Meine Nacht mit Pete Doherty
Pete Doherty spielt heute im White Trash. Geheimkonzert. Hm. Wer in Kreuzberg lebt, dem begegnen solche spontanen Ankündigungen gelegentlich. Manchmal ist was dran, allzu oft hat sich einfach irgendwer zu weit aus dem Fenster gelehnt. Als die Nachricht mich erreicht habe ich mich grade über den Tatort zu Ende geärgert und bin eigentlich bettfein. Ich hadere eine halbe Stunde und mache mich schließlich auf den Weg. Bei Doherty weiß man schließlich nie, ob sein Lebensstil es einem nicht früher oder später unmöglich machen wird, nochmal eine solche Gelegenheit zu bekommen.
Von meiner Wohnung ist das White Trash in zehn Gehminuten erreichbar. Als ich ankomme geht die Schlange bis zum Club der Visionäre. Es ist arschkalt. Minus elf Grad, um genau zu sein. Langsam schiebe ich mich vorwärts. Als ich den Eingang zu sehen bekomme ist eine halbe Stunde vergangen und ich wünsche mir inniglich meine Zehen nicht mehr zu spüren. Stattdessen brennen sie weiter vor Kälte. Das jazzartige Gedudel der tatsächlich angesagten Band aus den Boxen am Wegesrand hilft nicht wirklich. Weitere zwanzig Minuten und fünfzehn Euro später stehe ich mit einem Glühwein in der Hand (Ja, ich weiß, aber es ist wirklich wirklich kalt!) im Raucherzelt dieses hippen Burgerrestaurants der dritten Generation. Meine Zehen schmerzen mit zunehmender Intensität, bis das Blut sich schließlich durch- und wohlige Wärme einsetzt. Es ist mittlerweile 23:45h. Wie meine Leidensgenossen in der Schlange mich haben wissen lassen, soll Doherty um 00:00h anfangen. Auf dem Weg zur Bühne treffe ich ein paar Freunde, die einen Tisch direkt am Ort des Geschehens halten. Ich lasse mich nieder, quatsche, warte.
Um 00:50 betritt Pete Doherty die Bühne. Er hat, im Vergleich zu dem Bild in meinem Kopf, ganz ordentlich zugelegt, ein leichter Mannbusen zeichnet sich unter seinem Poloshirt ab. Außerdem trägt er Schiebermütze und sieht alles in allem gewohnt schluderig, aber tatsächlich kaum krank oder kaputt aus. Ich freue mich fast ein bisschen für ihn. Noch vor ihm hat ein junger Mann die Bühne betreten, der ein Gedicht namens Epic Fail vorzutragen ankündigt. Doch mitten hinein kommt bereits Pete, fängt an zu spielen und sofort ist alles wunderbar. Ich stehe keine zwei Meter von ihm entfernt auf einem Stuhl und höre zu. Er ist großartig. Dazu noch gut drauf. Er schäkert, lacht, interagiert und hat sichtlich Spaß an sich und seinem Publikum. Ein Genie zu sehen ist per se toll. Ein gut aufgelegtes Genie zu sehen ist – wie gesagt – großartig.
Die Menge, vielleicht 400 Leute, geht mit, redet mit ihm, schlägt Songs vor. Sie beten ihn an. Immer mal wieder kommt sein – tja, was eigentlich? – sagen wir einfach: sein Sidekick kommt auf die Bühne, liest etwas vor, oder wird von Pete geärgert. Sidekick scheint großen Wert auf sein Äußeres zu legen. Ebenso darauf, möglichst lässig zu wirken, als wäre seine Rolle ebenso unverzichtbar, wie selbstverständlich. Er stört ein bisschen. Nach fast jedem Song tippt Doherty etwas auf einer vorher eigens auf der Bühne installierten Schreibmaschine. Möglicherweise produziert er dabei Sidekicks zukünftige Textbeiträge. Ich habe erfahrungsgemäß mit etwa einer Stunde Spielzeit gerechnet. Seit Doherty durch kleine, allzu oft deutsche Clubs tingelt, ist das in etwa sein Standard. Als besagte 60 Minuten vorbei sind, setzt er zu Fuck Forever an. Klassischer Abschlusssong und natürlich – großartig. Mittendrin, eigentlich sogar auf dem absoluten Höhepunkt, hört er abrupt auf zu spielen, schlägt zehn Minuten Pause vor und geht samt Schreibmaschine von der Bühne.
