Unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht. In welchen rasanten ZĂŒgen, Hals ĂŒber Kopf, sich die Dinge Ă€ndern und man nebenher kaum eine ruhige Sekunde zum atmen hat.
Gruselig, wie anders plötzlich alles geworden ist, wie abrupt es scheint, obwohl die Uhr schon etwas mehr als ein halbes Jahrzehnt zÀhlt.
Erschreckend, wie selten wir realisieren, dass die Dinge ihren Lauf genommen haben und wir nun an einem vollkommen anderen Punkt stehen als in dem letzten Moment, den wir uns selbst zum Verschnaufen gönnten.
- Heldenkotze, Notebook, 03.01.2016, 14.53
Ich muss ehrlich zugeben, dass sich alles um mich herum dreht und ich ein bisschen weine, weil mir zwei dicke Steine von den Augen gefallen sind und ich erst jetzt verinnerliche, wie radikal divergent das Leben geworden ist, ebenso wie ich selbst. Mein ganzes Leben lang hatte ich befĂŒrchtet, irgendwann alt zu werden - oder mich immerhin so zu fĂŒhlen. Davon abgesehen hatte ich auch nahezu nie in meiner bewussten Lebenszeit auch nur eine Sekunde ernsthaft gedacht, ich wĂŒrde mein jetziges Alter erreichen.
Sicherlich bin ich nicht alt, nicht körperlich. Im Gegenteil. Das braucht mir niemand sagen. Aber ich fĂŒhle mich, als wĂ€ren Jahrhunderte vergangen. Es liegen Welten zwischen dem was war und was ist. Zwischen dem, wer ich war und wer ich bin. Das schockiert mich zutiefst.
In den vergangenen zwei Wochen sind mir etliche Dinge passiert, die das alles ein wenig hochgekramt haben.
Ich habe beim Aussortieren meines Computers meinen alten Blog gefunden, Heldenkotze, den ich damals im Winter 2010/2011 zu schreiben begann und dann nach etlichem hin und her etwa ein Jahr spĂ€ter alle Texte zusammengesammelt und in einem neuen Blog (erneut und unverĂ€ndert Heldenkotze) festhielt. Da kam auch etliches dazu, im Verlaufe der folgenden Monate, bis ich schlieĂlich im Mai 2012 den Blog gelöscht, alle Inhalte aber in einer Datei abgespeichert hatte. âFĂŒr die Nachweltâ, habe ich mir damals gesagt. Das war natĂŒrlich der gröĂte Mist, das ist weder fĂŒr die Nachwelt noch fĂŒr sonst jemanden bestimmt gewesen. Es war einfach fĂŒr mich selbst und weil ich mich noch nie von Dingen trennen konnte. Von meiner eigenen Geschichte und dem was ich war und was mich ausmachte schon gar nicht. Ich kann mich sogar mehr als lebendig an die Entstehung meines Namens, meiner Identifikation âHeldenkotzeâ erinnern als wĂ€re es gestern gewesen.
Wenige Tage spĂ€ter, nach dem Ausmisten und Wiederfinden des Blogs, lief mir tatsĂ€chlich mein ehemals bester Freund, Max, ĂŒber den Weg. Als ich zwölf war, lernte ich ihn kennen und obwohl er zu der Zeit bedeutend Ă€lter war, freundeten wir uns unfassbar schnell an. Etwa anderthalb Jahre spĂ€ter hatten wir was. Ich war richtig böse verliebt und er, huh, er war Max und ein Idiot. Das letzte Mal habe ich mit ihm geredet als ich vierzehn war. Ewig her. Der letzte Satz, den ich ihm gesagt hatte, war âDu solltest dich kastrieren lassen. Du bist eine Beleidigung der MĂ€nnlichkeit.â.
Meine Blogs und die dort veröffentlichten Geschichten handelten anfangs von ihm. Ich konnte mich viel zu lange nicht trennen. Es war also lange, lange her, dass wir geredet hatten und wie aus dem Nichts steht am Weihnachtsmorgen in der menschenleeren Stadt neben mir und umarmt mich. Ich musste zwei Minuten ĂŒberlegen, wer er und ob er es ist. Wir haben kurz ein paar Worte gewechselt, was, wie bereits mehrfach gesagt, eigentlich schon lĂ€ngst der nicht-wieder-lebendig-gewĂŒnschten Vergangenheit angehörte. Aber gut. Ich glaube, selten hat es ein Mensch geschafft, innerhalb von fĂŒnfzehn Minuten so viel von der Vergangenheit hochzuholen, indem er es nicht einmal aussprach, lediglich andeutete. Ungewollt hatte ich sofort den Geruch des Parfums âRalf Möllerâ in der Nase, in dem er immer förmlich badete als wir uns noch so nahe standen. Und das, obwohl es so, so lange her ist. Mit dem Parfum jagten mir auch weitere Erinnerungen nach und seit diesem Tag begann ich das, was das Wiederfinden meines Blogs schon ein wenig angeknabbert hatte, zu ĂŒberdenken, ĂŒberanalysieren, aufleben und durchforsten. Die Vergangenheit stĂŒckchenweise aufzuwĂŒhlen, da ich mich schlieĂlich nicht mit dem Hier und Jetzt befassen muss, wenn ich mich in Altem verstecke.
