Der Tote im Extra-Waggon (42)
Was für einen typischen Sherlock-Holmes-Fall Marc Gruppe aus Herman Cyril McNeiles Vorlage gezaubert hat! Und welch gelungene Inhaltsangabe! Der Meisterdetektiv agiert entsprechend des Textes auf der Rückseite der CD. Zur Abwechslung ist sein Chronist und Freund Dr. Watson schlecht gelaunt und lässt das insbesondere an Inspektor Lestrade aus, der ebenfalls am Tatort ermittelt. So kommt es zu einer netten Abwechslung innerhalb der Serie: Holmes mäßigt Watson statt andersherum.
Das Hörspiel kommt sehr menschlich und humoristisch daher. Die heiteren Momente ergeben sich aus dem ungewohnten Verhalten bzw. der ungewöhnlichen Zusammenarbeit der bekannten Figuren – allesamt verursacht durch Holmes geheimnisvolle Planungen, die letztlich den Mord in einem spannenden und überraschenden Finale aufklären.
Neben dem gelungenen Fall ist eine weitere Stärke des Hörspiels wie die Handlung so gekonnt mit den bekannten Figuren spielt. Marc Gruppe und Stephan Bosenius verstehen es perfekt das so menschliche Verhalten, welches insbesondere zwischen den gesagten Zeilen zu finden ist, von den großartigen Sprechern auf den Punkt spielen zu lassen. Die Gemütswandlungen von Dr. Watson und Mrs. Hudson haben großen Spaß gemacht.
Joachim Tennstedt (Holmes), Detlef Bierstedt (Watson), Regina Lemnitz (Hudson) und Lutz Reichert (Lestrade) sind in Höchstform. Es ist die reinste Freude ihrem Spiel zu Lauschen. Für mich ist es zugleich das bisher schönste Lestrade-Hörspiel und das erste Mal, das er mir trotz seiner kurzsichtigen Art absolut und durchgängig sympathisch ist. Er ist mir nicht einmal auf die Nerven gegangen!
„Und informieren Sie das Yard, Herr Stationsvorsteher!“, ruft Lestrade in Track 6. „Yard“ wird sich auf „Scotland Yard“ beziehen und die Londoner Polizeibehörde meinen. Laut Duden ist „Scotland Yard“ ein maskuliner Eigenname, daher müsste es „den Yard“ heißen. Es sei denn, Lestrade bezieht sich auf die Längeneinheit „Yard“. Dann ist der Artikel korrekt, aber es dürfte am geistigen Zustand des Inspektors gezweifelt werden. Ich hätte wohl den Eigennamen nicht abgekürzt und keinen Artikel verwendet: „Und informieren Sie Scotland Yard, Herr Stationsvorsteher!“ Das ist nur eine Kleinigkeit, die mir aufgrund meiner John Sinclair Vergangenheit aufgefallen ist. Lestrade ist es zuzutrauen, sich im Eifer beim Artikel zu vergreifen, ebenso wie bei seinen ermittlungsbezogenen Schlussfolgerungen.
Dass es an Lestrades Verhalten einiges auszusetzen gibt, ist Programm. In diesem Fall frage ich mich, ob es ein unbedachtes Vorgehen des Inspektors ist oder in der damaligen Zeit (oder vielleicht heute noch) normal war (ist): Die Zeugen werden nicht separat befragt, sondern in Anwesenheit der anderen Zeugen. Das ist wegen ihrer Einwürfe amüsant, aber ist das klug?
Bert Stevens gehört ebenso zu den Schauspielern, die gekonnt Emotionen stimmlich zum Ausdruck bringen – besonders als er in der Arztrolle dem Inspektor eine unbequeme Wahrheit mitteilen muss.
Ein absoluter Höhepunkt ist Jürgen Thormanns Auftritt als Major Blackton. Wunderbar herablassend! Ich habe mich königlich amüsiert. Dazu gesellt sich Bodo Primos als heiterer, aber „durstiger“ Mr. Meredith.
In weiteren Rollen überzeugen David Nathan, Patrick Bach, Horst Naumann, Ursula Wüsthof und Patrick Stanke. Stanke ist eine Traumbesetzung, wie alle anderen Sprecher in diesem Hörspiel, da sein Spiel und seine Stimme perfekt zu den Eindrücken passen, die der Meisterdetektiv und die Hörer von den Figuren gewinnen sollen.
Ertugrul Edirnes famose Cover-Illustration zeigt eine aufregende Szene vom Anfang des Hörspiels, die sehr gut zum Klangbild des Hörspiels passt. Denn dieses überzeugt mit vielen Details – analog zur Illustration – und bleibt stets unaufdringlich (inklusive der Musik), sodass es unmöglich ist, sich dem Sog des Hörspiels zu entziehen.
Fazit Ein überraschend abwechslungsreiches und kurzweiliges Hörspiel das trotz seiner langen Laufzeit mir jedes Mal aufs Neue wie ein kurzer 50-minütiger Fall vorkommt. Selten hatte ich das Vergnügen einen so typischen Holmes-Kriminalfall so untypisch vielfältig und vor allem unterhaltsam präsentiert zu bekommen. Ganz großes Hörspielkino!