Ich weiß nicht so recht ob ich glaube, dass er tatsächlich nochmal zurück kommt. Als sich nach fünfunddreißig Minuten niemand von seinem Platz bewegt hat, belehrt Doherty mich eines besseren. Er hat jetzt einen Mantel an, dafür keine Mütze mehr. Der Mantel bleibt nur für einen Song, aber etwas anderes hat sich verändert. Pete Doherty ist mittlerweile betrunken. Schon klar, dass das erst einmal nicht weiter zu verwundern vermag. Aber es stört mich mehr, als ich gedacht hätte. Ein aufdringlicher Gast kommt zunehmend mit ihm ins Gespräch und schleppt einen Drink nach dem anderen für ihn an – zusätzlich zu den diversen Whiskey Sours und Cranberry Irgendwas, die seine Entourage um Sidekick ihm laufend vorsetzt. Nachdem er drei Longdrinks in sechs Zügen und circa einer Viertelstunde geleert hat, ist es soweit. Beim Versuch das Bühnenequipment zu erklimmen stürzt Pete kopfüber ins Publikum, schlägt fast ungebremst auf dem Boden auf.
Da ist er also wieder, dieser Doherty, den sogar meine Eltern kennen: der kaputte Typ, bei dem keiner versteht, was Kate Moss mal an ihm zu finden geglaubt haben könnte. Auf dem Boden liegend spielt weiter Gitarre, bis das Lied vorbei ist, lässt sich erst dann von der Security auf die Beine helfen und kehrt unter dem tosenden Jubel seiner Jünger zurück auf die Bühne. Er spielt noch eine weitere dreiviertel Stunde. Es ist jetzt eher ein Medley, immer wieder unterbrochen durch Texthänger oder ein paar vorlaute Fans, die nun meinen mit diesem betrunkenen Genie auf Augenhöhe agieren zu können. Mittenrein in diese eher traurig anzuschauende, wenngleich musikalisch immer noch hörenswerte Restveranstaltung; mittenrein in das Cliche des besoffenen Pete platzt ein wahrhaft großer Moment. Doherty holt einen Fan auf die Bühne, der ihn auf der Mundharmonika begleitet. Der Mann gibt alles und erschafft zusammen mit dem Protagonisten einbisschen Magie, die allen wirklich nah zu gehen scheint.
Um 03:45h schmeißt Pete Doherty seine Gitarre im hohen Bogen zu seinem Roadie (er fängt), kickt das Mikrofon fast sanft mit dem Po um, klemmt sich seine Schreibmaschine unter den Arm und verlässt unter tobendem Jubel die Bühne. Ein Abend der kaum Dohertyesker hätte sein können ist nun vorbei. Er hat alles geboten. Ich war glücklich, traurig, beschwingt, elektrisiert, niedergeschlagen, euphorisch. Pete Doherty hat all das ausgelöst, wieder genommen und mich ratlos aber glücklich zurück gelassen.
Auf dem Heimweg durch die immer noch eisige Nacht fange ich an über den Menschen Pete Doherty nachzudenken. Innerhalb von nicht einmal vier Stunden habe ich ihn vergöttert und belächelt, hat er mir leidgetan und mich doch die ganze Zeit mit seiner Kunst begeistert. Ich stelle fest, dass es mir eigentlich gar nicht zusteht über ihn als Menschen nachzudenken. Tue ich das vielleicht wenn ich Mozart höre oder mir einen Rembrandt anschaue? Die Kunst ist getrennt von der Person. So etwas wie Mitleid steht mir dabei ebenso wenig zu, wie eine Verteidigung seines Lebensstils. Das alles geht mich, geht uns alle eigentlich einfach nichts an. Pete Doherty muss offenbar so sein wie er ist, um dass tun zu können, was er tut. Und dafür sollten wir, wenn überhaupt, Dankbarkeit empfinden. Danke Pete, es war großartig mit dir.
Live-Mitschnitt:
https://www.youtube.com/watch?v=yqHAoc7Iu6U
(Edit: Der Kreuzberger „Geheimtipp“ hätte auch bereits 10 Stunden vorher auf Facebook in Erfahrung gebracht werden können.)












