mehr Gehör aber die waren im System noch tiefer gefangen und ca. 70% derer unter dreißig Jahren, alsolvierten noch nebenher die Meisterschule, in der Hoffnung, aufzusteigen und keiner von ihnen schien bereit, sich die reellen Chancen wenigstens mal grob zu überschlagen, denn wenn man einen Fließbandabschnitt nahm, die Mitarbeiter pro Schicht auf ca. fünfzig Personen zählte, auf die jeweils ein Abteilungsleiter fiel, der jedoch sterben oder in Rente gehen müsste, um diese Position zu erreichen, hatte man noch rund dreißig Konkurrenten, die ebenfalls die Meisterschule besuchten und davon träumten, eines Tages diesen vermeintlichen Aufstieg zu erreichen. Das System funktionierte in Perfektion. Obrigkeitshörigkeit und Intriganz bis zur völligen Aufgabe von Werten umd Selbstachtung. Was dem Arbeitgeber auch sehr gut gefiel war, wenn man zur firmeninternen Husbank wechselte, die einem quasi jeden Kredit zu günstigsten Konditionen aufdrängten, um damit ein Eigenheim zu finanzieren. Somit machte man die Sklaven noch anhängiger von Job und Firma und sie waren bis zur Rente oder Tod das Ergebenste, was einem Unternehmen passieren kann aber ich drifte schon wieder ab. Zum Glück wurde ich entlassen, ging vors Arbeitsgericht und erstritt mir noch eine in Bezug auf meine kurze Betriebszugehörigkeit eine völlig absurd hohe Abfindung und befinde mich nun in einer vom Arbeitsamt finanzierten, regulären Umschulungsmaßnahme zum Fachinformatiker. Mit MCSA-Microsoft-Zertifizierungen umd allerlei Unsinnigem aber die Hauptsache ist doch, dass ich nicht arbeiten muss. Nur lernen. Und das sehr viel. Umd was passiert dann nun, wenn man nach dem Aufstehen erstmal eine 100-er Morphin entretardiert und das Frühstück darstellt? Man ist hochmotiviert, leistungsfähig, belastbar, ausgeglichen, im höchstem Maße sozialkompetent, hilfsbereit, lustig, beliebt. Konfliktmanagement wird unnötig, da keine Konflikte mehr entstehen. Man entschärft alles bereits am ersten Keimling und das nur mit einer Methode: Der echten Nettigkeit, die vom Herzen kommt. Mit Liebe. Mit gutem Willen. Und aus tiefster Überzeugung. Du liebst dich, bist mit dir im Reinen, strahlst das aus und übertägst da automatisch auf andere. Das ist herrlich. Du kommst mit allem und jedem klar und hast Power. Lernst auch mal bis in die Nacht, um zu glänzen. Alles ist gut, scheint gut zu sein. Insbesondere auch privat. Es hält nur leider nicht ewig. Irgendwann kommt dieser eine Morgen, an dem der Wecker klingelt und du trotz einer morgentlichen Temperatur von 25° Celsius frierst und dich auf eine bestimmte Art unsicher und unwohl fühlst. Sind die Superkräfte wieder weg? Wir werden es später erfahren, wenn ich diesen Blog weiterschreibe, liebe Community und liebe @stillsnowinjune. Grüße aus dem Süden! 😊