Kurzerhand wĂŒhlte ich mein Zimmer um und fand mein altes Tagebuch, das den letzten meines zwölften und die beiden ersten Monate meines dreizehnten Lebensjahres genauestens schilderte. Das war wider Erwarten tatsĂ€chlich ein HeidenspaĂ. Aber mir hat das nicht gereicht.
Ich suchte erfolgreich alte ChatverlĂ€ufe, Briefe und Fotos. Parallel dazu fiel mir durch Zufall ein kleines BĂŒchlein in die Hand, in welchem ich damals wichtige Stichpunkte festhielt. Unteranderem die URL des Blogs meines Exfreundes. Ich nahm mir eine Nacht Zeit, las seinen damaligen Blog, fand zusĂ€tzlich auf der Speicherkarte meines alten Handys massenweise Fotos von ihm, Screenshots von ChatverlĂ€ufen, Formspring und Ă€hnlichem und habe mich gefĂŒhlt wie frisch verliebt in einen Mann, den ich nie aufgehört habe zu lieben. Ich bin unsere Geschichte von vorne bis hinten durchgegangen und obwohl ich das GedĂ€chtnis eines Elefanten habe und mich an absolut alles erinnern kann, die GefĂŒhle kannte und mich in die Situationen von vor einem halben Jahrzehnt reinversetzen konnte als seien sie gestern gewesen, kroch etwas seltsam Fremdes in mir hoch. Alles. Alles, alles, alles hatte ich nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen. Und trotzdem erschreckt es so sehr, zu sehen wie sich die Dinge verĂ€ndert haben. Wir wir gewachsen und vor allem mit und ineinander gewachsen sind. Wie wir uns gemeinsam stĂŒckchenweise bewegt, verĂ€ndert und einander maĂgeblich geprĂ€gt haben. In diesem Licht betrachtet, wĂŒrde ich sagen, er war mein kleines Lebensprojekt und ich war das Seine. Nichts hat mich in den wesentlichen Entwicklungsjahren eines jungen Menschen mehr beeinflusst und signiert als er.
In all den DĂŒften des Vergangenen fiel mir ein, dass ich meinen Blogspot sogar noch besitze und der Account seit 2011 nicht mehr gelöscht wurde. (Das habe ich frĂŒher immer besonders gerne gemacht. Wenn mir was nicht passte, löschte ich es einfach und fing eigentlich genau dasselbe noch einmal von vorne an.)
Ich suchte, loggte mich ein und das erste, was mir entgegensprang war eine Blogliste, in der meine damaligen fĂŒnf Lieblingsblogs aufgereiht waren. Der erste, der mir ins Auge fiel und, nachdem ich den fĂŒr meinen Exfreund zustĂ€ndigen Bereich meines Gehirns ja bereits aufgescheucht hatte, mir ein unerwartet intensives Stechen in der Brust bescherte, war âthis sufferingâ. Na Fred, erinnerst du dich?
Gott, habe ich geweint. Das Leben meines liebsten Frederik in Bruchteilen auf dem Bildschirm vor mir zu sehen, hat geschmerzt, das gebe ich zu. Da sein Blog schon seit mindestens vier Jahren nicht mehr existiert und er auch nicht lange aktiv war, blieb davon nur das ĂŒbrig, was das liebe Blogger gespeichert hatte. Sprich die ersten drei oder vier SĂ€tze jedes Posts.
Auf diesen Emotionsschock hin kramte ich durch alle meine NotizbĂŒcher, meine Skype und ICQ-VerlĂ€ufe, mein Facebook, meine Fotos und meine Briefe. SelbstverstĂ€ndlich fand ich einiges. Mit einem Schlag hatte ich den Goldschopf vor meinen Augen, wie er auf einer Leiter steht, telefoniert, sich die ZĂ€hne putzt und nebenbei mit der anderen Hand eine GlĂŒhbirne wechselt. (Nein, die Geschichte ist nicht allzu positiv ausgegangen. DafĂŒr, dass er eigentlich ein Multitalent war, war er auch ziemlich tollpatschig, mein liebster Fred.) Ein wenig grinsen musste ich dabei schon, wohlbemerkt aber mit TrĂ€nen in den Augen.Â
Es ist jetzt zweieinhalb Jahre her, dass Fred mein Leben verlassen hat und ich vermisse ihn unverĂ€ndert. Die vorangegangenen Jahre hat er mich unglaublich unterstĂŒtzt und stand mir mit seiner nicht in Worte fassbaren Fred-Art immer zur Seite. Ich mag ein bisschen verliebt klingen, aber zugegeben stand mir selten jemand auf eine rein freundschaftliche Art beider Seiten so unfassbar nah. Ich wĂŒrde fast sagen, nie. Wenn es etwas wie Seelenverwandte gibt, dann war er meiner. Das hatten wir auch damals schon immer gesagt, stimmtâs, Fredsn?
AuĂerdem habe ich seit einigen Monaten wieder engen Kontakt zu der Ex meines Ex. Und ich muss gestehen, dass ich selten so eine unerwartete Zuneigung jemandem gegenĂŒber empfunden habe. Mit ihrer RĂŒckkehr in mein Leben (wobei ich aber anmerken muss, dass sie durch die Verbindung zu meinem Exfreund und der eher unschönen Geschichte unserer zu zwei Dritteln ungewollten Dreiecksbeziehung, nie wirklich aus meinem Leben verschwunden ist), brachte sie auch etliches an gemeinsamer Geschichte wieder mit, die zwar immer prĂ€sent war, vor der ich aber durchaus ein- oder zweimal versucht hatte davonzulaufen. Erst vor wenigen Monaten habe ich dank ihr angefangen, diesen, sachte gesagt, traumatisierenden Teil meiner Vergangenheit ein wenig aufzu- und zu verarbeiten. Nach Jahren. Eine ganze Ewigkeit habe ich darauf rumgekaut wie eine Kuh auf ihrem Gras und nach jedem Schlucken kam es erneut hoch. Dank ihr beginne ich langsam zu verdauen. Sehr langsam zwar, aber immerhin. Davon abgesehen ist sie ein wundervoller Mensch, was in mir unwillkĂŒrlich auch unsere AnnĂ€herungsversuche, aber auch RivalitĂ€ten von vor drei, vier, fĂŒnf Jahren in das GedĂ€chtnis ruft. Wie sie war, wie ich war. Und wieder sehe ich, wie unglaublich sehr wir beide uns verĂ€ndert haben und damit auch, wie alt ich geworden bin.
All diese Dinge, und zugegeben noch einiges mehr, in der Summe, erwecken die VerÀnderung, den Fortschritt, den Abhang, den Absturz und den unvermeidlich auf mich zurasenden Zeitschwund zum Leben und lassen ihn Wirklichkeit werden.
Ich erinnere mich noch, wie ich mit zwölf, dreizehn durch die Stadt geturnt bin, zu den âcool kidsâ gehörte, mich geschmeichelt gefĂŒhlt habe, weil ich immer mit den Ălteren zusammen war und mein damaliger Freundeskreis, der mich zugegeben wirklich liebte und von dem ich zu etlichen noch Kontakt halte, wenn auch nicht mehr so eng, um die sechs Jahre im Schnitt Ă€lter war als ich.
Ich erinnere mich noch, wie ich es damals viel leichter als heute geschafft habe, meine psychischen Defizite zu verdrĂ€ngen, wie gut ich im Maske-Aufsetzen war und wie aufgeweckt, wenn mein Kopf nicht die Oberhand gewonnen hat. Damals war ich viel mehr âentzweiâ als heute, auch wenn die Diagnose etwas anderes sagt.
Ich erinnere mich noch, wie ich mit dreizehn das erste mal so richtig verliebt war, in das âMĂ€xchenâ und ich meinen ersten âwirklichenâ Kuss hinter dem Fahrstuhl der Schule hatte, als er mich aus dem Biounterricht simste und er seine Klasse mit PrĂŒfungsvorbereitungen, wĂ€hrend ich meine mit dem Basteln und Bemalen eines Herzmodells zurĂŒcklieĂ.
Ich erinnere mich noch, wie man tatsĂ€chlich noch âgesimstâ und nicht âWhatsapp-Nachrichten versendetâ hat.
Ich erinnere mich noch, wie ich mit vierzehn mein Pony schneiden wollte, dabei aber leider die Stirn extrem gerunzelt habe, weswegen mein Pony vieeel zu kurz wurde und ich es dann einfach rauswachsen lieĂ. (Allen anderen habe ich erzĂ€hlt, dass ich mein Pony nicht mehr mochte. Ganz gelogen war es nicht, da ich es wirklich langweilig und nervig fand, weswegen ich auch schon Wochen vorher mit dem Gedanken spielte, es einfach beiseite zu nehmen. Der ausschlaggebende Anlass war dennoch mein unĂŒberlegtes Schneiden.)
Ich erinnere mich noch, wie ich mit vierzehn meinen besten Freund kennen lernte und ich mich bei ihm auf Anhieb wohler fĂŒhlte als bei jedem anderen. Das war in der Tanzschule. Meine Freundinnen und ich standen in unserer kleinen Gruppe, haben gelacht und rumgealbert, uns prĂ€chtig amĂŒsiert, obwohl die meisten den âStandardtanzunterrichtâ lediglich auf Wunsch der Eltern besuchten. Mein bester Freund kam mit einem seiner damals engsten Freunde ein wenig zu spĂ€t. Aufgefallen sind die beiden aber auch durch ihre unglaubliche Ausstrahlung und ihre weiĂen Hemden. Nach der Tanzschule haben alle MĂ€dchen ĂŒber âden mit den Lockenâ gesprochen und ich teilte meiner damals besten Freundin trocken, aber mit einem Grinsen auf den Lippen mit, dass ich es schon hin bekomme, ihn dazu zu bewegen, mich aufzufordern und zwar ohne, dass ich direkt etwas mache oder auf ihn zugehe. Die nĂ€chste Tanzstunde sollten die Jungs dann jeweils die MĂ€dchen auffordern und er, mein bester Freund, sowie der andere âim weiĂen Hemdâ kamen beide auf mich zu gerannt. âDer mit den Lockenâ ist sogar ĂŒber zwei Tische und eine Bank gesprungen, um als erstes bei mir zu sein, womit er sehr erfolgreich war. Als wir ein paar Jahre spĂ€ter darĂŒber redeten, fiel uns beiden auf, dass sowohl ihm als auch mir und somit auch unserer Freundschaft etliches in die Karten gespielt hat, aber das ist und war so unglaublich unwesentlich. Und daraus ist eine der schönsten und bestĂ€ndigsten Freundschaften meines Lebens entstanden.
Ich erinnere mich, wie ich mir damals mit vierzehn in Florida mein erstes Tattoo selbst gestochen habe, zusammen mit Aubrie, einer Freundin von dort. Aubrie war eins zu eins mein Ebenbild, nur ein halbes Jahrzehnt Àlter.
Wieder fÀllt mir auf, beim Schreiben, wie sehr sich alles verÀndert hat. Die Welt um mich ist ruhiger geworden, vielleicht bin aber auch nur ich es.
Mit den Jahren wurde ich immer wÀhlerischer, sowohl in Bezug auf meinen Umgang als auch in Bezug auf meine AktivitÀten.
Ich habe ab einem bestimmten Punkt immer weniger geschafft, mich von meinem Kopf zu trennen, der nun mein Leben in einer unfassbar wesentlichen Weise beeinflusst und prÀgt. Ich bin immer mehr ich selbst geworden, ohne auf die Meinung der anderen zu achten.
Meine SehnsĂŒchte haben sich kristallisiert, meine Gedanken schweben um mehr, mein Horizont hat sich erweitert und verĂ€ndert. Mein Umfeld ist nun weniger nur noch amĂŒsant und quirlig, wie ich es damals war, sondern viel mehr inspirierend, unterhaltsam und in deutlich mehr als einer Hinsicht bereichernd. Zudem hat es sich aufgrund meiner extremen Selektion der letzten Jahre bedeutend verkleinert. Ich kann mich besser ausdrĂŒcken als frĂŒher und halte meine ZĂŒgel passender. Es sind andere Dinge, die mich glĂŒcklich machen oder glĂŒcklich machen könnten. Ich bin unverĂ€ndert die, die sich selbst ihre Tattoos sticht, mit Gitarre auf irgendwelchen DĂ€chern oder in hohen Fensterbrettern sitzt und alten Rock spielt. Ich bin unverĂ€ndert âRebellin und mehr Hood als Robinâ, vielleicht âwenn der Tod seinen schwarzen Umhang abwirft, sieht er aus wie ichâ (das war unter anderem die alte Beschreibung meines Blogspot). Ich bin unverĂ€ndert das MondmĂ€dchen, das ich damals schon war und diejenige, die ihre Gedanken in Tinte ausblutet. Noch immer plagt mich das Fernweh und die StraĂe ruft. Das war ich, das bin ich. Aber alle damals angelachten, manchmal unbewusst vorgetĂ€uschten Dinge bin ich nicht mehr. Der rote Faden zieht sich durch, aber das Drumherum verĂ€ndert sich.
Ich fĂŒhle mich heute mehr wie ich als damals. Trotzdem vermisse ich das grenzenlos aufgeweckte, laute, bunte Kind von damals manchmal ein wenig in mir. Und ich frage mich, wenn auch nicht trauernd, wann und wo ich es umgebracht habe.
ursprĂŒnglich veröffentlicht auf:
http://heldenkotze.blogspot.com/ am 03.01.2016, 16.26 Uhr
http://heldenkotze.tumblr.com/